Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution

Historienfilm | Großbritannien/Frankreich 2020 | 107 Minuten

Regie: Philippa Lowthorpe

Tragikomödie über eine spektakuläre Aktion des „Women’s Liberation Movement“ während der „Miss World“-Wahl des Jahres 1970, bei der Aktivistinnen gegen die Unterdrückung der Frau protestierten. Ironischerweise gewann aber mit Jennifer Hosten erstmals eine schwarze Frau den Titel. Der Film erzählt das Geschehen aus beiden Perspektiven, ohne die vielfältigen Bruchlinien überzeugend bündeln zu können. Der Versuch, allen Seiten gerecht zu werden, geht zu Lasten von Spannung und Figurenzeichnung. Dennoch gelingen grandiose Karikaturen misogynen Verhaltens. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MISBEHAVIOUR
Produktionsland
Großbritannien/Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Philippa Lowthorpe
Buch
Rebecca Frayn · Gaby Chiappe
Kamera
Zac Nicholson
Musik
Dickon Hinchliffe
Schnitt
Úna Ní Dhonghaíle
Darsteller
Gugu Mbatha-Raw (Jennifer Hosten) · Keira Knightley (Sally Alexander) · Greg Kinnear (Bob Hope) · Lesley Manville (Dolores Hope) · Daniel Tiplady (Archie)
Länge
107 Minuten
Kinostart
01.10.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Historienfilm | Tragikomödie

Tragikomödie um die Miss-World-Wahl im November 1970, bei der feministische Aktivistinnen die Veranstaltung störten, während der Sieg für die aus Grenada stammende Jennifer Hosten ein emanzipatorischer Akt war.

Diskussion

„We are not beautiful, we are not ugly – we are angry!“, skandierten die Feministinnen, die 1970 gegen die Miss-World-Wahl in London demonstrieren: „Wir sind nicht schön, wir sind nicht hässlich, wir sind wütend!“ Das Aussehen soll keine Rolle spielen. So soll der Gegenentwurf zu einem Wettbewerb aussehen, bei dem die Erscheinung (fast) alles ist.

Der Film „Die Misswahl“ thematisiert Vorgeschichte und Umsetzung dieser spektakulären Aktion des „Women’s Liberation Movement“ (WLM). Viele Aktivistinnen hatten sich am 20. November 1970 inkognito unter die Zuschauer in der Royal Albert Hall gemischt und protestierten mit Rufen, Mehlgeschossen und Wasserpistolen gegen den „Viehmarkt“, das Patriarchat und die Unterdrückung der Frau. Zumindest vorübergehend sprengten sie die Veranstaltung und schafften es, den Entertainer und Moderator Bob Hope von der Bühne zu jagen. Ein Coup, der die Gruppe schlagartig bekannt machte: Medien in der ganzen Welt berichteten darüber.

Nur ein Teil der Wahrheit

Allerdings gäbe die Historie noch mehr her. 1970 war auch das Jahr, in dem erstmals eine schwarze Frau den Miss-World-Titel gewann. Jennifer Hosten aus Grenada siegte vor Pearl Janssen, der ebenfalls schwarzen Miss South Africa. Janssen war vom Apartheids-Regime, das zunächst nur eine weiße Miss Südafrika ins Rennen geschickt hatte, kurzfristig nachnominiert worden, um entsprechende Proteste zu besänftigen. Ein spektakuläres Ereignis, das im Nachgang noch für viele, teils auch rassistisch motivierte Proteste und Diskussionen sorgte. Der Film vertieft dies nicht weiter, wohl weil es seine Story gesprengt hätte. Trotzdem ist es schade, dass man über diese Querelen nichts erfährt; so dominiert nämlich vor allem der Eindruck, dass die Wahl von Hosten und Janssen ein großer Fortschritt in Sachen Diversität gewesen sei. Das aber ist eben nur ein Teil der Wahrheit.

Die Drehbuchautorin Rebecca Frayn und Regisseurin Philippa Lowthorpe haben es sich mit dem in viele Richtungen ausufernden Stoff allerdings nicht leichtgemacht. Ihnen gebührt großer Respekt für den Versuch, das disparate Material mit seinen gesellschaftlich-politisch-ethnischen Bruchlinien in den Griff zu bekommen, auch wenn dies auf Kosten einer durchgehend fesselnden Handlung geht. Trotzdem war es die richtige Entscheidung, den Wettbewerb nicht nur aus der kritischen Außen-, sondern auch aus der Binnenperspektive zu spiegeln. Und zwar aus einer Position heraus, die auch die mit der Show einhergehenden Chancen berücksichtigt. „Die Misswahl“ macht nicht nur Sally Alexander und ihre Mitstreiterin Jo Robinson zu Hauptfiguren, sondern eben auch Jennifer Hosten und Pearl Janssen, zwei durch ihre Herkunft und Hautfarbe unterprivilegierte Frauen, für die der Wettbewerb eine Chance und überdies auch eine Art Anerkennung ist. So erzählt die noch immer ungläubig staunende Pearl einmal, wie die gesamte Belegschaft der Schuhfabrik in Südafrika, in der sie arbeitet, nur für sie geklatscht habe, um zur Nominierung zu gratulieren. Und Hosten betont mehrfach, dass der Protest von Sally & Co. nur aus einer privilegierten Haltung heraus möglich sei.

Nicht immer voraussagbare Konfliktlinien

So verlaufen die Konfliktlinien von „Die Misswahl“ bei weitem nicht nur zwischen rückständigen Männern und fortschrittlichen Frauen. Sie trennen auch Weiß und Schwarz, Menschen aus einem Apartheidstaat von denen aus demokratischen Ländern – und mit den Diskussionen zwischen Sally und ihrer Mutter auch die Generationen. Das Anliegen, alle diese Positionen unter einen Hut zu bekommen, führt zwar mitunter zu interessanten Szenen, geht aber doch auch zu Lasten von Spannung und Figurenzeichnung. Ausgerechnet Sally, die schon durch ihre Besetzung mit Keira Knightley so etwas wie eine „Prima inter pares“ ist, bleibt eher blass und ist keine mitreißende Figur. Auch der proletarischen Jo mangelt es an Facetten, was nicht an der Schauspielerin Jessie Buckley, sondern am Drehbuch liegt. Die interessanteste unter den Protagonistinnen, Jennifer Hosten, strahlt in der Darstellung von Gugu Mbatha-Raw hingegen eine tiefe Ruhe als Mischung aus Selbstbestimmtheit und innerer Distanz aus.

Ohnehin sind die schauspielerischen Leistungen glänzend, sofern die Darsteller dazu Gelegenheit erhalten: Greg Kinnear als schlüpfriger Bob Hope, Lesley Manville als dessen frustrierte Gattin, Keeley Hawes als innerlich zerrissene „Miss World“-Geschäftsführerin und Rhys Ifans als in den 1950er-Jahren steckengebliebener „Miss World“-Gründer. Auch sonst macht „Die Misswahl“ vieles richtig: In manchen Szenen ist die Tragikomödie schlicht grandios, gerade wenn sie beiläufig die Misogynie jener Zeit skizziert und karikiert. Auch Kostüme und Settings sind stimmig. Was fehlt, ist ein dramaturgischer Zugriff, der „Biss“; die Ausgewogenheit gereicht der filmischen Erzählung nicht zum Vorteil, sondern lässt „Misbehaviour“, so der Originaltitel, ausgesprochen brav und glatt daherkommen.

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