Drama | Frankreich 2019 | 136 Minuten

Regie: Damien Chazelle

Gegründet von einem Jazz-Pianisten aus New York, gerät ein Pariser Club in ernsthafte Probleme, als dessen Geschäftspartner eines Nachts heimtückisch ermordet wird. Statt den Plattenvertrag unter Dach und Fach und die mit Drogenproblemen angereiste Tochter unter Kontrolle zu bekommen, muss der Musiker sich mit Polizeiermittlungen und der Bedrohung durch Kriminelle herumschlagen. Im Krimi-Plot wenig angeht, überzeugt die achtteilige Serie vor allem dank der Unmittelbarkeit der Handkamera- und Musikeinsätze, mit denen authentische Milieus und Auftritte geschaffen werden. Indem die Bandmitglieder und ihre Liebsten in den Episoden vorgestellt werden, wachsen ihre berührenden Geschichten genauso zusammen wie die trefflich komponierten, sich graduell steigernden Jazz-Stücke. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE EDDY
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Damien Chazelle · Houda Benyamina · Laila Marrakchi · Alan Poul
Buch
Jack Thorne · Rachel Del-Lahay · Hamid Hlioua · Phillip Howze · Rebecca Lenkiewicz
Darsteller
André Holland (Elliot Udo) · Joanna Kulig (Maja) · Amandla Stenberg (Julie) · Tahar Rahim (Farid) · Leila Bekhti (Amira)
Länge
136 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Musikfilm | Serie

Eine Serie um einen Jazz-Pianisten aus den USA und seinen Jazz-Club in einem multikulturellen Viertel von Paris, der durch diverse Turbulenzen in Gefahr gerät.

Diskussion

Es gibt Filme, die wirken nicht unbedingt durch das, was erzählt wird, sondern wie sich das Erzählte und der Ort, wo es angesiedelt wird, in der Musik widerspiegeln. „La La Land“, Damien Chazelles zweiter Film nach dem von Schlagzeug-Wirbeln vorangetriebenen Drummer-Drama „Whiplash“, war solch ein Film: Im knalligen, aber letztlich gnadenlosen Los Angeles drohen zwei Liebende, ein erfolgloser Jazz-Pianist und eine ebenso erfolglose Schauspielerin, sich und ihre Gefühle zueinander aus den Augen zu verlieren – und berührten einander wie auch den Zuschauer vor allem auf der Tonebene.

Private Probleme und ein Mord sorgen für Schwierigkeiten

In der Netflix-Serie „The Eddy“, die von Chazelle mitentwickelt und in den ersten zwei Folgen auch inszeniert wurde, siedelt sich die Handlung zwischen einem schweren Verlust und einem großen Traum mitten im Herzen von Paris an. Alles, das Traurige und das Hoffnungsvolle, das Quirlige, das Gefährliche und das Verbindende des Melting Pots schwingen in der Musik mit, die den Jazz-Club „The Eddy“ und die Erlebnisse seines Gründers Elliot Udo (André Holland) ausmachen: Der berühmte Jazz-Pianist kam aus New York nach Paris, um mit „The Eddy“ und der dazugehörigen, von ihm aufgebauten Jazz-Combo Fuß zu fassen. Zentrum von Elliots Bühne und Herz ist Sängerin Maja (Joanna Kulig). Zentrum seiner Sorgen ist ein Plattenvertrag für die Band sowie seine mit Drogenproblemen angereiste Tochter Julie (Amandla Stenberg), die zuhause rausgeflogen ist und nun beim Vater unterkommen will.

