Komödie | USA 2019 | 300 (10 Folgen) (Staffel 1) Minuten

Regie: Cherien Dabis

Eine Sitcom um den Identitäts-Eiertanz eines jungen amerikanischen Muslims aus ägyptisch-stämmiger Familie, der in unterschiedlichen Kontexten damit ringt, seinen Glauben, die Ansprüche seiner konservativen Familie und der islamischen Community, die Zuschreibungen und Erwartungen seiner nicht-muslimischen Bekannten und seine Selbstentfaltungswünsche als lebenslustiger Millennial in New Jersey irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Dabei entfalten die pointierten Episoden nicht nur reichlich Humor, der religiöse Orthodoxie und säkulare Libertinage gleichermaßen ironisiert, sondern lassen sich durchaus substanziell und vielschichtig auf die Herausforderungen eines interkulturellen Alltags ein. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
RAMY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Cherien Dabis · Christopher Storer · Harry Bradbeer · Jehane Noujaim · Ramy Youssef
Buch
Ramy Youssef · Ari Katcher · Ryan Welch
Kamera
Adrian Peng Correia · Ashley Connor
Musik
Dan Romer · Mike Tuccillo
Schnitt
Joanna Naugle · Veronica Rutledge · Jennifer Lee · Jeremy Edwards
Darsteller
Ramy Youssef (Ramy Hassan) · Hiam Abbass (Maysa Hassan) · Amr Waked (Farouk Hassan) · May Calamawy (Dena Hassan) · Laith Nakli (Onkel Naseem)
Länge
300 (10 Folgen) (Staffel 1) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Komödie | Serie

Wie ist man gleichzeitig ein guter Muslim und ein ganz normaler Millenial aus New Jersey? Die Sitcom von und mit dem Komiker Ramy Youssef lotet ebenso lustig wie clever den Alltag eines muslimischen Millenials aus, der beim Identitäts-Eiertanz in allerlei Fettnäpfchen tappt.

Diskussion

Sie hätte nicht gewusst, dass er ein „muslimischer Muslim“ sei, sagt seine jüdische Freundin in der ersten Episode zu Ramy Hassan (Ramy Youssef). Und meint damit einen Muslim, für den die Religionszugehörigkeit nicht nur ein kulturelles Erbstück, sondern tatsächlich ein Glaube ist. Herausgefunden hat die junge Frau dieses nicht unwesentliche Detail auf eine für ihn ziemlich peinliche Weise, die mit einem gebrauchten Kondom und Ramys Sorge um eine hypothetische ungeplante Schwangerschaft und noch hypothetischere Abtreibungsabsichten seiner Geliebten zu tun hat. Ramy ist erklärtermaßen zwar total „pro“, was das Recht auf weibliche Selbstbestimmung über den eigenen Körper betrifft, und offensichtlich nicht fromm genug, um den vorehelichen Sex an sich abzulehnen; er hat aber aus religiösen Gründen moralische Skrupel, wenn es um die mögliche Konsequenzen einer Liebesnacht geht. Für die Affäre ist das der Todesstoß. Die Freundin nimmt ihm zwar nicht seine religiösen Überzeugungen übel, aber die Tatsache, dass er diese zuvor tunlichst vertuscht und überspielt hat.

Identitäts-Dilemmata eines muslimischen „Millennial“

Die Hauptfigur der Sitcom, die autobiografisch an die Erfahrungen des 1991 in New Jersey als Sohn einer ägyptisch-stämmigen Familie geborenen Komikers Ramy Youssef angelehnt ist, ist um die 30, lebt noch immer bei ihren Eltern – und ist chronisch unsicher: in Bezug darauf, was sie beruflich mit ihrem Leben anfangen soll, in Bezug auf die Liebe, und nicht zuletzt in Bezug auf die Religion.

Woraus Ramys in der ersten Folge thematisierte Scham resultiert, sich vor Nicht-Muslimen religiös zu outen, versteht man spätestens in der herausragenden (von Youssef selbst inszenierten) vierten Episode, die als Rückblende in seine frühe Pubertät springt, zu jenem fatalen Tag im September 2001, an dem der arabische Raum und der Islam für viele US-Amerikaner zur „Achse des Bösen“ wurden und Ramy und seine Familie in den Augen von Nachbarn und Freunden aufhörten, ganz normale Menschen zu sein.

