Thriller | Australien/USA/Großbritannien/Indien/Singapur 2018 | 118 Minuten

Regie: Anthony Maras

Thriller über die islamistischen Terrorattentate in Mumbai im November 2008. Im Fokus stehen das Massaker im noblen Hotel Taj Mahal und die verzweifelten Versuche von Angestellten und Gästen, dem Morden zu entgehen. Der Film lotet durch ein breites Figurenpanorama geschickt verschiedene Facetten des Geschehens aus, zugleich baut er einige Charaktere als Identifikationsfiguren auf. Der politische Kontext wird nicht näher beleuchtet; über die Figur eines Attentäters vermittelt sich aber zumindest ein Eindruck der fatalen Gemengelage aus unaufgearbeiteten historischen Konflikten, sozialen Problemen und religiöser Indoktrination, die den Anschlag befeuerte. Die souveräne Suspense-Dramaturgie des Films hat nichtsdestotrotz einen exploitativen Beigeschmack, indem sie den realen Terror in Genre-Unterhaltung übersetzt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HOTEL MUMBAI
Produktionsland
Australien/USA/Großbritannien/Indien/Singapur
Produktionsjahr
2018
Regie
Anthony Maras
Buch
John Collee · Anthony Maras
Kamera
Nick Remy Matthews
Musik
Volker Bertelmann
Schnitt
Anthony Maras · Peter McNulty
Darsteller
Dev Patel (Arjun) · Armie Hammer (David) · Jason Isaacs (Vasili) · Amandeep Singh (Imran) · Suhail Nayyar (Abdullah)
Länge
118 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Universum
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Diskussion

Terroristen begehen ihre Gräueltaten, um damit maximale Aufmerksamkeit zu erregen. Insofern stellt sich, wenn Filme sich realer Terrorakte in fiktionalisierter Form annehmen, immer die Frage: Ist es sinnvoll, den Attentätern somit ein weiteres Mal eine mediale Bühne zu bieten? Welcher Erkenntnisgewinn ist damit verbunden? Und auch wenn sich ein Film, wie letztes Jahr Erik Poppes „Utøya 22. Juli“, ganz dezidiert auf die Seite der Opfer stellt – ist das ein ehrenwerter Akt mitfühlenden Erinnerns oder ein Missbrauch der Toten für den Suspense und Thrill eines Unterhaltungsmediums?

Dass „Hotel Mumbai“, ein Film über die Massenmorde, die im November 2008 zehn Attentäter der islamistischen Lashkar-e-Taiba-Terrorgruppe in der indischen Metropole Mumbai verübten, ein höchst unangenehmer Film ist, hat nicht nur mit dem schieren Level an gezeigter Gewalt zu tun, sondern auch damit, dass sich immer wieder der Eindruck aufdrängt, dass diese Gewaltdarstellung bei allen Versuchen, ein differenziertes Bild zu zeichnen, nicht davon loskommt, etwas Exploitatives zu haben. Gerade weil der Debütfilm von Anthony Maras für ein Erstlingswerk höchst souverän inszeniert ist und gekonnt auf der Genre-Suspense-Klaviatur spielt.

Ein Luxushotel wird zum Jagdrevier für islamistische Attentäter

Das fängt schon mit dem räumlichen Fokus des Films an: Ähnlich wie Nicolas Saadas 2015 entstandener Thriller „Taj Mahal“ liegt der Schwerpunkt von „Hotel Mumbai“ auf den Attacken gegen das berühmte Nobelhotel gegenüber dem Gateway of India, das zu den Wahrzeichen der Stadt gehört. Zwar geht Maras zunächst (anders als Saada) durchaus darauf ein, dass die Terroristen tatsächlich an verschiedenen Stellen Mumbais wüteten (unter anderem in einem Bahnhof und einem bei Touristen beliebten Café), fokussiert dann aber schnell darauf, dass das „Taj Mahal“-Hotel unter all diesen Orten einfach die schauträchtigste Kulisse abgibt: wegen der Fallhöhe zwischen Luxus und Todesgefahr und wegen der Möglichkeit zur klaustrophobischen Verdichtung, wenn Suiten, Clubzimmer, Gänge und Feuertreppen zu Jagdgründen der Terroristen werden.

Maras nutzt dieses Potenzial auf eine Weise, die man aus entsprechenden fiktiven Thrillern kennt, die hier genau deshalb aber oft trivialisierend wirkt – beispielhaft in einer Szene, in der eine amerikanische Nanny sich mit ihrem Schützling im Kleiderschrank ihres Zimmers versteckt und angstvoll durch die Lamellen nach draußen späht, während ein Terrorist den Raum durchsucht. Man kann gar nicht anders, als da unwillkürlich an „Halloween“ zu denken.

Hotelangestellte und Gäste bangen um ihr Leben, während die Sicherheitskräfte völlig überfordert sind

Allerdings muss man Maras zugutehalten, dass er im Gegensatz zu Saada, der das Geschehen weitgehend auf die Perspektive einer 18-jährigen Touristin (Stacy Martin) einengte, etwas mehr Kontext einbezieht. Zwar gibt es auch bei ihm Haupt- und Identifikationsfiguren – ein junger Hotelangestellter (Dev Patel), der sich bemüht, möglichst viele Gäste zu retten, und ein im Hotel logierender amerikanischer Tourist (Armie Hammer) und seine berühmte muslimische Filmstar-Ehefrau (Nazanin Boniadi) – jedoch kommen neben diesen auch zahlreiche Nebenfiguren vor, die unterschiedliche Facetten ins Spiel bringen, wie zum Beispiel Polizisten, über die von der völligen Überforderung der Sicherheitskräfte der Stadt und dem viel zu langen Warten auf die Anti-Terror-Spezialeinheiten aus Delhi berichtet wird.

Beim Ausmalen seiner Figuren versucht Maras zudem, allzu schlichte Schwarzweiß-Malereien zu vermeiden – nicht zuletzt bei der Zeichnung der Attentäter, mit deren Ankunft per Boot der Film startet. Die schockierende Empathielosigkeit, mit der die zehn jungen Männer ihren Plan, so viele Menschen wie möglich abzuschlachten, umsetzen, ist nicht einfach als monströses Böses dargestellt. Sie wird dadurch, dass das Drehbuch Auszüge aus dem Funkverkehr einbezieht, den die realen Attentäter mit ihren Hintermännern in Pakistan hatten, und durch diverse Szenen, die sie in Interaktion miteinander oder bei einem Telefonat mit der Familie zeigen, erkennbar als fatale Konsequenz von religiöser Gehirnwäsche, paramilitärischem Training und einem perspektivlos-desolaten sozialen Hintergrund. Und – auch das wird zumindest angedeutet – als Resultat des historischen Ballasts, der nach wie vor das Verhältnis von Indien und Pakistan vergiftet.

Mit seiner emotionalen, die Angst der Opfer ausstellenden und die Heldenhaftigkeit der Widerstand leistenden Angestellten feiernden Darstellung bleibt in „Hotel Mumbai“ freilich kein Raum dafür, sich mit diesen Wurzeln der Gewalt auf eine tiefgründigere Weise auseinanderzusetzen. Und so bleibt denn letztlich wenig mehr als das Gepackt- und Ergriffensein – und das schale Gefühl, dass das dem Thema nicht gerecht wird.

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