Elliots Ehe, so erfahren wir nach und nach, hat der Profimusiker nach dem tragischen Tod seines kleinen Sohns ebenso in den Sand gesetzt wie seine Karriere und seine Beziehung zu Julie. Dementsprechend hängt sich die 16-Jährige auch lieber an den jungen Barmann Sim (Adil Dehbi), der selbst im Vorort musikalisch auf die Beine zu kommen und sich von den dort gängigen Kleingaunereien fernzuhalten versucht. Alle Figuren straucheln, doch ihre Takte klingen immer flüssiger. Da wird Elliots engster Freund und Partner Farid (Tahar Rahim) kurz nach Ladenschluss brutal ermordet. Geldwäsche, Falschgeld und Betrug stehen plötzlich im Raum, ebenso wie eine Ermittlerin von der Kriminalpolizei, die Elliots Unschuldsbeteuerungen kein Wort glaubt und dem ohnehin klammen Club erst einmal den Riegel vorschiebt.

Eintauchen ins Milieu der Banlieue

„The Eddy“ nistet sich mit seinen sehr unmittelbaren Handkamera-Bildern direkt ins quirlige Herz von Paris ein. Allerdings nicht auf dem Champs-Élysées, sondern in den Hochhaussiedlungen der Vororte – dort, wo Träume tatsächlich noch gehegt werden, eben weil die gesellschaftliche Ausgangslage wenig traumhaft ist. Mit Sim, dessen Großmutter und Farids in tiefer Trauer zurückgelassener Familie wirft sich die Serie auch in den Alltag, die Wünsche und die Zerrissenheit von Frankreichs muslimischer Community. Auch wenn der Afroamerikaner Elliot seiner Tochter am Ende James Baldwins Essay-Sammlung „The Price of the Ticket“ schenken und die junge Frau ihre geglätteten Haare gegen Naturlocken tauschen wird.

Der Fokus von „The Eddy“ liegt auf dem verbindenden Charakter der Musik, auf dem trefflichen Einfangen einer multilingualen Lebenswelt, die keine mehr „von außerhalb“ ist, sondern schon lange die französische Kultur mitbestimmt. Kritisiert und unterlaufen wird die muslimische Community höchstens „intern“ – von Farids kleiner Familie, weil sie sich der Lebensfreude und der Musik verschrieben hat, nicht den streng religiösen Bräuchen der Großeltern.

Eine Serie, die nicht zuletzt ein Hörvergnügen ist

Wie in „Whiplash“ und „La La Land“ geht es auch in „The Eddy“ um die Sehnsucht nach Verbundenheit im Moment des Ausschlusses und nach Verständnis für das Leid, als talentierter Mensch sang- und klanglos in einer Welt unterzugehen, in der es vor talentierten Menschen nur so wimmelt. Da stört es auch wenig, dass der Krimi-Plot nicht sonderlich elaboriert ist und die Figuren der Ermittler und Verbrecher so blass und austauschbar bleiben. Dreh- und Angelpunkt jeder Folge bleiben die (Band-)Mitglieder, ihre Liebsten und ihre genau der Wirklichkeit abgeschauten Lebensumstände: Elliot, Julie, Amira, Jude, Maja, Sim, Katarina, The Eddy. Jede der acht Folgen porträtiert eine Figur, bis sich aus dem Mosaik das berührende Porträt einer durch die Erlebnisse zusammengewachsenen Gemeinschaft ergibt, die sich nicht so leicht auseinanderreißen lässt – egal wie stark von außen gezogen wird. Und das gilt vor allem für das erstarkende Vater-Tochter-Gespann.

Diese in den immer perfekter aufeinander abgestimmten Musikstücken abzulesende Entwicklung ist in ihren feinen Graduierungen selbst für den Laien heraushören. Und das lässt sich wohl vor allem dem Songwriter und sechsmaligen „Grammy“-Gewinner Glen Ballard zuschreiben. Die kongruente Abstimmung von Musik und Milieu, von Erzähltem und Atmosphäre macht „The Eddy“ vor allem zum Hörvergnügen, das die fragilen Beziehungen seiner Figuren auseinanderzudröseln und in wunderbar ineinandergreifende Jazz-Stücke zu gießen weiß – mal treibend, mal fröhlich, dann wieder still melancholisch, vor allem aber sehr berührend.

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