The Last Full Measure

Drama | USA 2019 | 111 Minuten

Regie: Todd Robinson

Eine auf realen Ereignissen basierende Geschichte über den Kampf um eine „Medal of Honor“ für Willam H. Pitsenbarger, einen im Vietnamkrieg gefallenen Soldaten der U.S. Air Force, der sein Leben riskierte, um Kameraden zu retten. Eine im Jahr 1999 angesiedelte Erzählebene rund um einen Pentagon-Mitarbeiter, der den Fall recherchiert, Veteranen befragt und sich mit wachsendem Engagement für die Ehrung einsetzt, wird ergänzt durch Rückblenden zu dem fatalen Kriegseinsatz im Jahr 1966, bei dem der junge Mann ums Leben kann. Dabei changiert der Tonfall vom bitteren Antikriegsfilm, der über die Figuren der Veteranen die sinnlose Zerstörung von Leben in einem höchst fragwürdigen Krieg anprangert, zum emotional manipulativen Drama, das über die Lichtgestalt Pistenbarger und das Pathos einer klassischen Heldengeschichte die mit dem Krieg verbundenen Leiden, Scham und Schuldgefühle zu neutralisieren sucht. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE LAST FULL MEASURE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Todd Robinson
Buch
Todd Robinson
Kamera
Byron Werner
Musik
Philip Klein
Schnitt
Claudia Castello · Terel Gibson · Richard Nord
Darsteller
Sebastian Stan (Scott Huffman) · Alison Sudol (Tara Huffman) · Jeremy Irvine (William Pitsenbarger) · Christopher Plummer (Frank Pitsenbarger) · Diane Ladd (Alice Pitsenbarger)
Länge
111 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Kriegsfilm

Heimkino

Verleih DVD
Leonine
Verleih Blu-ray
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Eine auf realen Ereignissen basierende Geschichte über den Kampf um eine „Medal of Honor“ für einen im Vietnamkrieg gefallenen Soldaten der U.S. Air Force, der sein Leben riskierte, um Kameraden zu retten.

Diskussion

„Kann mir jemand das erklären? Kann mir irgendjemand das erklären?“ wiederholt der etwa 30-jährige US-Soldat Jimmy Burr (James Jagger) wieder und wieder, hart am Rand der Hysterie, an der Stätte eines Gemetzels. Der Schauplatz ist Vietnam; das Jahr, in dem dies geschieht, 1966. Zu den vielen Gefallenen, zwischen denen Burr herumirrt, gehört auch ein gewisser Willam H. Pitsenbarger (Jeremy Irvine), ein Pararescueman der U.S. Air Force. Eine Erklärung für das gerade so blutig geendete Himmelfahrtskommando – das hier paradigmatisch für den Wahnsinn des ganzen Vietnamkriegs steht – wird Burr nicht bekommen. Und noch über 30 Jahre später, als er längst wieder in den USA ist, wird er nicht wirklich aus dem Dschungel seiner traumatischen Erinnerungen herausgefunden haben.

Mit der Sehnsucht, das ganze Debakel erklärt zu bekommen, irgendeinen Sinn dahinter zu erkennen, steht Burr nicht alleine da. Auch Frank Pitsenbarger (Christopher Plummer), der Vater des gefallenen Pararescueman, lässt das, was 1966 mit seinem Sohn geschehen ist, keine Ruhe. Er wünscht sich eine Anerkennung dafür, dass sein Junge das eigene Leben riskierte, um seinen Kameraden beizustehen, eine posthume „Medal of Honor“. Als ein Zeichen, dass das „Opfer der Gefallenen nicht vergebens war“, wie er an einer Stelle zum Ausdruck bringt. Im Jahr 1999 treiben er und seine Frau den jungen Pentagon-Mitarbeiter Scott Huffman (Sebastian Stan) an, der mit der Untersuchung des Falls Pitsenbarger betraut ist und Zeugenaussagen zu den Geschehnissen von 1966 sammelt: Huffman soll dafür sorgen, dass William endlich die Auszeichnung bekommt, die ihm früher aus dubiosen Gründen verweigert wurde.

