Horror | USA 2020 | 573 (60,63,58,67,56,60,49,56,51,53) Minuten

Regie: Andrew Bernstein

In Flint City wird ein Mann, der bisher als Coach der Jugendbaseballmannschaft und Familienvater ein unbescholtener Bürger war, wegen zwingender Beweise des bestialischen Mordes an einem Jungen angeklagt. In der Vorbereitung des Prozesses stoßen der Polizist, der die Verhaftung vorgenommen hat, und die zuständigen Anwälte jedoch auch ebenso zwingende Indizien für die Unschuld des Mannes. Um das Paradox aufzuklären, zu dem bald weitere Todesfälle kommen, ziehen sie eine Privatdetektivin hinzu. Dabei kristallisiert sich mehr und mehr heraus, das etwas Monströses hinter der Tat steckt, was bald auch die Ermittler selbst bedroht. Eine dramaturgisch gut gelungene Serienverfilmung von Stephen Kings gleichnamigem Horror-Thriller, die unter anderem durch eine kongeniale Musik und ein überragendes Darstellerensemble suggestiv vom Einbruch des Grauens in einen Kleinstadt-Kosmos erzählt, wobei wie in der Romanvorlage der Schwerpunkt auf den menschlichen Dramen liegt, die die Konfrontation mit dem Bösen nach sich zieht. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE OUTSIDER
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Andrew Bernstein · Jason Bateman · Charlotte Brändström · Igor Martinovic
Buch
Richard Price · Richard Price · Jessie Nickson-Lopez · Dennis Lehane
Kamera
Kevin McKnight · Zak Mulligan · Rasmus Heise · Igor Martinovic
Musik
Danny Bensi · Saunder Jurriaans
Schnitt
Tad Dennis · Leo Trombetta · Dorian Harris · Daniel James Scott
Darsteller
Ben Mendelsohn (Ralph Anderson) · Mare Winningham (Jeannie Anderson) · Jason Bateman (Terry Maitland) · Cynthia Erivo (Holly Gibney) · Yul Vazquez (Yunis Sablo)
Länge
573 (60,63,58,67,56,60,49,56,51,53) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Horror | Literaturverfilmung | Serie | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Warner
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Ein brutaler Mord an einem kleinen Jungen, eine vorschnelle Verhaftung und scheinbar widersprüchliche Fakten bringen die Welt eines Kleinstadt-Cops ins Wanken: eine suggestive Stephen-King-Serienverfilmung.

Diskussion

„All das, was passiert ist, ist ein schlimmer, ganz realer Albtraum,“ sagt Jeannie Anderson (Mare Winningham), als sie ihrem Mann auf der Veranda von einem höchst unheimlichen Erlebnis erzählt, von der Begegnung mit einem Fremden, der plötzlich in ihrer Küche stand und ihr mit gutturaler Stimme befahl, ihr Mann Ralph (Ben Mendelsohn), ein Cop, solle um ihres Leben willen mit seinen Ermittlungen aufhören. Dabei war das Schlimmste da eigentlich bereits schon passiert. Vor Wochen. Vielleicht vor Jahren?

Für Detektive Anderson begann alles mit dem grässlichen Mord an dem kleinen Frank Petersen und den eindeutigen Indizien, dass der Täter nur sein Nachbar Terry Maitland (Jason Bateman) gewesen sein konnte. Als er Maitland, den allseits beliebten Coach der örtlichen Jugend-Baseballmannschaft, vor allen Leuten beim Baseballspiel der Kinder in Handschellen abführte, war es ihm egal, dass sich das im verschlafenen Städtchen Cherokee City, Georgia, wie ein Lauffeuer verbreiten würde. Er wollte den Mörder so schnell wie möglich dingfest machen, nicht zuletzt aus Erinnerung an seinen Sohn, den er viel zu früh verlor und an dessen Tod er und seine Frau fast zerbrachen.

Eine Stephen-King-Verfilmung um einen Kleinstadt-Kosmos, in den das Grauen eindringt

Doch dann wurde langsam klar, dass der Cop einen verhängnisvollen Fehler begangen hat. Einen Fehler? Fakten und Zeugenaussagen, die seine Schuld belegen, waren doch eindeutig! Doch dann kamen Indizien zutage, die etwas anderes behaupten. Terry war gar nicht in der Stadt! Hat er einen Doppelgänger?

„The Outsider“ ist die Geschichte einer Community, die sich aufgrund von Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen zerfleischt. Die auf dem gleichnamigen Stephen-King-Roman beruhende Serie präsentiert das Zerrbild einer uramerikanischen Kleinstadt-Idylle der kleinen Leute, die mit Fleiß und Gottesfürchtigkeit das Land zusammenhalten: Ein Riss hat sich aufgetan, der etwas in diese Beschaulichkeit eindringen lässt, ein Grauen, das um uns herum in anderen Dimensionen lauert. Es wetzt die Klauen in den uralten Höhlen der Umgebung, um den Menschen das zu nehmen, was ihnen am Liebsten ist: ihre Kinder! Und es zerstört wie nebenbei auch noch die Existenz so mancher Erwachsenen.

