Mein Jahr in New York

Coming-of-Age-Film | Kanada/Irland 2019 | 97 Minuten

Regie: Philippe Falardeau

Eine angehende Schriftstellerin verdingt sich in den 1990er-Jahren in New York in einer Literaturagentur. Im Auftrag ihrer launenhaften Chefin beantwortet sie die Fanpost des menschenscheuen Kultautors J. D. Salinger, setzt sich dabei aber bald über die befohlenen knappen Antworten hinweg und knüpft auch zu dem phantomhaften Salinger selbst Kontakt. Ein leichthändig inszeniertes Drama nach einem autobiografischen Roman, das mit viel Gefühl fürs Zeitkolorit ein warmherziges Bild der 1990er-Jahre zeichnet. Der Film trägt mitunter allerdings etwas dick auf und blendet den politisch-gesellschaftlichen Kontext zugunsten einer tagträumerischen Haltung aus. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MY SALINGER YEAR
Produktionsland
Kanada/Irland
Produktionsjahr
2019
Regie
Philippe Falardeau
Buch
Philippe Falardeau
Kamera
Sara Mishara
Musik
Martin Léon
Schnitt
Mary Finlay
Darsteller
Margaret Qualley (Joanna) · Sigourney Weaver (Margaret) · Douglas Booth (Don) · Seána Kerslake (Jenny) · Colm Feore (Daniel)
Länge
97 Minuten
Kinostart
09.09.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
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Ein autobiografisches Drama um eine angehende Schriftstellerin, die in den 1990er-Jahren bei einer New Yorker Literaturagentur arbeitet und die Fanpost des menschenscheuen Autors J. D. Salinger zu beantworten beginnt.

Diskussion

Nur schlechte Romane sind verfilmbar, hat Hitchcock sinngemäß gesagt. Vielleicht trifft das nicht auf alle Romane zu, aber man kann sich wirklich nicht vorstellen, dass J. D. Salingers legendäres Werk „Fänger im Roggen“ einen guten Film abgäbe. Billy Wilder wollte ihn drehen, Jerry Lewis oder John Cusack wollten Salingers Antihelden Holden Caulfield spielen, aber es kam nie dazu.

Der 2010 verstorbene Salinger selbst stand einer Filmadaption ziemlich skeptisch gegenüber. Vor allem aber scheute der berühmte Schriftsteller das Licht der Öffentlichkeit. Entsprechend tritt er als Titelfigur des Spielfilms „Mein Jahr in New York“ auch kaum in Erscheinung; sein Gesicht sieht man nie. Der Film dreht sich um Joanna Rakoff, die in den 1990er-Jahren als Assistentin in einer New Yorker Agentur arbeitet die Literatur an Verlage und Zeitschriften weitervermittelt.

Eine Liebeserklärung an New York

Um eine Romanadaption handelt es sich bei „Ein Jahr in New York“ durchaus. Nur, dass sich der kanadische Regisseur Philippe Falardeau keine Salinger-Fiktion, sondern die biografischen Schilderungen der US-Schriftstellerin Joanna Rakoff vornahm. Ihr Buch „My Salinger Year“ ist nicht zuletzt eine Liebeserklärung an das New York der 1990er-Jahre, also die Zeit vor der 9/11-Katastrophe. In der Agentur klappern die Schreibmaschinen-Tastaturen; Computer werden als Modeerscheinung abgetan, die sich bald erledigt haben dürfte, die Menschen lesen Zeitungen und Bücher, in schäbigen Apartments – Joanna teilt es mit ihrem aufstrebenden Schriftsteller-Freund – wird von der großen Karriere im Literaturbetrieb geträumt.

Auch Joanna (Margaret Qualley) will Schriftstellerin werden, aber das erzählt sie ihrer kaltschnäuzigen Chefin Margaret (Sigourney Weaver) lieber nicht. Joannas Aufgabe besteht darin, Fanpost für Margarets wichtigsten Autor J. D. Salinger durchzulesen, knapp mit „Sorry, Mr Salinger möchte keine Post“ zu beantworten und dann in den Schredder zu schieben. Irgendwann beschließt Joanna, den Weisungen ihrer Vorgesetzten nicht mehr zu folgen, sondern fängt an, den teilweise anrührenden Briefschreibern mit Empathie und unter ihrem eigenen Namen zu antworten. Den Absenderinnen und Absendern der Briefe an Salinger gibt Falardeau ein Gesicht, indem er deren Zeilen direkt in die Kamera sprechen lässt. Sogar mit Salinger persönlich hat Joanna Telefonkontakt. So erfährt der berühmte Schriftsteller, was Joannas Umfeld nicht weiß: dass sie eigene dichterische Ambitionen hegt. Und er ermuntert sie dazu: „Schreiben Sie wenigstens 15 Minuten jeden Tag. Sie sind eine Poetin!“

Der Literaturbetrieb als Blase für sich

„Mein Jahr in New York“ ist leichthändig und mit viel Gefühl fürs Zeitkolorit inszeniert. Es gibt einige witzige Verweise auf Computertechnik, mit der vor allem die altmodische Chefin fremdelt. Die Ära der Schreibmaschine ist noch nicht zu Ende. Wenn sich Falardeau dann doch an einer – miniaturhaften – Salinger-Verfilmung versucht, nämlich an einer aus dessen 1961 erschienenen Roman „Franny und Zooey“ entnommenen Tanzsequenz, und die im Waldorf Astoria auftretenden Figuren mit Personen aus Joannas Leben mischt, gerät „Mein Jahr in New York“ allerdings arg an die Kitschgrenze.

Über politische Hintergründe – der Film spielt während Bill Clintons erster Amtszeit – erfährt man nichts, so als wäre der Literaturbetrieb eine Blase für sich. Private Probleme hat Joanna auch nicht wirklich, sie scheint blauäugig durch den Film zu tanzen; größere Hindernisse liegen nicht auf ihrem Weg zum Erfolg.

So etwas wünscht sich jeder Mensch – aber nicht im Kino. Hinzu kommt, dass man von Anfang an das Gefühl hat, diesen Film mit einer unnahbaren Besserwisser-Vorgesetzten und einer kleinen Angestellten schon einmal gesehen zu haben. Richtig: Der Teufel trägt Prada wies eine ähnliche Konstellation auf. Wobei die von Meryl Streep gespielte Anna-Wintour-Show unterhaltsamer war als Sigourney Weavers (an sich überzeugende) Darstellung, und Margaret Qualley als Joanna vom Typ her Anne Hathaway arg ähnelt. Qualley trägt zudem meistens eine Spur zu dick auf, was den Feelgood-Quotienten des Films in die Höhe treibt. Insgesamt ist „Mein Jahr in New York“ ein altmodisches, wenn auch unterhaltsames Stück Kino, das Tagträumereien der Realität des harten Berufsalltags vorzieht.

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