Das größte Geschenk

Dokumentarfilm | Spanien 2018 | 107 Minuten

Regie: Juan Manuel Cotelo

Ein Regisseur will einen Spaghetti-Western nicht mit einem tödlichen Pistolenduell, sondern im Geist christlicher Versöhnung beenden. Um seine Crew zu überzeugen, begibt er sich auf eine dokumentarische Recherche nach Menschen, die aus dem Teufelskreis von Schuld und Rache ausgebrochen sind, indem sie ihre Verbrechen bereuten oder ihren Peinigern vergeben haben. Das christlich-missionarische Doku-Drama handelt von der Kraft der Versöhnung, findet zwischen den unterschiedlichen Erzählebenen aber keine Balance und greift auch formal zu unpassender Dramatisierung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
EL MAYOR REGALO
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2018
Regie
Juan Manuel Cotelo
Buch
Juan Manuel Cotelo · Alexis Martínez
Kamera
Alexis Martínez
Schnitt
Alexis Martínez
Darsteller
Juan Manuel Cotelo (Regisseur) · Santi Rodríguez (Will) · Carlos Aguillo (Jack) · Inés Sájara (Produzentin) · Carlos Chamarro (Journalist)
Länge
107 Minuten
Kinostart
18.10.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Drama
Diskussion

Christlich-missionarisches Doku-Drama über die Kraft von Vergebung und Versöhnung auch angesichts grausamer Verbrechen.

Die Vorstellung ist fast zu Ende. Doch der Western mit dem Titel „Tödliches Erbe“ endet ganz anders, als es das Genre erwarten lässt. Denn die seit Generationen verfeindeten Clans haben sich versöhnt, und auch der übliche Showdown, bei dem der Gute den Bösen erschießt, findet nicht statt. Die anwesenden Filmkritiker sind überrascht. Da beginnt der Regisseur zu erzählen...

„Das größte Geschenk“ von Juan Manuel Cotelo beginnt als Film im Film, und er selbst ist als Hauptdarsteller mit von der Partie, als Regisseur, der im Western-Studio in Almeria mit dem freundlichen Namen „Hateful Town“ einen Spaghetti-Western versöhnlich und im Geiste christlicher Vergebung enden lassen will.

Auf der Suche nach Reue und Vergebung

Zunächst wirkt „Tödliches Erbe“ wie eine Parodie auf das Filmemachen an sich, denn das Team will das tödliche Pistolenduell am Schluss nicht streichen und die Produzentin bezeichnet Cotelo als weltfremd. Als der Regisseur eilig die staubige Westernstadt verlässt, um nach Beweisen für die Bedeutung von Reue und Vergebung zu suchen, tritt die Wirklichkeit in die Fiktion. Cotelo stattet dem ehemaligen Box-Champion Tim Guenard einen Besuch ab. Er wurde als Kind von der Mutter ausgesetzt, vom Vater geschlagen und musste sich in der brutalen Welt der Jugendbanden behaupten. Mit 16 Jahren erhielt er eine Chance: Er machte eine Ausbildung, begann zu boxen, um seine Aggression abzubauen, und wurde gläubig. Heute habe er seinen Peinigern wie auch seinem Vater vergeben und bereue seine eigene gewalttätige Phase zutiefst, sagt Guenard.

Der Regisseur kehrt ans Set zurück, wo die Statisten gerade den Revolverhelden lynchen wollen. Cotelo unterbricht das unwürdige Spektakel und sucht weitere Fälle von Vergebung und Reue. In Madrid trifft er die spanische Journalistin und paralympische Skifahrerin Irene Villa. Sie war zwölf Jahre alt, als sie 1991 durch eine Autobombe der baskischen Terrororganisation ETA beide Beine verlor. Damals habe sie die Wahl gehabt, die Täter zu hassen und unglücklich zu bleiben oder ihr Leben neu zu beginnen. „Für Rachegedanken ist mir meine Zeit zu schade“, sagt Irene. Danach spricht Cotelo mit Shane O’Doherty, der als früheres Mitglied der irischen Terrororganisation IRA seine Opfer um Vergebung bat und dafür oft auf Befremden und Ablehnung stieß.

Eine störrische Gemeinde

In Kolumbien ist Cotelo dabei, als ehemalige Mitglieder der Todesschwadronen sich bei den Angehörigen ihrer Opfer entschuldigen. Eine beeindruckende Episode führt nach Ruanda. Hier ist eine ganze Gesellschaft nach dem Völkermord angetreten, um den Hass zwischen den Volksgruppen zu beenden und sich auszusöhnen; der Film zeigt ergreifende Einzelschicksale, etwa die Mutter, die dem Mörder ihres Sohnes vergibt.

Zwischen den dokumentarischen Teilen muss sich der Regisseur immer wieder in der Westernstadt durchsetzen. Die Filmcrew wirkt wie die Miniatur einer durch schnelle Impulse aufgeheizten Gesellschaft, aus der heraus immer wieder populistische Strohfeuer aufflackern. Eine störrische Gemeinde, die die eigentliche Botschaft verkennt und die Cotelo wie Moses in der Wüste immer wieder auf den rechten Weg zurückführen muss.

Neben all den dramatischen und höchst politischen Episoden um Terrorismus und Gewalt schildert „Das größte Geschenk“ aber auch die Geschichte eines mexikanischen Ehepaares. Die Frau hatte ihren Mann und ihre drei Kinder verlassen und fünf Jahre lang gewartet, bis sie zu ihnen zurückkehrte. Auch hier gibt es ein Happy End durch Reue und Vergebung; allerdings wirkt diese Episode im Vergleich zu den anderen überlang.

Vergebung ist das große Thema

Vergebung ist das große Thema des Films. Wie in seinen früheren Filmen „Mary’s Land“ (2013) und „Footprints“ (2016) ist Juan Manuel Cotelo ein redlicher Erzähler, der auch nichtgläubigen Zuschauern seine Begeisterung für christliche Ethik vermitteln kann. In „Das größte Geschenk“ ist Cotelo allerdings überpräsent, als mitleidender und teilnehmender Interviewer in den dokumentarischen Episoden oder als moralischer Matador in der Rahmenhandlung. Der Film findet dadurch keine rechte Balance; angesichts des ausgedehnten Klamauks der Rahmenhandlung kommen die ergreifenden realen Episoden zu kurz und werden durch eine emotionalisierende Werbefilm-Musik unnötig dramatisiert und plakativ gerafft. Cotelo verbindet in schneller Folge Genre- und Medienkritik mit abgründigen Szenarien des globalen Unheils durch Terrorismus, Bürgerkrieg und Völkermord. Unangenehm fällt auch der mitunter penetrant missionarische Tonfall auf. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen.

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