Eine Frau mit berauschenden Talenten

Komödie | Frankreich 2020 | 106 Minuten

Regie: Jean-Paul Salomé

Eine Arabisch-Übersetzerin der Pariser Drogenfahndung erkennt bei einer Überwachung hinter der Stimme eines Drogenkuriers den Sohn einer Bekannten. Sie warnt die Frau und verhindert auf diese Weise, dass ihre Kollegen an das Rauschgift gelangen. Aus Geldnot verkauft sie das hochwertige Haschisch selbst und steigt erfolgreich, aber mit wachsendem Risiko ins Drogengeschäft ein. Die Komödie setzt auf den Kontrast einer Amateurin inmitten überrumpelter Berufsverbrecher und weist vor allem dank der Hauptdarstellerin humorvolle Momente auf. Insgesamt bleibt der Plot jedoch zu einfallsarm und die Zeichnung der Figuren zu schematisch. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA DARONNE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Jean-Paul Salomé
Buch
Antoine Salomé · Jean-Paul Salomé
Kamera
Julien Hirsch
Musik
Bruno Coulais
Schnitt
Valérie Deseine
Darsteller
Isabelle Huppert (Patience Portefeux) · Hippolyte Giradot (Philippe) · Farida Ouchani (Kadidja) · Liliane Rovère (Madame Portefeux) · Iris Bry (Hortense Portefeux)
Länge
106 Minuten
Kinostart
08.10.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie | Krimi

Komödie um eine Übersetzerin der Polizei in Paris, die unverhofft ins Rauschgift-Geschäft einsteigt.

Diskussion

Patience fällt es schwer, einfach abzuschalten. Während ihre Kollegen von den Pariser Drogenfahndern nach Dienstschluss ihre Arbeit ausblenden, sitzt Patience auch zuhause noch stundenlang am Schreibtisch und lauscht den Dialogen auf den Abhörbändern. Die Gespräche auf Arabisch scheinen für sie so etwas wie eine eigene private Audio-Doku-Soap zu sein, bei der sie sich nach Belieben über die Dummheiten der Dealer mokieren kann. Doch darin erschöpft es sich nicht. Immer wieder stößt Patience auf Stellen, die keine Abgebrühtheit oder kriminelle Energie verraten, sondern jugendlicher Unerfahrenheit geschuldet sind oder einem naiven Glauben an den großen Durchbruch im Drogengeschäft. Mitunter tauschen die Abgehörten sich auch unvermittelt über ihr Privatleben aus. In solchen Momenten kann Patience auch Rührung nicht verbergen und stoppt ihre Übersetzung; fürs Protokoll notiert sie dann nur „irrelevante Unterhaltung“.

Ein wichtiges Rädchen bei der Verbrecherjagd

Patience Portefeux hat in der französischen Komödie „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ eine Aufgabe, die in Krimis sonst kaum eine Rolle spielt. Als Übersetzerin und Dolmetscherin im Dienst der Polizei ist sie zwar auch an Zugriffen und Verhören beteiligt, bleibt aber immer etwas außen vor. Gelegentlich bekommt sie zwar den gewaltsamen Widerstand von Kriminellen zu spüren, doch meistens kann sie ihre Arbeit im sicheren Büro ausführen. Da sie einzige im Team die Sprache der arabischen Dealer versteht, darf sie sich als wichtigstes Rädchen beim Aufspüren der Verbrecher fühlen. Ohne sie läuft nichts.

Ein gewisser Stolz auf die eigene Bedeutung lässt sich daher bei der Übersetzerin voraussetzen; zudem ergänzen Regisseur Jean-Paul Salomé und seine Co-Autorin Hannelore Cayre autobiografische Motive, um das besondere Interesse von Patience an den Schicksalen mancher Dealer zu erklären. Als Tochter eines maghrebinischen Einwanderers war sie als Kind selbst daran beteiligt, wenn ihre Eltern mit kleinkriminellen Aktionen die bescheidene Lebenssituation aufbesserten; ihr früh verstorbener Mann nahm es mit dem Gesetz ebenfalls nicht ganz genau.

