Abenteuer | Frankreich/Belgien/Deutschland 2018 | 95 Minuten

Regie: Michel Ocelot

Ein gebildetes und mutiges achtjähriges Mädchen aus Neukaledonien erkundet um 1900 staunend die Welt der Belle Époque in Paris. Als sie ins Visier eines Männer-Geheimbunds gerät, der aufgeweckte Mädchen entführt, um ihnen ihr Selbstbewusstsein zu rauben, beschließt die Kleine, den finsteren Herren das Handwerk zu legen. Ein von großer Kunstfertigkeit und Detailfreude bestimmter Animationsfilm, der anspielungsreich in das beginnende 20. Jahrhundert eintaucht. Dabei schwelgt der Film jedoch nicht nur in Nostalgie, sondern greift auch Kolonialismus, Rassismus und insbesondere die Unterdrückung von Frauen auf und bindet so die Märchen-Atmosphäre wieder an die Realität an. - Sehenswert ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
DILILI À PARIS
Produktionsland
Frankreich/Belgien/Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Michel Ocelot
Buch
Michel Ocelot
Musik
Gabriel Yared
Schnitt
Patrick Ducruet
Länge
95 Minuten
Kinostart
13.02.2020
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 10.
Genre
Abenteuer | Animation | Familienfilm

Animationsfilm des Franzosen Michel Ocelot über ein mutiges Mädchen aus Neukaledonien, das um 1900 Paris erkundet und es mit einem Kinder raubenden Geheimbund aufnimmt.

Diskussion

Eine Familie von Schwarzen sitzt zwischen Rundhütten in einem fernen Dorf – so beginnt „Dilili in Paris“, der neue Animationsfilm von Michel Ocelot. Doch schnell schon zeigt die Kamera, was drumherum geschieht – einen Zaun, viele Leute, eine Völkerschau, einen menschlichen Zoo, wie es ihn um 1900 in vielen europäischen Metropolen gab. Das etwa achtjährige Mädchen Dilili mit dem hübschen weißen Kleid und der Hochfrisur mit der gelben Schleife gehört zu den Darstellern dieser Show. Auf einem Schiff hat es sich von seiner Heimat Neukaledonien eingeschmuggelt nach Paris, denn es kann Französisch und will die Welt kennenlernen, wie eine Rückblende verrät.

Die französische Revolutionärin Louise Michel, auf die Pazifikinsel verbannt, hat Dilili die Sprache und das Mutigsein gelehrt. Dilili spricht sogar ein besseres und eleganteres Französisch als die meisten Franzosen, denen sie begegnet. So lässt sich das kleine Mädchen von seinem neuen Freund Orel, einem Dreirad-Kurier im Teenager-Alter, wie eine Touristin durch Paris fahren. Sie sehen den Eiffelturm, den Arc de Triomphe, die Oper und andere Bauwerke. Sie sprechen mit Pablo Picasso, Claude Debussy, Marcel Proust und hundert anderen berühmten Zeitgenossen. Zuerst einfach so, weil sie in der Stadt leben. Doch bald auch aus einem anderen Grund.

Die „Herren der Welt“ schlagen zu

Denn immer mehr Mädchen verschwinden in Paris. Eine Gruppe, die sich „Die Herren der Welt“ nennt und Mädchen, die eine eigene Meinung haben, als gefährlich einstuft, hat damit zu tun. Auch Dilili soll geraubt werden. Ein Mann mit Nasenring und gestreiftem Hemd, der wie ein typischer Kleingangster aussieht, bittet sie um Hilfe und verspricht ihr, dass sie sich dafür an dem Spielwarenstand aussuchen dürfe, was sie wolle. Dilili fällt darauf rein, aber zum Glück ist Orel rechtzeitig zur Stelle und rettet sie. Wenig später folgen die beiden einer Spur zu einem verlassenen Bauernhof, wo Orel von einem tollwütigen Hund gebissen wird, und sie ihn auf seinem Rad ins Institut von Louis Pasteur bringen muss.

„Ich mache Filme für Erwachsene“, sagt der 1943 geborene französische Animationsfilmer Michel Ocelot schon seit vier Jahrzehnten. Nichtsdestotrotz sind es im Kino vor allem Kinder, die sie sehen und verstehen, staunen, lernen und lächeln. Denn seine Hauptfiguren sind immer Kinder, mit denen sie sich identifizieren können. Seit Kiriku und die Zauberin (1998), seinem ersten langen Film. Und Dilili ist genauso hübsch und charmant wie Kiriku.

Doch eigentlich ist der Film ein Porträt von Paris um die Jahrhundertwende – und für Erwachsene interessanter, weil er viele Anspielungen enthält. Das fängt mit der ersten Szene an, einer Hommage an Truffauts Amerikanische Nacht. Der unterirdische See mit dem Schwanenboot erinnert an Ludwig II. von Bayern, seine unterirdische Grotte und sein Muschelboot. Und natürlich verbindet man den See unter der Oper auch mit dem Phantom der Oper.

Fotografierte Hintergründe ergänzen die Animation

Das wenigste in den Film ist erfunden, er hat viel mit realen Personen und Orten zu tun. Vier Jahre lang durchstreifte Ocelot Paris mit der Kamera und machte Fotos. Diese fotografierten Ansichten bilden den Hintergrund der Szenen – was zwar ein Stilbruch zu seinen bisherigen, komplett animierten Filmen ist, aber nicht weiter stört, sondern sich gut in die märchenhaft-historisierende Atmosphäre einfügt. „Oh, wie schön ist Paris!“, könnte man permanent rufen, wenn neben dem Moulin Rouge und Sacré-Coeur reizvolle unbekannte Ecken von Paris aufscheinen – und Persönlichkeiten, von denen man bisher nicht gehört hat wie die Sängerin Emma Calvé (heute vergessen, damals ein Star).

Der Film weckt die Erinnerung an eine Zeit der Erfindungen und der schönen Bauwerke und Salons, die Belle Époque. Eine Ära auch, in der Frauen beginnen, als Künstlerinnen sichtbar zu werden, so wie die Schriftstellerin Colette und die Schauspielerin Sarah Bernhardt. Dass es für viele andere Frauen weit schlimmere Zeiten waren, verhehlt Ocelot aber auch nicht; tatsächlich ist eine Szene, in der Frauen von den machthungrigen Männern zu Objekten degradiert werden, der intensivste Moment des Films.

Ocelot hat unglaublich viele Aspekte in diesen wunderschönen Film gepackt, der ihm seinen zweiten „César“ bescherte. Die Animation scheint aus der Zeit gefallen zu sein, fernab von Disneys und Pixars ästhetischem Perfektionismus: Die Figuren bewegen sich langsam und oft ein bisschen schematisch wie in Lotte Reinigers Scherenschnittfilmen (eins der Vorbilder Ocelots), die Stimmen haben eher einen trockenen als einen aufgeregten Duktus, die Dialoge sind kurz, die Lieder Arien. Die Szenerie sieht aus wie einem Edelcomic entsprungen, aber alles ist packend, bis in Detail liebevoll und so charismatisch wie sonst nur bei Hayao Miyazaki.

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