Kriegsfilm | USA 2020 | 91 Minuten

Regie: Aaron Schneider

Ein altgedienter Offizier der US-Navy wird während des Zweiten Weltkriegs damit beauftragt, eine Flotte aus 37 Schiffen sicher über den Atlantik zu eskortieren. Die Fahrt durch das sogenannte „Black Pit“, eine Zone, wo die Schiffe ohne Luftunterstützung auskommen müssen, wird zur tödlichen Gefahr, als Nazi-U-Boote den Konvoi attackieren. Ein zwischen dem Bemühen um historischen Realismus und Nostalgie changierender Kriegsfilm mit viel Detailliebe in Sachen Technik. Dabei leidet der Film indes nicht nur unter den nicht vollends überzeugenden Visualisierungen der Seegefechte, sondern auch unter einem Drehbuch, das sich zu sehr auf seine relativ statische Hauptfigur verlässt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
GREYHOUND
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Aaron Schneider
Buch
Tom Hanks
Kamera
Shelly Johnson
Musik
Blake Neely
Schnitt
Mark Czyzewski · Sidney Wolinsky
Darsteller
Tom Hanks (Ernest Krause) · Stephen Graham (Charlie Cole) · Rob Morgan (Cleveland) · Elisabeth Shue (Evelyn) · Devin Druid (Wallace)
Länge
91 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Kriegsfilm | Literaturverfilmung

Ein Kriegsfilm über ein gewaltsames Zusammentreffen eines Konvois der Aliierten mit U-Booten der deutschen Kriegsmarine im Atlantik 1942, geschrieben von und in der Hauptrolle besetzt mit Tom Hanks.

Diskussion

Sie kreisen um die Herde und pirschen sich heran, die bösen Wölfe, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit. Die Schafe sind in tödlicher Gefahr – doch der gute Hirte hält getreu und standhaft Wache. Es ist eine sehr simple, aber anschauliche Metaphorik, die C.S. Forester im Titel seines Kriegs-Romans „The Good Shepherd“ (1955) anklingen lässt, in dem es um eine fiktive Episode aus der Atlantikschlacht im Rahmen des Zweiten Weltkriegs geht. Die Verfilmung „Greyhound“, in der Tom Hanks nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern für die er auch das Drehbuch geliefert hat, ändert zwar den Titel, ruft das christlich-religiös aufgeladene Bild vom guten Hirten im Lauf der Handlung aber ebenfalls ab. In dem Kriegsfilm, der ab 10.7. via Apple TV+ zu sehen ist, paaren sich auf paradoxe Weise das Bemühen um historischen Realismus und pure Nostalgie.

Im „Black Pit“ lauern Nazi-U-Boote auf einen Konvoi alliierter Schiffe

Im Zentrum des Films steht Ernest Krause (Tom Hanks), ein altgedienter Offizier der US-Navy, der im Winter 1941 sein erstes Kommando als Captain anvertraut bekommt: Er soll einen Konvoi von 37 alliierten Schiffen, die Soldaten und Material über den Atlantik in die Normandie transportieren, mit einigen Kriegsschiffen eskortieren. Eine gefahrvolle Aufgabe, weil der Gegner, die Marine von Nazideutschland, über schlagkräftige U-Boote verfügt. Vor allem mitten auf dem Ozean, im sogenannten „Black Pit“, wo der Konvoi nicht durch die Luftwaffe unterstützt werden kann, ist das Risiko besonders hoch.

Ohne viel Zeit auf eine Exposition zu verwenden – ein kurzes romantisches Abschiednehmen Krauses von seiner Liebsten (Elisabeth Shue) muss reichen, um der Figur ein sympathisch-altmodisches Gentleman-Profil zu geben – kommt der Film relativ zügig zu dem Punkt, wo dieses „schwarze Loch“ erreicht ist und sich das Wolfsrudel der Nazi-U-Boote (eines ziert tatsächlich das Bild eines Wolfskopfs) auf den Konvoi stürzt. Langsam herunterzählend, wie viele Stunden noch ohne Luftunterstützung ausgeharrt werden muss, wird ab dann verfolgt, wie Krause darum ringt, die Situation im Griff zu behalten: mit Hilfe seiner Männer und Geräte rechtzeitig zu erspähen, wo die deutschen U-Boote sind, Torpedo-Flugbahnen im Wasser auszumachen und eventuelle Ausweichmanöver zu veranlassen und immer wieder Gegenangriffe zu starten auf den meist unsichtbaren Gegner, der nur als Schemen im Wasser und in Form hämischer Funksprüche in Erscheinung tritt. Dass sie getroffen haben, sehen Krause und seiner Männer dann, wenn sich ein schwarzrötlicher Fleck im Wasser ausbreitet, der signalisiert, dass der Gegner leck geschlagen ist.