Zu ihren Bedingungen

Derart vorbelastet, trifft Patience eines Tages eine Entscheidung gegen ihren Beruf und für den eigenen Vorteil. Beim Abhören eines Gesprächs erkennt sie in einem Drogenkurier den Sohn von Khadidja, der Pflegerin ihrer dementen Mutter. Nach einem Hinweis an Khadidja kann deren Sprössling seine Lastwagenladung mit Haschisch verstecken, ehe er festgenommen wird. Nun schlägt die Stunde von Patience. Sie ist noch vor ihren Kollegen und den mächtigen Drogenbossen zur Stelle und bringt das Rauschgift an sich. Später macht sie sich daran, den „Stoff“ mit ihrem Wissen über das Milieu auf den Markt zu werfen. Zuvorderst will sie das Geld für das Heim der Mutter zusammenbekommen; doch sie ist es auch leid, ständig fast pleite zu sein.

Die zierliche Isabelle Huppert mit forsch gebundenem Hidschab und dunkler Sonnenbrille, die vielfach größere und weit schwerere Drogenhändler nach Belieben herumkommandiert, ist die Attraktion, auf die der Film hinauswill. Wenn man sich nicht bereits an den ersten - gewaltigen - Unwahrscheinlichkeiten bei Patience’ Einstieg ins Drogengeschäft stört, entwickelt diese Prämisse durchaus Reize. Der schroffe Tonfall und das resolute Auftreten stehen Huppert gut zu Gesicht, und auch der Aufstieg zur gewieften Kriminellen lässt sich mit einiger Faszination verfolgen. Die Überrumpelung der Berufsverbrecher durch die Erscheinung ihrer neuen Geschäftspartnerin hat Witz, und wenn Polizei und die Drogen-Konkurrenz allmählich die Schlinge um die Quereinsteigerin zuziehen, gelingen Jean-Paul Salomé auch ein paar beachtliche Spannungssequenzen. Sein Faible fürs Thriller- und Abenteuergenre, in denen sich der Regisseur bislang zuhause fühlte, macht sich auch hier bezahlt.

Fast immer wird der Zufall bemüht

Allerdings reicht das nicht, um „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ zu einem gelungenen Film zu machen. Harmlose Normalbürger, die die Welt des Schwerverbrechens aufmischen, sind schon allzu oft als Komödienstoff verwendet worden, um noch als originell zu erscheinen. Selbst Isabelle Huppert kann sich in diesem Fall lediglich brav hinter Vorgängerinnen wie Brenda Blethyn in „Grasgeflüster“ und Bernadette Lafont in „Paulette“ einreihen. Die Chance, das Versteckspiel von Patience auch komödiantisch stärker zu nutzen, vertut der Film, da ihre kriminellen Aktivitäten kaum je zwingend erscheinen und für Fortschritte fast immer der Zufall bemüht wird.

Auch die anderen Figuren helfen nicht, sondern bleiben blass, was vor allem bei zwei Frauen enttäuscht: Die Pflegerin Khadidja und Patience’ chinesische Vermieterin Madame Fo sind an sich in einer ähnlichen Lage wie die Hauptfigur und hätten Potenzial für mehr Entwicklung besessen; doch der Film verbannt sie nach ihrer Einführung gleich wieder in den Hintergrund. In Erinnerung bleibt in erster Linie, dass sie, wie alle arabisch-, nordafrikanisch- oder ostasiatisch-stämmigen Charaktere des Films, mit der Welt des Verbrechens zumindest gut vertraut, wenn nicht sogar ein Teil von ihr sind. Eine Setzung, die man im besten Fall als unglücklich interpretiert. „Berauschend“ ist es eher nicht.

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