Drama | Australien 2019 | Minuten

Regie: Emma Freeman

Eine australische Miniserie rund um ein Flüchtlings-Auffanglager irgendwo in der australischen Wüste. In dem Lager kreuzen sich die Schicksale von vier Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, wodurch unterschiedliche Perspektiven auf die Flüchtlingssituation ins Spiel kommen. Im Zentrum stehen u.a. eine junge Frau, die sich in eine Sekte verstrickt hat und eigentlich Australien verlassen will, dann aber ohne gültige Papiere in dem Lager landet, ein afghanischer Mann, der seine Familie retten will, ein Wärter, für den sein Verdienst eine wichtige soziale Verbesserung bedeutet, und die Generaldirektorin der Einwanderungsbehörde. Die Verquickung dieser Geschichten gelingt daramturgisch stimmig und entwirft ein vielschichtiges Bild der Folgen der australischen Einwanderungspolitik, das eindringlich moralische Dilemmata aufzeigt und sich einfache Antworten versagt. Getragen wird die Miniserie durch ein hervorragendes DarstellerInnen-Ensemble. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
STATELESS
Produktionsland
Australien
Produktionsjahr
2019
Regie
Emma Freeman · Jocelyn Moorhouse
Buch
Elise McCredie · Belinda Chayko
Kamera
Bonnie Elliott
Musik
Cornel Wilczek
Schnitt
Mark Atkin · Martin Connor
Darsteller
Yvonne Strahovski (Sofie Werner) · Jai Courtney (Cam Sandford) · Asher Keddie (Clare Kowitz) · Fayssal Bazzi (Ameer) · Dominic West (Gordon Masters)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Serie

Australische Miniserie, die auf sehr differenzierte und spannende Weise die Migrations- und Asylpolitik Australiens in den Blick nimmt, indem sie von vier Personen erzählt, die in einer der berüchtigten Einwanderungshaftanstalten Australiens aufeinandertreffen.

Diskussion

Ist es möglich, über die schon lange in der Kritik stehende Einwanderungspolitik Australiens zu erzählen, indem Figuren geschaffen werden, die nicht nur in das Land hineinwollen, sondern auch versuchen, aus dem Land ausgewiesen zu werden? Die australische Miniserie „Stateless“, die 2020 im Rahmen der Serien-Sektion auf der „Berlinale“ zu sehen war und nun im Juli bei Netflix startet, versucht dies. Und es gelingt ihr bravourös. Tatsächlich beruht die Geschichte von Sofie Werner (Yvonne Strahovski), die unter Vortäuschung einer anderen Identität in eine Einwanderungshaftanstalt kommt, weil sie traumatischen Erlebnissen entfliehen will, sogar auf einem realen Fall einer psychisch kranken Frau mit deutscher Herkunft, die mit einer Niederlassungserlaubnis in Australien lebte und zwischen 2004 und 2005 rechtswidrig für zehn Monate in einem Lager festgehalten wurde.

Über Internierungslager, in denen Flüchtlinge zu Gefangenen werden

„Stateless“ erzählt nun aber nicht nur die – in der Realität bereits wahnwitzige – Geschichte dieser Frau, sondern kombiniert sie mit drei anderen Handlungssträngen. Da ist zum einen die Geschichte von Ameer (Fayssal Bazzi), der mit seiner Familie aus Afghanistan nach Pakistan und von dort nach Australien flüchtet und schließlich in dem Einwanderungslager Corvos landet. Da ist ferner Cam Sandford (Jai Courtney), der einen Job als Wärter in dem Lager annimmt, weil er damit deutlich besser verdient als mit seinem bisherigen Job. Und da ist schließlich Clare Kowitz (Asher Keddie), Generaldirektorin der Einwanderungsbehörde, die vom Einwanderungsministerium in das Lager geschickt wird, um die dortigen Unruhen einzudämmen.

Diese vier Geschichten schaffen ein differenziertes Bild der schon seit Jahrzehnten in der Kritik stehenden Einwanderungspolitik Australiens, die die „Boatpeople“ – also Geflüchtete, die mit Booten nach Australien kommen – in Internierungslager steckt, wo sie wie Gefangene behandelt werden. Viele dieser Lager wurden in den letzten Jahrzehnten geschlossen, viele sind aber noch im Betrieb.

Nah an der Realität

In der Serie kommt es zu mehreren Vorfällen, die in ähnlicher Weise realiter passiert sind. Proteste, Unruhen, Selbstmordversuche von Inhaftierten, Gewalt von Wärtern, all das wird schonungslos offengelegt. Der Protest von Tamilen auf einem Dach der Einwanderungshaftanstalt in der Serie korreliert mit Protesten von Asylsuchenden im Villawood Immigration Detention Centre im April 2011.

Damit ist „Stateless“ eine hochpolitische Serie, zugleich aber auch überzeugend erzählt. Durch die vier Hauptfiguren werden unterschiedliche Perspektiven angeboten, die einfache Antworten massiv erschweren. Immer wieder geraten die Figuren in Dilemma-Situationen, die keinen Königsweg bieten. Dies gelingt auch dadurch, dass den Protagonisten Nebenfiguren zur Seite gestellt werden, die zusätzlich herausfordernd wirken. So ist Cam Sandfords Schwester Janice (Kate Box) eine Aktivistin, die gegen die Asylpolitik protestiert.

Ein Herzensprojekt von Superstar Cate Blanchett mit exquisiter Besetzung

Cate Blanchett hat die Serie zusammen mit Tony Ayres und Elise McCredie entwickelt. Geschrieben wurden die Folgen von Elise McCredie und Belinda Chayko. Regie führten mit Emma Freeman und Jocelyn Moorhouse ebenfalls zwei Frauen. In einer Nebenrolle überzeugt Cate Blanchett als Co-Leiterin der sektenartigen Organisation, die für Sofies psychische Erkrankung verantwortlich ist. An ihrer Seite als Leiter der Organisation brilliert Dominic West („The Wire“). Überhaupt überzeugt der größtenteils australische Cast über alle Maßen. Yvonne Strahovski ist es bereits in „The Handmaid's Tale“ gelungen, die Zwiespältigkeit einer Figur mit ihrer ganzen Körpersprache zum Ausdruck zu bringen. Ihre Sofie Werner in „Stateless“ gestaltet sie als Frau, die in ihrem zunehmenden traumatisch bedingten Wahnsinn dem Irrsinn des Internierungslagers den Spiegel vorhält.

Der im Libanon geborene Schauspieler Fayssal Bazzi packt in seine Rolle des Ameer die ganze Tragik eines Menschen, der alles dafür tut, seiner Familie ein Leben ohne Verfolgung zu ermöglichen und dabei gezwungen wird, zu Mitteln zu greifen, die ihn im Innersten zerreißen. Asher Keddie verkörpert eine Generaldirektorin der Einwanderungsbehörde, die hin- und hergerissen ist zwischen der professionellen Erfüllung ihrer Aufgabe und dem zunehmenden Bewusstwerden, dass ihr Handeln den Verlust ethischer Werte mit sich bringt. Jai Courtney stattet seinen Cam Sandford mit einer Mischung aus robuster Körperlichkeit und Sensibilität aus, die unsere Empathiefähigkeit mit der undankbaren Rolle eines Lager-Wärters stets aufs Neue herausfordert.     

„Stateless“ ist in allen Belangen gelungen. Politische Brisanz wird perfekt mit erstklassigem Storytelling und Figuren verbunden, die noch lange in unserer Erinnerung nachwirken werden.

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