Die Götter von Molenbeek

Dokumentarfilm | Deutschland/Finnland/Frankreich 2019 | 73 Minuten

Regie: Reetta Huhtanen

Die Kinder Aatos und Amine sowie ihre Freundin Flo wachsen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf, wo sie spielerisch mit dem Nebeneinander von Sprachen, Kulturen und Religionen umgehen. Die Unterschiede der religiösen Riten und Gottesbilder zwischen Islam, christlichen Konfessionen und nordischen Vorstellungen reizen insbesondere die beiden Jungen. Der Dokumentarfilm taucht schwerelos und stets auf Tuchfühlung in diese kindliche Fantasiewelt ein, in die durch die IS-Anschläge vom März 2016 auch verstörende Nachrichten von Gewalt und Tod dringen. Stärker inszenierte Momente dienen dazu, die Lebenswelt der Kinder plastisch erfahrbar zu machen. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
AATOS JA AMINE
Produktionsland
Deutschland/Finnland/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Reetta Huhtanen
Buch
Reetta Huhtanen
Kamera
Hannu-Pekka Vitikainen
Musik
Tuomas Nikkinen · Cassis Birgit Staudt
Schnitt
Jamin Benazzouz
Länge
73 Minuten
Kinostart
21.11.2019
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Außergewöhnlicher Dokumentarfilm über drei Kinder, die im Brüsseler Stadtteil Molenbeek aufwachsen, wo unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Religionen zu ihrem Alltag gehören.

Für den sechsjährigen Aatos gehört der fliegende Wechsel zwischen den Sprachen und Kulturen zum Alltag. Mit seiner finnischen Mutter und dem aus Chile stammenden Vater lebt er in jenem Stadtteil Brüssels, dessen Ruf durch die Terroranschläge des IS im März 2016 geprägt ist.

Molenbeek liegt im Herzen der malerischen belgischen Hauptstadt und hat doch ein ganz eigenes Gesicht. Schon seit dem 19. Jahrhundert strömen die vielfältigsten Einwanderer in das Viertel, von denen heute die meisten aus nordafrikanischen Ländern stammen. Auch der kleine Amine ist mit seinen Eltern von Marokko ins dicht besiedelte Molenbeek gezogen und spielt jeden Tag mit seinem Freund Aatos im maroden Hinterhof des gemeinsamen Wohnhauses.

Die Einzigartigkeit der engen Beziehung zwischen den beiden Kindern ist Aatos’ Tante Reetta Huhtanen nicht entgangen. Dass sie die Jungen über einen längeren Zeitraum mit der Kamera begleitet hat, ist ein Glücksfall fürs dokumentarische Kino. Mit äußerst originellen Einstellungen und viel Gefühl für das Szenische und das Gestische lässt Huhtanen an der Perspektive der Kinder teilhaben. Dadurch entsteht auch ein unbefangener Blick auf das islamische Leben in Molenbeek, der durch seine spielerisch-fragende Haltung auch die sinnstiftende Funktion von Religion kritisch beleuchtet.

Gemeinsam fabulieren

Denn Aatos und Amine sind noch zu jung, um die Doktrinen und Traditionen mit jener Gewissheit zu verkörpern, die ihnen die Erwachsenen vorführen. Aber sie sind sensibel und aufgeschlossen genug, um sich für die Kultur der anderen zu interessieren und um verstehen zu wollen, welche Antworten sich dort finden lassen.

Insbesondere die Frage nach der Existenz Gottes und seiner Form ist etwas, das die beiden Jungen umtreibt, ohne dass dies im Widerspruch zu den Geschichten der Mythen, Fabeln und Kinderbucherzählungen steht, für die sie sich begeistern. Vor allem Aatos kennt durch seine interkulturelle Familiensituation nicht nur die christliche Geschichte, sondern auch den nordischen und griechisch-lateinischen Götterhimmel. Deren Pluralität kommt seinen alltäglichen Erfahrungen entgegen.

