Drama | USA 2019 | 118 Minuten

Regie: Todd Phillips

Die DC-Comicfigur, die als Nemesis von Batman zu den berühmtesten Superschurken des Genres gehört, als gebrochener Antiheld eines Films, der auf fantastische Elemente ganz verzichtet: Der Comedian Arthur Fleck, der in Gotham City ein armseliges Leben fristet und immer wieder gedmütigt und gequält wird, tötet im Clownskostüm in der U-Bahn drei reiche Schnösel, die ihn angegriffen und zusammengeschlagen haben. Danach wird die Clownsmaske zur Ikone einer Revolte in Gotham, bei der die sozial Abgehängten sich gegen die Elite wenden, und Arthur durchläuft, von der aggressiven Energie das Massen getragen, eine beängstigende Transformation. Der Film spielt in einer Großstadtkulisse, die vage ans New York der 1970er, 1980er Jahre angelehnt ist; sein Porträt einer zerrissenen Gesellschaft scheint nichtsdestotrotz als äußerst gegenwärtiges Stimmungsbild. Ein sowohl in der Bildgestaltung als auch dank des Soundtracks ungemein atmosphärischer Psychothriller, dessen Hauptdarsteller die Leiden und die Entwicklung seiner Figur mit größter Intensität fühlbar macht und eine erschreckend zynische Welt zeichnet, ohne je selbst zynisch zu werden. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
JOKER
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Todd Phillips
Buch
Todd Phillips · Scott Silver
Kamera
Lawrence Sher
Musik
Hildur Guðnadóttir
Schnitt
Jeff Groth
Darsteller
Joaquin Phoenix (Arthur Fleck / Joker) · Robert De Niro (Murray Franklin) · Marc Maron (Ted Marco) · Zazie Beetz (Sophie Dumond) · Shea Whigham (Detective Burke)
Länge
118 Minuten
Kinostart
10.10.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Fantasy | Krimi | Thriller
Diskussion

Die DC-Comicfigur, die als Nemesis von Batman zu den berühmtesten Superschurken des Genres gehört, als gebrochener Antiheld eines fesselnden Psychothrillers, der auf fantastische Elemente ganz verzichtet.

Es braucht keinen Unfall mit Chemikalien wie im Comic, um aus Arthur Fleck den Joker zu machen – die ganze Stadt ist toxisch, ein soziales Säurebad. In den Straßen von Gotham City türmt sich wegen eines Streiks der Müll; die Ratten, die der Unrat anzieht, werden zum massiven Gesundheitsproblem. Noch gefährlicher sind allerdings die Menschen. Während der Comedian Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) auf der Straße versucht, den Passanten im Clownskostüm ein Lächeln abzuringen, wird er von Jugendlichen brutal zusammengeschlagen. Ein Tiefpunkt in einem ohnehin tristen, freudlosen Leben. Das Lachen vergeht Arthur trotzdem nicht: ein ununterdrückbares, zwanghaftes, aus dem Körper förmlich herausbrechendes Lachen, das ihn manchmal anfallartig heimsucht. Schon vom Zuschauen tun einem das Zwerchfell und die Kehle weh.

Der Schmerz der Abgehängten

In Todd Phillips’ „Joker“ über die DC-Comicfigur, die als Nemesis von Bruce Wayne alias Batman zu den wohl bekanntesten Comic-Schurken gehört, findet Arthurs Leiden eine unerwartete Resonanz, die schließlich dazu beiträgt, ihn in den Joker zu verwandeln. Nachdem Arthur im Clownskostüm in der U-Bahn mit einer Pistole, die ihm ein Kollege nach der Attacke der Jugendlichen geschenkt hat, drei Wall-Street-Broker erschossen hat, weil sie zuerst eine mitreisende Frau und dann ihn schikaniert und angegriffen haben, wird der Clown plötzlich zur Ikone aller Elenden und Abgehängten in Gotham.

Dass der reiche Thomas Wayne (Brett Cullen), der fürs Amt des Bürgermeisters kandidiert, bei einer Stellungnahme zu dem U-Bahn-Mord kundtut, dass er den Täter für einen Loser halte, der auf die sozial besser Gestellten eifersüchtig sei, und dass in den Augen jener, die „etwas aus ihrem Leben gemacht haben“, sowieso alle anderen „Clowns“ seien, gießt zusätzliches Öl ins Feuer und sorgt dafür, dass auf Gothams Straßen die Revolte ausbricht. Das damit einhergehende Chaos und die Bestätigung durch die Randalierer, die mit Clownsmasken an den Privilegien von Gothams Elite rütteln, tragen dazu bei, dass sich aus dem geschundenen Kokon des Arthur Fleck der schrecklich-schillernde Schmetterling Joker zu lösen beginnt.

Der Superschurke wird zum gebrochenen Antihelden

Mit der motivischen Bezugnahme auf die "Occupy"-Bewegung erinnert Todd Phillips' Zugriff auf die Comicfigur an den Abschluss von Christopher Nolans „Batman“-Trilogie, „The Dark Knight Rises“. Während dort aber dem Thema der sozialen Revolte am Ende der Stachel genommen wurde - alles stellt sich als eine Intrige der Superschurkin heraus, und Gotham kann zum Status quo zurückkehren - , lässt Todd Phillips den Zorn und den Schmerz der Massen, die in der Joker-Figur einen Ausdruck finden, ungebrochen stehen und verwandelt die Figur vom Superschurken zum gebrochenen Antihelden. Dass ausgerechnet ein Film über den Joker das tut, was das Gros der Superheldenfilme der vergangenen 15 Jahre geflissentlich unterlassen hat – die Kämpfe der Hauptfigur in eine Volksbewegung münden zu lassen – ist eine wahrlich sardonische Pointe.

Hoffnungen darauf, dass der Aufstand etwas zum Besseren verändern könnte, erstickt der Film im Keim. Am Ende regieren Chaos und Destruktion. Und man ahnt voraus, wie das die Sehnsucht nach dem starken (Bat-)Mann, der im Alleingang für Ordnung sorgt, befeuern wird. Angesiedelt ist der Film in einer Stadtkulisse, die ans New York der 1970er-Jahre und an Filme von Martin Scorsese wie „Taxi Driver“ denken lässt (vielleicht auch, weil Robert De Niro eine Nebenrolle spielt), aber dennoch beunruhigend gegenwartsdiagnostisch wirkt - als Stimmungsbild einer USA der sich verschärfenden gesellschaftlichen Gegensätze, des erodierenden Vertrauens in die Funktionsfähigkeit des demokratischen Staatsapparats und der Trump-Präsidentschaft.

Der Film seziert den Zynismus einer kaputten Welt, ohne je selbst zynisch zu sein

Nach dem Auftritt von Jack Nicholson in Tim Burtons „Batman“-Film, der die Figur lange geprägt hat, und der durch den frühen Tod des Schauspielers morbid umwölkten Interpretation von Heath Ledger in „The Dark Knight“ schafft es Joaquin Phoenix, der Figur einen ganz eigenen, fulminanten Stempel aufzudrücken. Phillips’ Inszenierung holt sie, soweit es nur geht, aus der Sphäre des Comics in die Wirklichkeit, indem er auf fantastische, „übermenschliche“ Elemente komplett verzichtet. „Joker“ seziert eine Welt, die so pervertiert ist, dass sich das Lachen mit der Gewalt verschwistert und der Witz am Ende immer auf Kosten der Schwachen gehen muss – die böseste Form des Humors, der Zynismus, den der Film analysiert, ohne je selbst zynisch zu werden.

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