Die Offenheit, mit der die Serie die Identitätsdilemmata eines muslimischen „Millennial“ in einer westlichen Gesellschaft verhandelt, macht „Ramy“ zum erfrischenden Novum. Dem wird die Comedy-Serie auch durch ihre Machart gerecht: „Ramy“ ist eine Sitcom, die allerdings durch die Unmittelbarkeit, mit der die Kamera in Ramys Dasein eintaucht, mitunter wie eine Doku-Fiction wirkt, so als wären die Szenen nicht extra für die Kamera arrangiert, sondern elliptische Teile einer Lebenswelt, die unabhängig davon existiert. Dazu trägt auch die Entscheidung bei, die Zuschauer mit der Mehrsprachigkeit von Ramys Milieu zu konfrontieren. Dessen Eltern (gespielt von der israelischen Schauspielerin Hiam Abbass und ihrem ägyptischen Kollegen Amr Waked) unterhalten sich untereinander und mit ihren Kindern öfters in ihrer arabischen Muttersprache.

Ein urkomischer Identitäts-Eiertanz

Die zehn jeweils etwa 25 Minuten langen Episoden der ersten Staffel kreisen mit unterschiedlichen Schwerpunkten um Ramys Versuche, eine Balance zwischen dem herzustellen, was er als die widersprüchlichen Teile seiner Persönlichkeit erlebt. Wie ist man zugleich ein guter Muslim aus einer gutbürgerlichen Familie mit ägyptischen Wurzeln und ein ganz normaler Thirtysomething in New Jersey? Und wer definiert eigentlich, was ein guter Muslim und was normal für einen jungen US-Amerikaner ist?

Die Serie macht daraus einen urkomischen, thematisch aber substanziellen Eiertanz, bei dem Ramy von Folge zu Folge immer mehr aus dem Tritt zu kommen und in unzählige Fettnäpfchen zu treten droht. Ihre Klasse beweist die Serie auch dadurch, dass sie der auf Ramy fokussierten Perspektive zwei Episoden gegenüberstellt, die Frauen ins Zentrum rücken: Ramys jüngere Schwester Dena (May Calamawy) und seine Mutter Maysa, denen es die patriarchal geprägte muslimische Community nochmal schwerer als Ramy macht, traditionelle Werte und das westliche Streben nach Selbstentfaltung miteinander zu harmonisieren.

Zwischen ritueller Waschung und Würge-Spielen

Der Kontrast zwischen religiöser Orthodoxie und säkularer Libertinage wird im Laufe der Serie immer wieder lustvoll auf die Spitze getrieben, und beides gleichermaßen ironisiert. Da muss Ramy in der Moschee darüber diskutieren, ob er sich bei der rituellen Waschung vorm Gebet auch gründlich genug zwischen den Zehen gereinigt hat, und andernorts bei einer Party dankend Designerdrogen ablehnen oder während eines One-Night-Stands zugeben, von spontanen Würge-Spielen beim Sex überfordert zu sein. Oder der noch kindliche Ramy laboriert in einer Episode an ersten Erfahrungen mit der Masturbation, um sich einige Szenen später am elterlichen Esszimmertisch in einem surrealen Zwiegespräch mit Osama bin Laden wiederzufinden, der über die neokolonialistischen Sünden des Westens doziert.

Solche Zuspitzungen untergraben allerdings nie die authentische Anmutung der Serie, weil sie nur dosiert eingesetzt werden und nicht auf schrille Gags aus sind, sondern in ein Porträt eingebettet bleiben, das Ramy viel Gelegenheit gibt, die Widersprüchlichkeiten seiner Welt zu reflektieren. Und auch wenn dabei ein sehr spezifisches kulturelles Milieu beleuchtet wird, ist Ramys innere Odyssee zwischen unterschiedlichen Wertesystemen allgemein anschlussfähig und seine Familie, die ihn gleichermaßen prägt wie zur Abgrenzung reizt, gar nicht so anders als die meisten andere Familien. Die Hassans sind, so Ramy Youssef in einem Interview, chaotisch, ignorant, liebevoll und vielleicht auch ein bisschen rassistisch – und damit genau so, wie alle anderen in den USA (und darüber hinaus) auch.

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