Drama | Tschechien/Deutschland 2019 | 91 Minuten

Regie: Stepan Altrichter

Ein in die Jahre gekommener Schlägertyp versucht, seine Stammkneipe in einem Prager Plattenbauviertel vor dem Ruin zu bewahren. Die Romanadaption erzählt die Geschichte eines Mannes, der zusammen mit dem tschechoslowakischen Sozialismus abgehängt wurde. Ihrer unbeholfenen, ständig ins Bild gerückten symbolischen Bildsprache zum Trotz schafft es die Tragikomödie, vom Ressentiment zu erzählen, das ein Mann empfindet, dem die Marktwirtschaft jegliche Chance auf Widerstand genommen hat. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
NÁRODNÍ TRÍDA
Produktionsland
Tschechien/Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Stepan Altrichter
Buch
Stepan Altrichter
Kamera
Cristian Pirjol
Musik
Reentko Dirks · Clemens Christian Poetzsch
Schnitt
Jan Danhel
Darsteller
Hynek Cermák (Vandam) · Katerina Janecková (Lucy) · Jan Cina (Psycho) · Václav Neuzil (Milner) · Jirí Langmajer (Roman)
Länge
91 Minuten
Kinostart
11.06.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Komödie | Literaturverfilmung

Tragikomödie um einen tschechischen Schlägertyp, der seine Stammkneipe vor dem Ruin zu retten versucht.

Diskussion

Sein Name ist Vandam. Ausgesprochen wird er wie der des belgischen Vorbilds Van Damme, geschrieben ohne die Worttrennung und die zusätzlichen Buchstaben und damit gänzlich frei von französischsprachiger Eleganz. Auch die Eleganz, mit der Van Damme nach einer Karriere im Karate- und im Kickboxsport in Hollywood Karriere machte, gibt es bei Vandam (Hynek Cermák) nicht. Keine Kampfkunst, kein Tanz, kein Schauspiel, kein Spagat: Der einzige gemeinsame Nenner sind Prügel. Von denen gibt es nicht nur in den Actionfilmen des Belgiers, sondern auch beim glatzköpfigen Prager reichlich. In und außerhalb der Stammkneipe findet er immer eine Möglichkeit, sie auszuteilen oder – wie er es nennt – „Liebe und Wahrheit“ mit der linken und der rechten Faust zu verbreiten.

Der Erste, der zugeschlagen hat

Für die Kneipenhocker des Prager Südstadtviertels ist Vandam auch ohne Eleganz und Glamour ein Held. Abend für Abend wärmen die Kumpels die alte Geschichte von der Národní třída, der Prager Nationalstraße, wieder auf. Am 17. November 1989, dem schicksalhaften Tag, der als Beginn der Samtenen Revolution und damit auch als Beginn der Tschechischen Republik gilt, war dieser Held live mit dabei. Tatsächlich war er nicht einfach nur dabei, sondern auch „der Erste, der zugeschlagen hat“. Als die Geschichte an diesem Abend routinemäßig aufgetaut wird, hört Vandam nur mit halbem Ohr zu. Er hat einen betrunkenen, aufdringlichen Fremdling am Tresen und damit die nächste Chance auf eine Prügelei ins Auge gefasst. Nahtlos geht sein Heldenmythos in einen ungelenken Austausch von Beleidigungen über, der damit endet, dass der Fremde mit blutender Lippe vor der Kneipe sitzt und Vandam sich neben ihm eine Siegeszigarette ansteckt.

Es ist ein kurzer Triumph, der zumindest vorübergehend den heroischen Glanz des Proletendaseins erhält. Doch der Anstrich ist so blass, wie beinahe alles in der Filmadaption eines Romans von Jaroslav Rudiš durch den Regisseur Štěpán Altrichter. Selbst die auffällige rote Jacke des Protagonisten, die ein Schriftzug mit seinem Namen auf dem Rücken ziert, strahlt nicht mehr. Vandams Welt scheint wie vom Staub längst vergangener Tage bedeckt. Die alte Jacke, der alte Skoda, der Plattenbau und das auf den Rücken tätowierte römische Sprichwort („Unter Waffen schweigen die Gesetze“) sind so sehr aus der Zeit gefallen wie der Protagonist. Mit doppeltem Ausrufezeichen kündigen diese visuellen Marker das Schicksal an, das Typen wie Vandam ereilt, die sich und ihren antiquierten Werten bis übers Verfallsdatum hinaus treu bleiben.

Endgültig überschritten ist dies, als Vandam erfährt, dass seine geliebte Wirtin Lucy (Katerina Janecková) die Kneipe und damit seinen Stammplatz verkaufen will. Vandams Versuche, genug Geld aufzutreiben, um das Lokal erhalten zu können, bringen zusätzlichen Kontrast zum verblichenen Proletariercharme der Prager Südstadt. Mit dem schrottreifen Skoda verfolgt Vandam die deutschen Oberklasse-Wagen der Makler, klingelt an den Toren der Vorstadtvillen und setzt der Allmacht des Kapitals das einzige entgegen, was er überhaupt noch zu geben hat: Aggression.

Die Ohnmacht der Abgehängten

Je zügelloser sich Vandam seinen Vorstellungen von Gerechtigkeit hingibt, desto mehr widmet sich der Film den Konsequenzen dieser Proletenjustiz. Denn der Held, der auf der Volksstraße damals als erster zuschlug, tat es eben nicht im Namen der Freiheit, sondern im Namen des Gesetzes. Nicht als Protestierender, sondern als Polizist. Die Gewalt, mit der Vandam 1989 gegen die Prager Studenten vorging, rennt nun, 30 Jahre später, endgültig gegen Windmühlen an.

Die eigentliche Ohnmacht, die dahintersteht, zeigt der Film abseits der Prügelei. Als die Kneipenwirtin Lucy endlich Vandams Einladung auf einen Kaffee (mit Schuss) annimmt, stehen sich beide für einen unendlichen langen Moment gegenüber, während das Wasser im Kocher langsam zu brodeln beginnt. Es ist die große Metapher für Vandams Leben: Ohne einen Konflikt oder ein Hindernis, gegen das er seine Körperkraft werfen könnte, tritt er hilflos auf der Stelle. Dass der romantische Abend kurz darauf scheitert, scheint bereits festzustehen.

„Nationalstrasse“ ist keine Geschichte der spektakulären Konflikte oder der brutalen Schlägereien, sondern die des Ressentiments. So unbeholfen der Film das Außenseiterdasein auch als verblasste Farbe oder ausrangiertes Automodell ins Bild rückt, so bemerkenswert schafft er es, das Porträt eines Mannes zu entwerfen, der von der neu gewonnenen Freiheit und der damit einziehenden Freiheit der Märkte abgehängt wurde. Sein Schmerz kommt nicht in Form einer einzigen eruptiven Ungerechtigkeit daher, einer zerstörten Lebensgrundlage oder einer Vergangenheit, die ihn unweigerlich einholt.

Nicht gewinnen, nur annehmen

Die Kräfte des freien Kapitals nehmen Vandam weder seinen Job noch seine Wohnung; sie nehmen ihm seine Möglichkeit, Widerstand zu leisten. Der ständige Versuch, Schlägereien zu forcieren, ist die einzige Chance, noch eine Plattform zu finden, auf der ein Konflikt mit der unsichtbaren Kraft des Marktes zumindest behauptet werden kann. Als er einmal festgenommen wird, lässt Vandam sich lieber verprügeln, als in Handschellen im Polizeiwagen sitzen zu bleiben. Den Kampf kann er nicht gewinnen, er kann ihn nur annehmen.

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