Horror | USA 2019 | 91 Minuten

Regie: Justin Dec

Als eine Anwendung für Handys auf den Markt kommt, die ihren Besitzer den Moment ihres Todes voraussagt, entpuppt sich die begehrte App als ebenso zutreffend wie gnadenlos, da sie im Fall von Widerstand einen tödlichen Dämon aktiviert. Auch einer Krankenschwester droht der baldige Tod, doch recherchiert sie der App hinterher und kann sich die Hilfe zweier skurriler Dämonenexperten sichern. Ein aus bekannten Motiven des Teenage-Horrorfilms zusammengesetztes Regiedebüt, das durchaus spielerisch und spannend mit den Vorgaben umzugehen weiß. Lediglich im Versuch, Logik oder Kohärenz einzubeziehen, zeigt sich der Film als nicht erfolgreich. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
COUNTDOWN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Justin Dec
Buch
Justin Dec
Kamera
Maxime Alexandre
Musik
Danny Bensi · Saunder Jurriaans
Schnitt
Brad Wilhite
Darsteller
Elizabeth Lail (Quinn Harris) · Jordan Calloway (Matt Monroe) · Talitha Bateman (Jordan Harris) · Peter Facinelli (Dr. Sullivan) · Dillon Lane (Evan)
Länge
91 Minuten
Kinostart
30.01.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Thriller

Horror-Thriller über eine erst begehrte, dann gefürchtete Handy-Anwendung, die Todeszeitpunkte vorhersagt und im Zweifel deren Eintreffen herbeiführt.

Diskussion

Zum Glück gibt es den Teen-Horror. Das Genre wirkt wie ein Truppenübungsplatz für Drehbuchautoren, Regisseure, Schauspieler, die hier einigermaßen unbehelligt ausprobieren, ob sie sich gegenseitig oder ob sie ein Publikum führen können. Misserfolge sind weniger vernichtend als in anderen Genres, weil die Anzahl der schlechten Teen-Horror-Filme sowieso so groß ist, dass bei den ständigen Neuerscheinungen niemand mit einem Meisterwerk rechnet. Schon Mittelmaß sorgt für Aufmerksamkeit.

Genug Gründe also, für ein Debüt den Teenage-Horror zu wählen. So geschehen auch bei Justin Dec mit seinem Erstling „Countdown“. Decs Geschichte geht von der Idee aus, dass eine neue App auf den Markt kommt, die jedem, der sie installiert, den Zeitpunkt seines Todes vorhersagt. Sie funktioniert so ähnlich wie die Schrittzähler, die an den Handgelenken der Gesundheitsapostel hängen – sie zählt, in diesem Fall allerdings die verrinnende Zeit. Die App weiß den exakten Sterbemoment, also laufen auf ihr die Jahre, Tage oder Stunden rückwärts, während der Tod sich allmählich nähert. Gäbe es diese App in der Realität, sie wäre wahrscheinlich ein Verkaufsschlager.

Die App führt den Tod notfalls auch herbei

Diesen Effekt hat die App auch in Decs Fiktion. Natürlich laden alle Teenager sie begeistert runter; natürlich nimmt sie keiner ernst; natürlich hat garantiert niemand die Nutzungsbedingungen gelesen. Dabei wäre das hilfreich, denn dort stehen bekanntlich die unangenehmen Details. In diesem Fall ist es das Übernatürliche, das diese App mit sich bringt, denn sie kündet nicht nur vom Tod, sondern sie führt ihn notfalls auch herbei. Sie wird einhalten, was sie anzeigt, egal, ob ihr Besitzer Maßnahmen ergreift, um sein Sterben zu verhindern, egal, ob er damit Erfolg hat. Der Erfolg wird nur temporär sein, denn für widerspenstige Kandidaten ruft die App einen Killer-Dämon auf den Plan.

Dec hat sichtlich bei einigen von seinen Lieblingsfilmen geklaut, um daraus „Countdown“ zusammenzubasteln. Man kennt die Zutaten, man kennt die Abläufe. Aber Dec fügt die Bestandteile mit leichter Hand zusammen, er hält dabei die Spannung straff genug, um das Hauptanliegen eines Gruselschockers zu erfüllen: Man fürchtet sich in den langsamen Sequenzen, in denen klar ist, dass etwas passieren wird, unklar aber, was oder wann. Die Fragen nach Logik oder Kohärenz halten sich an den Rändern des Geschehens, sie sind nicht irritierend genug, um die Atmosphäre empfindlich zu stören. Lediglich Decs Versuche, Erklärungen für die Wahl der Opfer anzubieten, wirken manchmal sinnlos, manchmal wie kunstvolle Zeitschinderei.

Die Opfer sind anfangs zwei Teenager, deren Leben App-gemäß endet, dann erst kommt die Heldin ins Spiel. Sie erkennt, wie die App funktioniert, sie ahnt, dass die Hölle dem Todeszeitpunkt Nachdruck verschafft. Natürlich ist sie auch selbst betroffen, in zwei Tagen soll sie sterben. Also recherchiert sie der App hinterher, was den Film zu seinen Hauptattraktionen führt, wenn man von den bizarren Todesfällen mal absieht: Zu einem IT- und einem Priester-Nerd. Für eine Weile pendelt der Plot zwischen Handyladen und Kirche, an beiden Orten hilft das Fachpersonal. Wobei der Techniker sehr grimmig das Klischee des Spezialisten erfüllt, dessen Wissen die Welt nicht zu schätzen weiß, während der Pfarrer den lustigsten Dämonenjäger gibt, den das Genre seit langem hervorgebracht hat.

Politischer Gegenwartsbezug

Zusätzlich zeigt Justin Dec, dass man auch politischen Gegenwartsbezug in diesem Genre unterbringen kann. Er baut eine #metoo-Randgeschichte ein, so verknappt und drastisch, wie das dem Horrorfilm angemessen ist, wenn er nicht in einen Problemfilm umkippen soll. Trotzdem bekommt man simples Anschauungsmaterial über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz samt der Verteidigung dagegen – das darf Dec seinem Publikum ruhig mitgeben, gerade weil es sich dem Thema wahrscheinlich kaum über Dokufiction wie Bombshell nähern wird.

Der Regisseur nutzt somit das Terrain „Horrorfilm“ gut für seinen Erstling. Er probiert aus, er spielt herum in einem Genre, in dem nicht mehr viel Neues möglich scheint. Er beweist Mut zum Risiko, denn grundsätzlich baut er seine Geschichte auf altbekannte Motive, obwohl ihm klar sein dürfte, dass er sich dadurch dem Vergleich und der Verletzlichkeit preisgibt. Aber in solchen Ambitionen liegt schließlich der Charme von Debütfilmen, und über „Countdown“ muss Justin Dec sich wenig Sorgen machen. Die Aufmerksamkeit sollte bis zum nächsten Film vorhalten.

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