Horror | Kanada 2019 | 90 Minuten

Regie: Vincenzo Natali

Eine Filmadaption der gleichnamigen Erzählung von Stephen King und seinem Sohn Joe Hill: Zwei Geschwister hören bei einem Ausflug ins ländliche Kansas aus dem mannshohen Gras, das sich bis zum Horizont dehnt, die Kinderstimme eines kleinen Jungen, die um Hilfe ruft. Die beiden wollen helfen und stürzen sich in das unübersichtliche Gelände, nichts ahnend, dass dies der Beginn eines Horrortrips wird. Inszeniert von Regisseur Vincenzo Natali, der mit "Cube", "Splice" ud "Haunter" ein Händchen fürs Genre bewiesen hat.

Filmdaten

Originaltitel
IN THE TALL GRASS
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2019
Regie
Vincenzo Natali
Buch
Vincenzo Natali
Kamera
Craig Wrobleski
Musik
Mark Korven
Schnitt
Michele Conroy
Darsteller
Laysla De Oliveira (Becky DeMuth) · Avery Whitted (Cal DeMuth) · Patrick Wilson (Ross Humboldt) · Will Buie Jr. (Tobin Humboldt) · Harrison Gilbertson (Travis McKean)
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Genre
Horror | Literaturverfilmung
Diskussion

Eine Filmadaption der gleichnamigen Erzählung von Stephen King und seinem Sohn Joe Hill: Zwei Geschwister hören bei einem Ausflug ins ländliche Kansas aus dem mannshohen Gras, das sich bis zum Horizont dehnt, einen Hilferuf. Der Beginn eines Horrortrips.

Endlose Landstraßen umsäumt von gebändigter Natur. Es gibt nicht viel zu sehen in Kansas. Wenn mal eine Kirche oder eine Tankstelle zwischen all den Feldern auftaucht, ist das fast schon eine Sehenswürdigkeit. Die Geschwister Becky (Laysla De Oliveira) und Cal (Avery Whitted) machen, was alle hier machen: möglichst zügig durchreisen. Doch Becky ist im sechsten Monat schwanger und da häufen sich zwangsläufig Unpässlichkeiten und Kurzpausen, zum Ärger ihres Bruders. Es mag Zufall gewesen sein, dass die beiden gerade an dieser schmucklosen Kirche, umgeben von sich bis zum Horizont ausbreitendem, mannshohem Gras, halten. Für jene Verzweifelten, die sich im unübersichtlichen Dickicht verirrt haben und um Hilfe rufen, ist es sicher ein Glücksfall.

Verirrt haben? So dicht an der Straße? Mit dem hohen Kirchturm als Orientierungspunkt? Wie kann das sein? Doch die Stimme des jungen Tobin (Will Buie Jr.) im hohen Gras klingt so verängstigt, dass die beiden beim Eindringen ins rauschende Grün nicht über mögliche Konsequenzen nachdenken, die ihnen blühen könnten. Konsequenzen, die mit „lebensbedrohlich“ nur unzureichend beschrieben sind.

Im Dickicht versteckt sich das kosmische Chaos

Stephen King, der zusammen mit seinem Sohn Joe Hill die Erzählung geschrieben hat, auf der der Film basiert, hat in seinen Geschichten immer den Hang zum Endzeitlichen und zum Kosmischen. Und so ist es keine profane verhexte Vogelscheuche oder ein simpel verrückt gewordener Farmer, der die Protagonisten in den schilfartigen Grasfeldern von Kansas Verstand und Lebensatem zu rauben droht. Es ist ein „Etwas aus Stein“ und die Erkenntnis, das sich darin noch etwas viel Monströseres verbirgt.

Vincenzo Natali („Cube“, „Splice“) ist kein Regisseur, der sich mit linearem Horror zufrieden gibt, in dem das Böse dem Guten leicht lösbare Rätsel zu knacken gibt, damit letzteres spätestens durch die Kraft von Liebe und/oder Kreuz alle erlösen und in Richtung Happy End steuern darf. Nur eine Frage der Zeit also, dass sich endlich zwei Kreative treffen, um zusammen etwas zu schaffen, was in seiner Mischung irgendwo zwischen dem klaustrophobischen „Cube“, dem von Naturreligionen beseelten „Kinder des Zorns“ und – der kosmischen Vision wegen – Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“ zu verorten ist.

„Nur tote Dinge bewegt das Gras nicht“

Dabei ist die oberflächliche Handlung noch das Unspektakulärste. Denn all die auf wundersame Art und Weise im Gras gefangenen Pro- und Antagonisten erleben das Feld als einen im wahrsten Sinne schwer durchschaubaren, organischen Irrgarten, in dem alles Lebende, was einmal getrennt ist, so schnell nicht mehr zusammenfindet. „Nur tote Dinge bewegt das Gras nicht“, orakelt Tobin einmal bedeutungsschwanger. Und so begegnen sich nicht nur der Junge und das Geschwisterpaar, sondern auch Tobins Vater Ross (Patrick Wilson) und dessen Frau Natalie (Rachel Wilson) sowie der rastlose Beau Travis McKean (Harrison Gilbertson) im Dickicht zumeist nur in akustischer Form.

Vor allem Travis, der dafür verantwortlich zeichnet, dass Becky in anderen Umständen ist und sich daher umso besorgter auf die Suche nach dem vermeintlich vom Erdboden verschwundenen Geschwisterpaar gemacht hat, ist als fragender, rebellischer Geist dafür zuständig, dass der Zuschauer im komplexen Labyrinth von King und Natali nicht verloren geht. Denn an diesem unheiligen Ort im tiefen Kansas wird die Orientierung nicht nur durch das hohe Gras empfindlich gestört, auch Zeit und Raum befinden sich in ständigem Fluss. Man bekommt das Gefühl, dass sich um den mythischen Monolithen im Gras alle Beteiligten in permanenten Wurmlöchern bewegen und zwar nicht den Ausgang, aber mitunter sich selbst finden.

Suggestive Bilder & starkes Sounddesign

Spannung erzeugt Natali, der auch für die Drehbuchadaption des Stoffes verantwortlich zeichnet, nicht nur durch die Klaustrophobie des Settings, sondern auch durch die suggestive Wirkung auf die in ihm Gefangenen. Peu à peu bekommt der Zuschauer eine Ahnung, wer sich anfällig zeigt für die murmelnde Kraft, die im Feld wohnt, welche Erkenntnis sie vermittelt und wie mörderisch die Auswirkungen des Ganzen wirklich sind. Eine große Rolle dabei spielt auch ein treffliches Sounddesign, dessen verstörende Eigenschaften man indes nur richtig genießen kann, wenn man den Film mindestens in einer 5.1-Ton-Abmischung erlebt – dann fliegen einem die Worte aus allen Richtungen entgegen und die Verwirrung der Verwirrten wird umso eindrücklicher.

Der Rest ist pures Kopfkino, das einmal mehr in die King’sche Metaphysik entführt, in der unser Universum nur ein brüchiges Gut ist, durch dessen Ritzen das kosmische Chaos anderer Dimensionen lugt.

 

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