Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 104 Minuten

Regie: Jana Matthes

Ein in Berlin aufgewachsener junger Jude distanziert sich vom Erbe des Holocaust und plant zusammen mit zwei deutschen Freunden ein Videospiel um einen SS-Mann und ein jüdisches Mädchen, das mit den herkömmlichen Opfer-Täter-Rollen bricht. Die zunehmende Beschäftigung mit der Vergangenheit seiner Familie führt jedoch zu Zweifeln an der Angemessenheit der Idee. Der Dokumentarfilm beobachtet die Entwicklungen der Protagonisten, fällt dabei aber zunächst oft oberflächlich aus. Erst in der zweiten Hälfte wird er konzentrierter, wenn es stärker um die Familiengeschichte geht, und damit auch packender. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Jana Matthes · Andrea Schramm
Buch
Jana Matthes · Andrea Schramm
Kamera
Lars Barthel · Johannes Thieme
Musik
The Notwist · Bernd Jestram
Schnitt
Julia Wiedwald
Länge
104 Minuten
Kinostart
14.10.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Ein Dokumentarfilm über einen jungen Juden aus Berlin, der sich vom Erbe des Holocaust distanziert und mit deutschen Freunden ein tabubrechendes Computerspiel plant.

Diskussion

Yaar ist in Jerusalem geboren und zog mit seinen Eltern als kleiner Junge nach Berlin. Zu Beginn des Films erläutert der junge Mann seinen Eltern in einer Mischung aus Deutsch und Hebräisch seine Idee zu „Als Gott schlief“, einem ganz anderen Computerspiel über den Holocaust. Zusammen mit Marcel, einem deutschen Freund, will er die tradierten Rollen – alle Juden waren Opfer, alle Deutschen waren Täter – aufbrechen. Basierend auf der Geschichte seiner jüdischen Großmutter soll ein junges Mädchen, das seinen Bruder retten möchte, einem SS-Mann gegenüberstehen (dem Ur-Großvater Marcels nachempfunden), der auch Juden rettet. Yaars Mutter ist skeptisch, der Vater eher schockiert. Seine eigene Mutter musste den Tod des Bruders erleben, litt darunter ihr Leben lang und traumatisierte auch den Sohn.

In den beiden ersten von vier Kapiteln sieht man in „Endlich Tacheles“ zwei junge Männer, die sehr selbstbewusst behaupten, mit der Geschichte ihrer Vorfahren nichts mehr zu tun zu haben und dafür auch nicht verantwortlich zu sein. Zusammen mit Yaars Freundin Sarah wollen sie ein Videospiel erschaffen, das mit Rollenzuschreibungen, Klischees und Tabus bricht. Die entscheidende Frage dabei ist immer: Was wollen sie ausdrücken? Darf man die harte Realität verändern, den Bruder im Spiel überleben lassen und den SS-Mann auch zu einem „guten Deutschen“ machen, obwohl der reale Vorfahre Marcels niemals Juden vor dem Tod gerettet hat?

Ein irritierender Einstieg

Zunächst irritieren die lange Exposition und vor allem die beiden jungen Männer. Besonders wenn beide in Krakau in leer stehendes Haus mieten, das sie entfernt an die ehemalige Bleibe der Großmutter erinnern soll, SS-Reiterstiefel anziehen und damit lachend durch das Haus marschieren. Aus dem verständlichen Reflex heraus, nicht verstehen zu können, warum so viele Juden nichts gegen ihre offensichtliche Ermordung getan haben, entsteht bei Yaar eine gewisse Überheblichkeit. Ausgerechnet mit einem Computerspiel möchte er versöhnen und die Last der Geschichte überwinden, die er zusammen mit Marcel immer nur als „Scheißhaufen“ bezeichnet. Über die Gründe, warum es so wenig jüdischen Widerstand vor allem in Konzentrationslagern gab, reflektiert Yaar nicht. Wie tragisch und tödlich Aufstände wie im Warschauer Ghetto endeten, wird nicht thematisiert.

Allerdings macht Yaar dann doch noch eine erstaunliche Entwicklung durch. In Krakau wird er mit der Schwere der Geschichte, und auf dem Boden des zugewachsenen KZ Plaszow mit der unfassbaren Tragik des Judenmordes konfrontiert. Und zu seinem Vater, den er lange nicht verstanden hat, entsteht plötzlich eine nie gekannte Nähe. Im letzten Kapitel sitzen sich Yaar, Marcel und Sarah dann wieder gegenüber und diskutieren über die Aussage des von ihnen so lange konzipierten Videospiels. Es geht um eine entscheidende Frage: Darf man eines Spiels wegen die Geschichte verändern, sogar verfälschen?

Überzeugend in der zweiten Hälfte

„Endlich Tacheles“ gehört zu den Dokumentarfilmen, die überlang sind und erst ab der Hälfte wirklich überzeugen. Zu Beginn und in den Bildern stark beliebig, sieht man viele unnötige Szenen von Yaar unter der Dusche oder in der Berliner S-Bahn. So recht vermögen sich die beiden Filmemacherinnen Jana Matthes und Andrea Schramm auch nicht zu entscheiden, wann sie auf Nähe und wann sie auf Distanz setzen. Als Yaar das erste Mal in Krakau seine Fassung verliert, seinen Vater anruft und seine Freundin Sarah bittet, ihn doch kurz allein zu lassen, bleibt die Kamera zunächst maßvoll in einer Totalen. Danach kommt es jedoch zu einer Nahaufnahme, die unnötig ist und die ursprüngliche Intention konterkariert.

Diese Szene steht dann auch für die Stärken und Schwächen des Films. Thematisch zunächst unscharf, aber dann klarer und auch packend, stehen sich die beiden Regisseurinnen durch eine mitunter unentschiedene Form der Montage selbst im Weg. Gerade wenn der Film eher klassisch wird, wie in den Szenen um die Vater-Sohn- und Mutter-Sohn Beziehung oder die tabuisierte Familiengeschichte, genau dann überzeugt „Endlich Tacheles“ am meisten.

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