Die Suche nach Sinn in einem sinnlosen Krieg

Die Medaille, so legt der Film nahe, könnte für die Pitsenbargers dem Tod ihres Kindes nachträglich einen Sinn geben. Doch was kann in diesem Krieg überhaupt Sinn machen? Regisseur und Drehbuchautor Todd Robinson, der den auf Fakten beruhenden Kampf um Pitsenbargers Auszeichnung als hochemotionales Drama aufrollt, müht sich sichtlich mit einer paradoxen Haltung dazu ab. Einerseits gibt sich „The Last Full Measure“ immer wieder als bitterer Antikriegsfilm, der die unsinnige Zerstörung von Leben in einem moralisch zweifelhaften Krieg anprangert – womit nicht nur die Gefallenen gemeint sind, sondern vornehmlich auch diejenigen, die wie Burr lebend, aber für immer gezeichnet nach Hause zurückgekehrt sind: Sie nehmen einen großen – und den interessantesten – Raum in „The Last Full Measure“ ein, verkörpert von einer Riege hochkarätiger Altstars, die die verkapselten Traumata der Veteranen eindrücklich fühlbar machen.

Andererseits aber teilt der Film mit seiner Figur Frank die Sehnsucht nach Trost, nach einer Apotheose. In dem mutigen Pararescueman Pitsenbarger, der sich weigerte, das Schlachtfeld per Hubschrauber zu verlassen und die Soldaten ihrem Schicksal zu überlassen, hat er eine Figur, mit der sich das ganze Pathos einer klassischen Heldengeschichte erzeugen lässt. Und die in der Erzählgegenwart von 1999 angesiedelte Handlung um Scott Huffman liefert ein weiteres heroisches Über-sich-Hinauswachsen, wenn Huffman sich Pitsenbargers Sache immer mehr zu Herzen nimmt und dafür schließlich die eigene Karriere im Pentagon aufs Spiel setzt.

Eine mit fast religiöser Inbrunst zelebrierte Aussöhnung

Das Ergebnis ist ein packender, trotzdem aber nicht überzeugender Film. Aufgebaut ist er zunächst wie ein Krimi entlang der Recherchen des (seinerseits etwas blass bleibenden) Huffman, der Veteranen aus dem fatalen Einsatz aufsucht und befragt; deren Aussagen entfalten sich als Mischung aus Erzählungen und Rückblenden. Dabei ergibt sich ein schonungsloses Bild beschädigter Existenzen, die Jahrzehnte später noch schwer an dem tragen, was eine der Figuren – gespielt von John Savage wie als Reminiszenz auf seinen Part in „Die durch die Hölle gehen“ – als „Schande“ dieses Kriegs bezeichnet, eine toxische Mischung aus Scham und Schuldgefühlen. Peter Fonda in einer seiner letzten Rollen, Ed Harris, Samuel L. Jackson und William Hurt liefern dabei gewohnt souveräne Leistungen.

Dieses Bild versucht der Film allerdings in seinem zweiten Teil und vor allem im großen Finale mit aller Macht zu neutralisieren: Der „Opfertod“ des zur Lichtgestalt werdenden Pitsenbarger wird mit fast religiöser Inbrunst zu einer Art Erlösungstat stilisiert, die im „Sakrament“ der Verleihung der Medal of Honor den leidenden Veteranen und Hinterbliebenen (stellvertretend für die Nation) ihren inneren Frieden zurückgibt. Todd Robinson inszeniert das sehr wirkungsvoll als eine Art kollektive Aussöhnung – und wird dabei unangenehm manipulativ und sentimental. Die bittere Pointe, dass die USA nur wenige Jahre nach der Verleihung dieser „Medal of Honor“ 2003 erneut in einen aus fragwürdigen Gründen begonnenen Krieg in Übersee, den Irakkrieg, eintrat, darf man sich selbst dazudenken. Manchmal wäre es eben besser, aus der Geschichte zu lernen, statt sich mit ihr zu versöhnen.

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