Hinter dem Mordfall wird langsam das Bild eines übernatürlichen Bösen sichtbar

Richard Price, Dennis Lehane und Jessie Nickson-Lopez haben aus Stephen Kings gut 600 Seiten starkem Buch ein Drehbuch für gut zehn Serien-Stunden extrahiert, und sie haben ihre Sache sehr gut gemacht. Wer King kennt, der ahnt, was sich durch den Riss der Dimensionen in unsere Realität zwängt. Es ist alt, war vielleicht seit Anbeginn der Zeit präsent und wäre in der Lage, die Menschheit ins Chaos zu stürzen. „Es“ lässt grüßen. Stephen Kings Geschichten haben immer etwas Apokalyptisches an sich. Sie geben uns das Gefühl, wirklich und wahrlich mit der Möglichkeit des Endes allen Daseins konfrontiert zu sein. Auch wenn es, wie hier, zunächst nur um einen Mordfall in Georgia geht.

Ein Mensch kann nicht zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten sein. Und dennoch finden sich am Opfer die DNA-Spuren Terry Maitlands, der zugleich zur Tatzeit nachweislich andernorts mit Kollegen arbeitete. Ralph Anderson ist Rationalist – doch wie sollen er und seine Kollegen diese Sachlage logisch deuten? Um sie herum brechen sich Zweifel bahn.

Eine Heldin, die das Undenkbare denkt

Sie manifestieren sich in den „Ermittlungsergebnissen“ von Holly Gibney (Cynthia Erivo). Diese ist nicht Mitarbeiterin der hiesigen Polizei; sie kommt von außen in die verschworene Truppe älterer weißer Cops, denen man eigentlich nichts vormachen kann. Diese haben zwar nicht unbedingt Probleme damit, dass hier eine schwarze Detektivin ihre Kreise stört, wohl aber damit, wie sie es tut. Holly ist seltsam, hat etwas eigentümlich Emotionsloses an sich. Man könnte ihre Art als autistisch abtun, doch das trifft es nicht. Sie ist hochemotional, versteckt dies aber tief in sich. Und sie denkt das Undenkbare. Mit ihrer Inselbegabung vergräbt sie sich in Details, um das große Ganze zu entwerfen. Und das ist in diesem Fall nicht nur ein Mord. Es sind verschiedene Taten zu unterschiedlichen Zeiten und Orten, die indes eines offenbaren: Immer gab es Doppelgänger. Doppelgänger aus Fleisch und Blut, aber nicht von dieser Welt.

Kein Wunder, dass sich Holly Gibney mit ihrer frank und frei geäußerten Theorie von „El Coco“, dem mexikanischen Butzemann, in ihrem Kollegen Ralph Anderson keinen Freund macht. Ein in lateinamerikanischer Folklore auftauchendes Wesen, das sich von Kindern ernährt, ein Wesen, das in Gestalt eines anderen Menschen mordet und sich dann am Leid der Angehörigen delektiert? Das kann nicht sein! Oder doch? Die Welt wäre dann nicht mehr dieselbe.

Musik und Darsteller sorgen für suggestiven Schrecken

Sieben Regisseure teilen sich die zehn Teile der Miniserie auf. Dass sie dennoch wie aus einem Guss wirkt, mag am erfahrenen Autor Richard Price liegen, der die Serie als Showrunner realisierte. Es sind vornehmlich zwei Faktoren, die offensichtlich für die Suggestivität der Serie verantwortlich zeichnen: Zum einen die völlig unaufdringliche, stetig präsente, selten eine Melodie, immer aber ein Unbehagen findende Musik von Daniel Bensi und Saunder Jurriaans. Beides sind Vielschreiber; sie haben im letzten Jahrzehnt dutzende Filme und Serien vertont, doch nicht ohne Grund hat sie Denis Villeneuve 2014 für seinen Film „Enemy“ verpflichtet. Sie geben dem Unergründlichen einen höchst präsenten Klang. Der andere Faktor sind die Darsteller.

Jason Bateman, der in den ersten Teilen nicht nur den vermeintlichen Kindermörder Terry Maitland spielt, sondern auch mitproduziert und die ersten beiden Teile inszeniert. Mare Winningham, die seit den 1970er-Jahren im Geschäft ist, nie den ganz großen Durchbruch erlangte, aber exemplarisch dafür steht, dass „Nebenrollen“ einen Film erst zum Leben erwecken. Bill Camp, der immer dann besetzt wird, wenn man einen Fels in der Brandung braucht. Cynthia Erivo, die es in der Rolle des „Außenseiters“ bravourös schafft, ihre überbordenden Gefühle unter Kontrolle zu halten. Und Ben Mendelsohn, der seinen mürrischen, zweifelnden, hartnäckigen, empfindsamen, polternden, zerbrechlichen und starken Charakter des Detektive Ralph Anderson so beiläufig präsentiert, als sei er als Hauptdarsteller nur ein unbedeutendes Detail einer wahrlich monströsen Geschichte. Alle, bis in die kleinsten Rollen hinein, tragen dazu bei, dass in „Der Outsider“ das Fantastische zu etwas Realem wird. Über zehn Stunden hinweg schaffen sie es peu à peu, aus einem Horrorsujet ein Drama zu machen, das auch den letzten Zweifler darüber grübeln lässt, ob durch Risse Wesen in unsere Welt gelangen, die man sonst nur aus dem Märchen kennt.

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