Was gewesen wäre

Drama | Deutschland 2019 | 89 Minuten

Regie: Florian Koerner von Gustorf

Beim Urlaub mit ihrem neuen Freund trifft eine ostdeutsche Ärztin nach 20 Jahren ihre erste große Liebe wieder. Das Wiedersehen ruft die Erinnerung an ihr Verhältnis in der DDR wach, während es in der frischen Beziehung für Verstimmung sorgt. Das zurückgenommen inszenierte Liebesdrama erzählt auf zwei Zeitebenen, im geteilten und im wiedervereinigten Deutschland, von alter wie neuer Beziehung, ohne aus den Gegensätzen echte Funken zu schlagen. Auch das Motiv der Trennung, das den Film begleitet und dabei gleichermaßen die Liebe und die europäische Geschichte einschließt, wirkt seltsam unbestimmt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Florian Koerner von Gustorf
Buch
Gregor Sander
Kamera
Reinhold Vorschneider
Musik
Max Müller
Schnitt
Mona Bräuer
Darsteller
Christiane Paul (Astrid) · Ronald Zehrfeld (Paul) · Sebastian Hülk (Julius Mischke) · Barnaby Metschurat (Sascha) · Mercedes Müller (Junge Astrid)
Länge
89 Minuten
Kinostart
21.11.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm | Literaturverfilmung
Diskussion

Liebesdrama um eine Ärztin, die im Urlaub mit ihrem neuen Freund in Budapest ihrer ersten großen Liebe aus DDR-Zeiten wiederbegegnet.

Wie ein Paar in den Flitterwochen kommen Astrid (Christiane Paul) und Paul (Ronald Zehrfeld) in Ungarn an. Die prachtvolle Kulisse Budapests zieht vorbei, als beide ihr erstes und zunächst wichtigstes Ziel ansteuern: das Hotelzimmer. Die Ärztin und ihr Herzpatient sind nach drei Monaten Beziehung noch frisch verliebt. So frisch, dass sich beide im Grunde kaum kennen. Der erste Gang in den Speisesaal führt ihnen das so unerwartet wie plötzlich vor Augen. An einem Nebentisch sitzt Astrids Jugendliebe Julius (Sebastian Hülk), den sie, um ihr Studium zu beginnen, allein in Ostberlin zurückgelassen hatte.

Zwischen Buda und Pest

Noch bevor der Film die Geschichte von Astrids Jugend in der DDR erzählt, wird das fortan allgegenwärtige Motiv der Trennung über die Brücken Budapests etabliert. Die ungarische Hauptstadt, einst in Buda und Pest getrennt, wurde erstmals durch die Széchenyi-Kettenbrücke verbunden. Auf eben dieser Brücke, die zwei Städte zu einer Hauptstadt vereint, steht das Liebespaar das erste Mal am Scheideweg seiner Beziehung. Denn so weit Astrids erste Liebe auch zurückliegen mag, so präsent ist sie hier in Budapest.

Nachdem Astrid und Paul dem alten Liebhaber und seinem Bruder Sascha (Barnaby Metschurat) begegnet sind, schleicht sich die Eifersucht mit kleinen Gesten in den Urlaub ein: Paul geht ein bisschen zu weit vor ihr, hält ihr die Tür nicht mehr auf und ist generell davon verstimmt, dass Astrid scheinbar alle interessanten Orte der Stadt bereits mit dem alten Liebhaber besucht hat.

Liebesglut & Älterwerden

So springt der Film zwischen den Zeiten und somit gleichermaßen zwischen den Liebesbeziehungen und dem geteilten wie vereinigten Deutschland hin und her. Regisseur Florian Koerner von Gustorf spielt den besonderen Reiz der Jugendliebe – die Aufregung der Unerfahrenheit und die Abwesenheit einschnürender Alltagsstrukturen – gegen die erwachsene Beziehung aus, die sich trotz der befreienden Momente der Lust immer wieder mit den Fragen des Älterwerdens auseinandersetzen muss. Auf ein Punkkonzert in den Wäldern Brandenburgs folgt ein Frühstück in einem Café in Ungarn. Der junge Julius (Leonard Kurz) trinkt mit der jungen Astrid (Mercedes Müller) billigen Rotwein aus Pappbechern, Paul muss den Champagner im Stielglas alleine trinken. Julius nimmt die Hand, die Astrid ihm hinstreckt, Paul fühlt sich angegriffen von ihrer Sorge um seine Gesundheit. Hier Schmetterlinge im Bauch, dort wiederkehrende Streitfragen.

Die Gegensatzpaare, die Koerner von Gustorf aufbaut, vermag die zurückgenommene Inszenierung aber nie ganz einzulösen. Liebesrausch in sozialistischer Tristesse und Liebesfrust im kapitalistischen Wohlstandsurlaub sehen sich im subtilen Duktus des Films ähnlicher, als man annehmen möchte. Weder Pappbecher noch Champagnerglas vermögen wirklich zu berauschen. Auch dann nicht, als Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart, neue und alte Liebe aufeinandertreffen. Ein Moment, der schnell in spröde Zurückhaltung verkehrt wird, mit der die Dynamik der Gegensätze weitgehend zum Erliegen kommt.

Die Kommunikation innerhalb der wiedervereinigten deutschen Gruppe wird weniger durch die Figuren geprägt, als durch den permanenten Versuch, eine Zeitgenossenschaft herzustellen. Man diskutiert die ungarischen Rechtspopulisten unter Premierminister Viktor Orbán, sucht Vergleiche zur deutschen AfD und der österreichischen FPÖ, sagt aber letztlich nicht wirklich viel.

Ein neuer Grenzzaun

Es liegt eine gewissen Unbeholfenheit in der Art, mit der die Motive, die Autor Gregor Sander für das Drehbuch aus dem eigenen Roman versammelt hat, ins Bild gerückt werden. Der Bezug zur deutschen Teilung, der über die Sprache immer wieder beschworen wird, findet keine Reibungspunkte. Auch der ungarische Grenzzaun, der das Land seit 2015 von Serbien trennt und als ostentativ bedrohliches Sinnbild hinter den Urlaubern auftaucht, ist letztlich auch nur ein Mahnmal, das den Protagonisten keine echte Betroffenheit abringt.

Kommentar verfassen

Kommentieren