Dennoch blickt er auch mit etwas Neid auf seinen konservativ aufwachsenden Freund, der in einer Koranschule unterrichtet wird und mit Allah einen ebenso mächtigen wie ausschließlichen Gott an seiner Seite hat. Gespannt begleitet ihn Aatos bei seinen Besuchen in die Moschee, die zugleich etwas Beiläufiges und Zwangloses haben. Durch die Allgegenwart der Einwanderer auf engem Raum wird an Geburtstagen mit den Nachbarn auch schon mal ein russisches Lied gesungen oder über die Treppen der orthodoxen Kirche geturnt, die gleich um die Ecke liegt.

Ängste und dunkle Erfahrungen kommen zur Sprache

Für die Kinder steht das gemeinsame Ziel im Zentrum, mit dem sie die Umgebung erforschen. Eine unheimliche Spinne unter der Fensterbank im Hof oder ein Ballspiel durch die Straßen der Nachbarschaft. Das wird genauso ins gemeinsame Fabulieren eingebunden wie ein orientalischer Teppich, der die beiden in ihrer Fantasie aus dem belgischen Park an die Strände Marokkos transportiert.

In diese Geschichten weben sich immer wieder auch Ängste und Erfahrungen ein, die sich noch nicht ohne weiteres in die kindliche Vorstellungswelt integrieren lassen. Im Radio ist von den Anschlägen in Brüssel zu hören. Auf einmal bevölkern gepanzerte Soldaten das vertraute Wohnumfeld. Es häufen sich Demonstrationen, deren Sinn sich für die Jungen noch nicht erschließen kann. Doch die explodierten Körper, von denen sie in den Nachrichten gehört haben, suchen ihre Gespräche heim und führen zu weiteren Fragen und Mutmaßungen: über den Tod und die Verletzlichkeit, aber auch über die Absurdität von Gewalt.

Der Einbruch des Identitären

Schon zu Beginn zieht der Film mit Hilfe einer geschickten Montage in Bann. Mit einem selbstgebastelten Periskop kundschaftet Aatos den Stadtraum aus, ohne seine Deckung verlassen zu müssen. Im kleinen Spiegel seines fragilen Objektivs erscheinen poetische Ausschnitte des interkulturellen Alltagslebens, das einen ganz anderen Blick ermöglicht als die reißerischen Schlagzeilen, die den Bezirk als Brutstätte des Dschihadismus verunglimpfen.

Doch Periskope sind nicht umsonst Instrumente, die hauptsächlich im Krieg zum Einsatz kommen; so klingt noch über das Spielzeug der Terrorismus mit an. Aatos’ verstohlene Blicke, an denen die Zuschauer teilhaben, sind auch keine Beschönigungen; sie beleuchten vielmehr die zunehmenden Verhärtungen der Bewohner und ihren Rückzug in identitäre Lebenswelten. Ohne zu urteilen, zeigt der Film durch die Freundschaft der beiden Jungen, wie die kulturellen Differenzen zu Spannungen und Gesprächsabbrüchen führen, aber auch die damit verbundene Traurigkeit über diese Verluste.

Das kleine Nachbarsmädchen Flo, das Aatos hin und wieder zu waghalsigen Expeditionen in Wälder und Parkanlagen überredet, konterkariert den Wettbewerb der beiden Jungen um den besseren Gott durch ihre unverblümte Ablehnung des Monotheismus. Ihm setzt sie stattdessen ein mystisches Bild der Natur entgegen, das Aatos Angst einflößt, aber auch fasziniert.

Der Zauber kindlicher Imagination

Reetta Huhtanen wechselt in der Begleitung der Kinder zwischen sehr nahen, immersiven Einstellungen, in denen die Präsenz der Kamera völlig zurücktritt, und solchen, die offensichtlich gescriptet sind. Die stärker inszenierten Momente werden als gemeinsames Fabulieren, auch mit der Filmemacherin, erkenntlich und verstärken den Zauber, der von den kindlichen Imaginationen ausgeht. In ähnlicher Weise wie „Bombay Beach“ von Alma Har’el wird gerade über der gemeinsamen Arbeit an der Fantasie etwas Wahrhaftiges sichtbar, das den prekären Alltag in Molenbeek nicht beschönigt, aber auch nicht als hoffnungslosen Albtraum erscheinen lässt.

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