Tryggd - The Deposit

Drama | Island 2019 | 89 Minuten

Regie: Ásthildur Kjartansdóttir

Eine isländische Journalistin lernt bei der Recherche über Immigranten drei Asylantinnen kennen und lässt sie zur Miete in ihrem Haus wohnen. Doch die neuen Mitbewohnerinnen entpuppen sich nach anfänglich harmonischem Zusammenleben als rücksichtslose und hedonistische Nervensägen, die gegen die willkürlich aufgestellten Hausregeln rebellieren. Anfangs spannende Mischung aus Drama und Thriller, deren vielversprechende Prämisse allerdings durch eine behäbige Inszenierung und unglaubwürdige Charaktere unterlaufen wird. Schwerer wiegt, dass der Film zu den Themen Einwanderung und Rassismus keine eindeutige Stellung bezieht. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
TRYGGÐ
Produktionsland
Island
Produktionsjahr
2019
Regie
Ásthildur Kjartansdóttir
Buch
Ásthildur Kjartansdóttir
Kamera
Ásgrímur Gudbjartsson
Musik
Kira Kira
Schnitt
Andri Steinn
Darsteller
Elma Lísa Gunnarsdóttir (Gísella) · Enid Mbabazi (Abeba) · Raffaella Brizuela Sigurdardóttir (Maria) · Claire Harba Kristinsdóttir (Luna) · Valur Freyr Einarsson (Gunnar)
Länge
89 Minuten
Kinostart
06.08.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Eine isländische Journalistin vermietet ihr Haus an drei Asylsuchende unter, stößt sich dann aber an deren Verhalten.

Diskussion

In einem kurzen, nur wenige Sekunden langen Prolog schließt eine verzweifelte Frau abrupt eine Tür, lehnt sich dagegen und starrt mit geweiteten Augen vor sich hin. Man ahnt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Nach einer kurzen Schwarzblende zeigt die elegante Kamera kurze, kühle Cinemascope-Eindrücke eines bürgerlich eingerichteten Hauses. Sauber, fast klinisch sieht es hier aus, ein Gefühl der Klaustrophobie stellt sich ein. Die Vorahnung einer dramatischen Eskalation bestätigt sich. Gisella, eine isländische Journalistin, lebt hier. Als sie beim Frühstück in der Zeitung ihren Artikel liest, ist sie verärgert: Wieder einmal hat der Chefredakteur alles umgeschrieben. In einer Mischung aus Stolz und Unvernunft kündigt sie mit großer Geste – trotz großer Schulden.

Kurz darauf recherchiert sie für ein alternatives Magazin eine Geschichte über Immigranten in Island und lernt dabei in einem heruntergekommenen Flüchtlingsheim die Kolumbianerin Maria sowie Abeba aus Uganda und deren kleine Tochter Luna kennen. Sie lädt die drei ein, in ihrem Haus zur Miete zu wohnen; es sei genug Platz. Allerdings kann Abeba die Kaution – „Tryggd“ auf isländisch – nur zur Hälfte bezahlen. Eine erste Irritation. Trotzdem freunden sich die drei Frauen an.

Mehr und mehr entgleitet die Kontrolle

Gisella kümmert sich liebevoll um Luna, zum Unwillen der misstrauischen Abeba. Die zweite Irritation. Mit einem Mal ist Gisella das neue Leben in ihrem Haus nicht mehr geheuer. Sie fühlt sich zunehmend gestört und traktiert ihre Mitbewohnerinnen mit absurden Hausregeln. Mehr und mehr entgleitet ihr die Kontrolle. Dann trifft sie eine folgenschwere Entscheidung.

Der isländischen Regisseurin Ásthildur Kjartansdóttir gelingt es in ihrem Filmdebüt zunächst hervorragend, eine leise, unheimliche Spannung aufzubauen. Fremde Menschen kommen in ein Haus und tanzen dem Bewohner auf der Nase herum; die Machtverhältnisse kehren sich um. Diese Attacke auf die Privatsphäre erinnert an „Der Diener“ (1963) von Joseph Losey und „Teorema“ (1968) von Pier Paolo Pasolini. Doch man muss gar nicht so weit in die Filmgeschichte zurückgehen. Auch „Weiblich, ledig, jung sucht…“ (1992) von Barbet Schroeder, „The Housemaid“ (2010) von Im Sang-soo oder „Get Out“ von Jordan Peele schlagen, jeder auf seine Weise und mit unterschiedlichem sozialkritischem Impetus, in dieselbe Kerbe.

Nur vage andeutete Schicksale

Kjartansdóttir weiß aus ihrer vielversprechenden Prämisse allerdings kein Kapital zu schlagen. Dafür ist „Tryggd“ zu behäbig inszeniert und geschnitten, der zentrale Konflikt zu unglaubwürdig etabliert. Das beginnt schon mit der schwachen Unterfütterung der Charaktere. Gisella wird als dickköpfige, pedantische Diva beschrieben, die nur nach ihren eigenen Vorstellungen lebt. Dass sie wildfremde Menschen bei sich einziehen lässt, und sei es nur aus Geldnot, glaubt man ihr nicht. Die Schicksale der anderen Frauen werden nur vage angedeutet, man lernt sie nicht wirklich kennen.

Doch es gibt noch ein anderes, größeres Problem. Kjartansdóttir behandelt die Themen Einwanderung und Rassismus als moralische Grauzone, ohne selbst Stellung zu beziehen. Einmal ist im Radio zu hören, dass die Isländer gegen Einwanderer seien. Gisella will mit ihrem neuen Auftrag dagegen anschreiben. Doch kaum hat sie selbst Erfahrungen mit Asylanten gemacht, wechselt sie die Seiten: „Einwanderer halten sich nicht an Regeln und müssen sich anpassen“, notiert sie in ihrem Laptop, das hedonistische, rücksichtslose Verhalten von Abeba und Maria scheint ihr Recht zu geben. Doch diese Heuchelei des Bildungsbürgertums führt dazu, dass der Film Zweifel an seiner kritischen Aussage sät. Einwanderung – gut oder schlecht? In „Tryggd“ erfährt man zu dieser Frage nichts.

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