Ronnie Wood: Somebody up there likes me

Dokumentarfilm | Großbritannien 2019 | 72 Minuten

Regie: Mike Figgis

Im Alter von 70 Jahren blickt der englische Rockmusiker und Rolling-Stones-Gitarrist Ron Wood auf seine Karriere und ein bewegtes Leben zurück, zu dem neben vielen Drogenexzessen auch die Malerei und die Kunst des Überlebens zählen. Unterstützung findet er in seiner Rückschau in Weggefährten wie Mick Jagger, Keith Richards und Rod Stewart. Die Musikdokumentation meidet alles Sensationsheischende und lässt die boulevardesken Skandalgeschichten beiseite, um einen nüchternen Blick auf einem gealterten Künstler mit vielen Facetten zu werfen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SOMEBODY UP THERE LIKES ME
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
Mike Figgis
Buch
Mike Figgis
Kamera
Conor Connolly · Jaimie Gramston · Andrew Muggleton
Musik
Rosey Chan
Schnitt
Matt Ashton · Matthew Longfellow
Länge
72 Minuten
Kinostart
09.07.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Eine biografische Begegnung mit dem Rolling-Stones-Gitarristen Ron Wood und seinem bewegten Leben.

Diskussion

„The life and times of“ Ron Wood (Jahrgang 1947) würden allein schon reichlich Stoff für eine spekulativ-knallige Boulevard-Dokumentation abgeben, die es sich auch kaum nehmen ließe, mit einer der megalomanen Live-Performances der Rolling Stones zu eröffnen. Doch der Filmemacher Mike Figgis wählt einen anderen, weitaus unspektakuläreren Weg, um sich einem Musiker zu nähern, der nach eigener Einschätzung nie älter als 29 Jahre gewesen ist. Angesichts seiner Drogenprobleme staunt dann mancher im Film, etwa Keith Richards, dass Ron Wood seinen 70. Geburtstag erlebt hat. Wood selbst bringt sein Leben im Rückblick auf die Formel: „I was in the hand of destiny and always in the right place at the right time. “

Die Wirkung auf (weibliche) Fans

Figgis nähert sich dem britischen Rockmusiker in „Ronnie Wood – Somebody up there likes me“ zunächst über sein zweites oder, wenn man das Überleben als Talent dazu nimmt, drittes Talent: die Malerei. Wood hat eine Kunstschule besucht und sich auch auf diesem Gebiet beständig kreativ bewegt, wenngleich eben nicht als Star. So begegnet man ihm zunächst bei der Arbeit in seinem Atelier und dann in einer Art biografischem Interview, dessen Impulse von Tarot-Karten gesetzt werden. Wood hat einiges zu erzählen, wurde er doch in ein Milieu von Alkoholikern geboren. Prekäre Verhältnisse, Londoner Arbeiterklasse. Früh kaufte er sich eine Gitarre, versuchte sich am Skiffle und wurde von seinen beiden älteren Brüdern mit Jazz, Soul und Rhythm ’n’ Blues bekannt gemacht. Ebenfalls in jungen Jahren erlebte er die Rolling Stones live und erkannte deren Wirkung auf die (weiblichen) Fans, was den Wunsch weckte, eines Tages in genau dieser Band spielen zu wollen.

Bis dies soweit ist, begibt sich der Film auf die Rekonstruktion einer durchaus erfolgreichen Musiker-Karriere, deren Stationen The Birds, Jeff Beck Group und The Faces heißen. Selbst wenn Wood einmal von einem kleinkriminellen Manager aus der Band geworfen wurde, konnte er ein paar Tage später wieder einsteigen. Nebenbei erfährt man, warum die Jeff Beck Band nicht in Woodstock auftrat und weitere Details aus den frühen Jahren der britischen Rockmusik-Szene, als Menschen wie der ehemalige Wrestler Peter Grant hinter den Kulissen die Fäden zogen. Der „Bastard“ (Rod Stewart) Peter Grant wird in einem offenbar schon etwas älteren Film-im-Film auf süffig-selbstgefällige Anekdoten hin abgeklopft. Zwischendurch sieht man Ron Wood altersmilde im Gespräch, kreativ im Atelier, mit seinen „Friends“ auf der Konzertbühne oder beim Gitarrenspiel im Studio.

When the Whip Comes Down

Da viele der einstigen Protagonisten schon verstorben sind, finden sich früher oder später auch Rod Stewart, Mick Jagger und Keith Richards vor der Kamera ein. Jagger brilliert, wenn er für die Zeit um 1960 konstatiert, dass es für die besser Ausgebildeten unter den britischen Jugendlichen mehr geben musste als Cliff Richard. Man fand Jazz cool, insofern man wusste, dass es cool ist, wenn man Jazz cool findet. Auch, wenn man Jazz nicht wirklich mochte.

1976 war es dann soweit. Nachdem Mick Taylor überraschend die Rolling Stones verlassen hatte, suchte die Band einen neuen Gitarristen. Die Wahl fiel auf Ron Wood, einen alten Bekannten, der allerdings lange Jahre nur auf Angestelltenbasis mit von der Partie war. Es dauert 50 Filmminuten, bis man die Stones doch noch live auf der Bühne performen sieht, sehr überzeugend und agil mit einer Version von „When the Whip Comes Down“, irgendwann um 1980, noch mit Bill Wyman am Bass. Man erfährt, dass eine Band wie die Rolling Stones mit jedem neuen Mitglied neu justiert werden musste und dass Woods Drogenprobleme dazu führten, dass Richards immer häufiger die Lead-Gitarre spielen musste.

Drogen & Empathie

Überhaupt: Die Sache mit den Drogen. Wood hat sich über die Jahrzehnte vom Alkoholismus über Kokain und Heroin bis zu Freebase vorgearbeitet und dabei derart die Kontrolle über sein Leben verloren, dass er sich wiederholt einen Entzug entziehen musste. Jetzt sei er seit längerem trocken und clean und verkörpere die bessere Version von Ron Wood. Allerdings hatte auch die ältere Version ihre Qualitäten. So berichtet Damien Hirst, dass er seinen Freund einst in einer Entzugsklinik besucht habe, wo Wood nach nur einer Woche mit allen Anwesenden – Patienten und Personal – per „du“ gewesen sei. Und auch Jagger und Richards geben zu Protokoll, dass Woods empathisches Wesen die Stones bereichert habe. Dass diese Empathie trotz allem, worüber der Film sich ausschweigt, auch „hier unten“ erwidert wurde, weiß nicht zuletzt Ron Wood zu schätzen.

„Ronnie Wood – Somebody up there likes me“ ist eine durchaus sehenswerte Musikdokumentation, gerade weil sie es vermeidet, die sensationsheischende Dramaturgie von stets auf Neue gefährdetem Aufstieg und Fall in Bildern und Schlagzeilen zu rekapitulieren; statt dessen wirft sie einen „nüchternen“ Blick zurück, der aus einem gealterten Popstar einen nachdenklichen Menschen mit vielen Facetten macht. Nicht alle davon möchte man unbedingt kennenlernen.

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