Technik-Liebe und Krieg als heroische Bewährungsprobe

Gedreht unter anderem auf einem alten Kriegsschiff, das heute als Museumsschiff dient, hat der Film von Regisseur Aaron Schneider ein unübersehbares Faible für die alte Technik und verwendet viel Erzählzeit darauf, Figuren kryptische Informationen und Kommandos hin- und herbellen zu lassen und ihnen über die Schulter zu sehen, wenn sie auf ihre diversen Skalen und das Sonargerät starren. Den (ein bisschen dürftigen) CGI-Effekten zum Trotz, die zum Tragen kommen, wenn aus dem Inneren des Schiffs auf den Ozean geschnitten wird und die im Studio entstandenen Bombardements zu Wasser gezeigt werden, ist der Film in seiner Kriegsdarstellung und Figurenzeichnung absolut „old school“ – als könnte er auch direkt nach Erscheinen des Romans für James Stewart in der Hauptrolle geschrieben worden sein: Eine brutal-sinnliche Gewaltdarstellung, die die Zuschauer hautnah in die grausige Destruktivität der Kampfhandlungen hineinwirft, wie sie spätestens seit „Saving Private Ryan“ das Genre prägt, fehlt hier gänzlich.

Dem Roman von C.S. Forester – dem Autor der „Horatio Hornblower“-Reihe – folgend, ist „Greyhound“ stattdessen das fast schon weihevolle Porträt eines standhaften, bescheidenen Mannes, der in außergewöhnlichen Umständen seine eigene Angst und Schwäche tapfer herunterschluckt, um nach bestem Können einen Dienst zu versehen, den er als notwendig und moralisch richtig erkannt hat. Gerahmt wird das Kriegs-Abenteuer bezeichnenderweise von zwei Szenen, in denen man Krause vor und nach dem Gefecht auf den Knien betend in seiner Koje sieht. Und zwischendurch wird immer wieder betont, wie hartnäckig der Captain während der kritischen Phase sich selbst jede Pause, jede Stärkung versagt, um ganz für seine Männer und seine Schiffe da zu sein – selbst wenn die Füße schon bluten.

Der Zinnsoldat eines Amerika, das endgültig Geschichte zu werden droht

Tom Hanks spielt das so eindringlich, wie er alle seine Rollen meistert; damit kann er allerdings nicht ausgleichen, dass sein Drehbuch deutliche Schwächen aufweist. Auch wenn der Film mit rund 90 Minuten einigermaßen dicht ist: So lange einer grundanständigen, leider aber auch ziemlich statischen Figur ohne charakterliche Entwicklungen dabei zuzusehen, wie sie die Zähne zusammenbeißt, ist nicht wirklich befriedigend. Und da abgesehen von Krause keiner der Soldaten mehr als ein schemenhaftes Profil gewinnt – und ein Antagonist auf deutscher Seite schon gar nicht – hat er keinerlei emotionale Reibungsflächen.

Die Inszenierung der Kämpfe wiederum ist, wenn man Filme wie „Dunkirk“ und „1917“ als Vergleichsfolie heranzieht, viel zu wenig packend, um den Film allein zu tragen. Und so bleibt denn vor allem die Nostalgie: Waren das noch Zeiten, als die USA als Weltmacht für das Gute, die Freiheit und die Demokratie stand, den vom Faschismus bedrängten Nationen zu Hilfe eilte und die ganzen Trübungen im Selbstbild, die dann spätestens mit dem Debakel des Vietnamkriegs über die Nation hereinbrachen, noch fern waren! Waren das noch Führungspersönlichkeiten, die für Pflichtbewusstsein, Redlichkeit und Zuverlässigkeit standen und nicht für die cholerische Selbstverliebtheit und Willkür, wie sie der aktuelle Präsident an den Tag legt! Tom Hanks, der sich als Produzent auch in den Serien „Band of Brothers“ und „The Pacific“ sowie der Doku „He Has Seen War“ mit dem Zweiten Weltkrieg und den Leistungen der US-Veteranen befasste, zeigt sich hier als tapferer Zinnsoldat eines Amerika, das derzeit endgültig Geschichte zu werden droht.

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