Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz 2019 | 96 Minuten

Regie: Evelyn Schels

Viergeteiltes dokumentarisches Porträt über Künstlerinnen, in deren Arbeiten körperliche Erfahrung im Zentrum steht: Die Performerin Marina Abramovic, die Installationskünstlerin Sigalit Landau, die Foto- und Videokünstlerin Shirin Neshat und die Fotografin Katharina Sieverding. Dabei soll den Film die übergeordnete Prämisse zusammenhalten, dass im (weiblichen) Körper eine unmittelbare Wahrheit zum Ausdruck kommen würde. Das erscheint angesichts der unterschiedlichen künstlerischen Ansätze der Porträtierten allerdings ebenso fragwürdig wie durch die Reduzierung der Frauen auf ihre Körperlichkeit. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
BODY OF TRUTH
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Evelyn Schels
Buch
Evelyn Schels
Kamera
Börres Weiffenbach
Musik
Christoph Rinnert
Schnitt
Ulrike Tortora
Länge
96 Minuten
Kinostart
10.09.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarisches Porträt von vier international bekannten Künstlerinnen, in deren Arbeiten körperliche Erfahrung im Zentrum steht, wobei der Film der Prämisse folgt, dass der Körperlichkeit eine unmittelbare Wahrheit innewohne.

Diskussion

Die Annahme, dass der Körper im Gegensatz zum Geist eine unmittelbare Wahrheit zum Ausdruck brächte, hat eine lange und problematische Geschichte. Umso verwunderlicher ist es, dass die Dokumentarfilmerin Evelyn Schels sie ohne weiteres zur Prämisse eines Porträts von vier Künstlerinnen macht, in deren Arbeiten körperliche Erfahrung im Zentrum steht. Denn Wahrnehmung ist nicht einfach mit Wahrheit gleichzusetzen. Darüber hinaus sind die Ausdrucksformen von Marina Abramovic, Sigalit Landau, Shirin Neshat und Katharina Sieverding sehr unterschiedlich und lassen sich kaum unter einer These subsumieren.
Bei dem titelgebenden Zitat der serbischen Performance-Künstlerin Abramovic, dass der Geist lügen könne, der Körper jedoch nie, handelt es sich nicht um eine Feststellung, sondern vielmehr um einen provokativen Denkanstoß. Schels stellt diese Aussage jedoch als verbindendes Leitmotiv ihres Porträts der vier Frauen ins Zentrum, ohne deren sehr spezifische Schaffenskontexte wirklich miteinander in einen Dialog zu bringen.

Verwundungen sichtbar machen

Die Atelierbesuche mit längeren Interviewpassagen zeigen die Künstlerinnen bei der Entwicklung neuer Arbeiten und geben Einblick in den Zusammenhang zwischen ästhetischen Verfahren und biografischen Stationen. Schnittstellen zwischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und familiärem Hintergrund deuten sich an.
So greift Marina Abramovic in ihren Performances immer wieder Erinnerungen an ihre Eltern auf, die als jugoslawische Partisanen gegen den Faschismus gekämpft haben. Doch ihre Beziehung zu ihren Eltern ist von großer Ambivalenz geprägt, vor allem weil sie von ihrer Mutter immer wieder geschlagen wurde und körperliche Misshandlungen erfahren hat. Wenn Abramovic in ihren Performances das Publikum mit Selbstverletzungen herausfordert, so dient das nicht einfach der Freilegung einer Wahrheit, die sich in ihren Körper eingeschrieben hätte. Vielmehr wird Abramovics Körper, wenn sie sich mit einer Rasierklinge einen kommunistischen Stern in die Bauchdecke ritzt, zu einem Medium, das die Symbolisierung von Gewaltzusammenhängen performativ vollzieht.

Bei der israelischen Bildhauerin und Installationskünstlerin Sigalit Landau spielt der Körper vor allem bei der Weitergabe von Traumata eine Rolle. Als Tochter zweier Holocaust-Überlebender setzt sie sich mit den unsichtbaren Verwundungen auseinander, die im familiären Gefüge spürbar geblieben sind. In einer ihrer bekanntesten Installationen sieht man sie nackt auf dem Wasser des Toten Meeres schwimmen, umgeben von einer Vielzahl Wassermelonen, die an einer Schnur aufgefädelt sind und ihren Körper einpferchen. Einige von ihnen sind aufgebrochen, so dass das rote Fruchtfleisch sichtbar ist. Während sich die schneckenförmige Struktur wie eine Spule entfaltet und ihren Körper auf dem Wasser treiben lässt, entstehen Assoziationen zu psychischen Verwundungen, Schutzlosigkeit und der Freisetzung des Traumatischen. Auch hier wird das Postulat der Wahrheit problematisch, ist es doch gerade das Fehlen von Erfahrung und Gewissheit, das durch den Körper zum Ausdruck gebracht wird.

Der Körper als Problem weiblicher Selbstverortung

Die iranische Foto- und Videokünstlerin Shirin Neshat setzt sich mit der Politisierung des geschlechtlichen Körpers in einer islamisch geprägten Öffentlichkeit auseinander. Da diese vom Gebot der Verhüllung bestimmt ist, spielt der Blick in ihren Arbeiten eine besonders große Rolle. Sie berichtet von ihrer Jugend während der Herrschaft des letzten Schahs, die von einer freizügigen Lebensweise geprägt war. Nach der islamischen Revolution verließ Neshat das Land, um in New York ein Kunststudium aufzunehmen, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Immer wieder spricht sie von der Vulnerabilität des weiblichen Körpers durch sein Ausgesetztsein im öffentlichen Raum; ihre eigene Magersucht thematisiert sie dagegen nur kurz.

Gerade hier zeigt sich ein Problem, für das „Body of Truth“ zu schnell eine Lösung präsentiert: die besondere Herausforderung für Frauen, sich überhaupt in ihrem Körper zu situieren und gegenüber der eigenen Mutter und der Möglichkeit von Mutterschaft eine eigene Position einzunehmen. Schels’ Film kreist zwar immer wieder um den Körper als explizit weibliches Problem, legt jedoch durch ein essentialistisches Verständnis des Körpers als Ort der Wahrheit nahe, dass der Körper selbst die Antwort sei. Das reduziert Frauen nach altbekannten Mustern auf das Physisch-Materielle, auch wenn es durch die Passion im Leiden eine Umdeutung hin zum Machtvollen erhält. Zudem reproduziert es auch eine Geschlechterzweiteilung, in der Männern anscheinend keine Fragilität zugestanden wird.

Schmerz offenbart keine Wahrheit

Den Körper als Offenbarungsort einer Wahrheit zu sehen, ist auch deswegen problematisch, weil dies seit Jahrhunderten zu den Legitimationsstrategien von Folter gehört, wie erst jüngst das US-Justizdrama „The Report“ gezeigt hat. Die Behauptung, dass Menschen im Schmerz unter schwerer Gewaltanwendung nicht lügen können, diente der CIA zur Rechtfertigung menschenverachtender Praktiken. Die Behauptung einer Wahrheit des Körpers bringt den Wunsch nach seiner Inbesitznahme zum Ausdruck. Im Bezug auf feministische Anliegen ist das nachvollziehbar, löst jedoch das Problem der Selbstverortung nicht. Die Künstlerinnen präsentieren in ihren Arbeiten sehr viel aufschlussreichere Strategien dazu, als es der Film mit seiner fragwürdigen Anordnung versucht.

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