Milchkrieg in Dalsmynni

Tragikomödie | Island/Dänemark/Deutschland/Frankreich 2019 | 92 Minuten

Regie: Grímur Hákonarson

Ein Ehepaar betreibt im Norden Islands eine kleine, aber hochverschuldete Milchfarm, die Teil einer Genossenschaft ist. Als der Mann bei einem Autounfall verunglückt, nimmt die Frau entschlossen den Kampf gegen die korrupte Handelsgesellschaft auf. Anfangs findet sie bei den anderen Bauern wenig Gehör, doch das ändert sich mit der Zeit. Die in der Tradition der neuen „isländischen Welle“ stehende Heldinnen-Erzählung fällt mitunter etwas hastig und kontextlos aus und formuliert ihre Kritik an der globalisierten Ökonomie eher zwischen den Zeilen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HÉRAÐIÐ
Produktionsland
Island/Dänemark/Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Grímur Hákonarson
Buch
Grímur Hákonarson
Kamera
Mart Taniel
Darsteller
Arndís Hrönn Egilsdóttir (Inga) · Sveinn Ólafur Gunnarsson (Friðgeir) · Daniel Hans Erlendsson (Heiðar) · Hafdís Helga Helgadóttir (Katla) · Alfrun Rose (Ása)
Länge
92 Minuten
Kinostart
09.01.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Tragikomödie

Nach dem Tod ihres Mannes nimmt eine isländische Bäuerin den Kampf gegen die korrupten Machenschaften einer Genossenschaft auf.

Diskussion

Ein durchschnittlicher Lebenslauf im abgelegenen Norden Islands sieht in etwa so aus: Grundschule, Arbeit auf dem Hof der Eltern, 20 Milchkühe, Eintritt in die Bauernpartei, mehr Kühe, aktive Mitgliedschaft in der Genossenschaft. Diese biografischen Stationen werden in „Milchkrieg in Dalsmynni“ von Grímur Hákonarson bei der Beerdigung des schwer verschuldeten Milchbauern Reynir aufgezählt. Der ist eines Nachts mit dem Auto verunglückt. Die Polizei spricht von „offenen Fragen“.

Eine Art Signatur

„Milchkrieg in Dalsmynni“ beginnt wie ein Krimi im Bauernmilieu, verlagert seinen Schwerpunkt aber schnell zu der Frage, ob es der verwitweten Milchbäuerin Inga gelingt, den korrupten Machenschaften der Genossenschaft zu trotzen.

Sturheit, Wehrhaftigkeit und Durchsetzungskraft haben sich in der „Welle“ des isländischen Kinos neben den schroffen Landschaftsbildern längst zu einer Signatur verdichtet. Mal handelt es sich dabei eher um eine Charakterschwäche wie in Hákonarsons Vorgängerfilm „Sture Böcke“ (2015), mal um Tugenden wie in Benedikt Erlingssons „Gegen den Strom“ (2018), in dem eine resolute Öko-Aktivistin in den Kampf gegen die übermächtige Aluminium-Industrie zieht.

An die Stelle eines offensichtlich „bösen“ Wirtschaftsgiganten tritt in „Milchkrieg in Dalsmynni“ nun aber eine Organisation, die ursprünglich als demokratische Interessensvertretung der örtlichen Bauernschaft gegründet wurde. Doch im Laufe ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte hat sich daraus eine monopolistische Handelsgesellschaft entwickelt, die ihre Mitglieder verpflichtet, ihre Produkte ausschließlich an die Kooperative zu verkaufen und alle Arbeits- und Lebensmittel, vom Dünger bis zum Gemüse, im Supermarkt der Kooperative zu erwerben.

Zwang und Denunziation

Wer sich nicht daran hält, hat mit Sanktionen zu rechnen. Die Genossenschaft schreckt auch nicht vor Erpressung zurück. So entdeckt Inga, dass ihr Mann mit der Androhung, ihm den Hof wegzunehmen, dazu gezwungen wurde, Regelverstöße zu melden und Mitglieder zu denunzieren. Entschlossen nimmt sie den Kampf gegen die „Genossenschaftsmafia“ auf. Inga postet auf Facebook kritische Artikel, kippt Mist auf den Wagen des Kooperative-Chefs und unterstreicht ihren Austritt aus der Gesellschaft, indem sie das Genossenschaftsgebäude mit einem Tank Milch bespritzt.

Zunächst bekommt sie von den eingeschüchterten Mitgliedern keine Unterstützung, doch dann beginnen immer mehr Bauern über Formen der Selbstverwaltung nachzudenken. Durch Ingas Initiative entsteht schließlich der Plan für eine Milchbauern-Kooperative.

Feindbild EU

Hákonarson versucht Ingas heroische Gesten eher klein und sparsam zu halten; er verzichtet auf das kraftvolle Pathos, aber auch auf den trockenen Humor vergleichbarer Heldinnen-Erzählungen, etwa US-amerikanischer Vorbilder wie „Three Billboards Ouside Ebbing, Missouri“. An diese Stelle tritt aber weder eine differenzierte Charakterstudie noch ein an größeren Zusammenhängen interessierter Wirtschaftsplot. Die faschistoide Aussage des Genossenschaftsbosses, man müsse das Unkraut mit den Wurzeln rausreißen, bevor es sich ausbreite, klingt deshalb seltsam kontextlos. „Milchkrieg in Dalsmynni“ wirkt mitunter hastig und fast etwas lieblos heruntererzählt. So findet sich eher zwischen den Zeilen eine weitverbreitete provinzielle Befindlichkeit formuliert, die ihre Feindbilder pauschal in der globalisierten Ökonomie verortet – und damit direkt auf die EU-Krise zielt.

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