Staffel 1
Man mag sich gar nicht vorstellen, was in Deutschland los wäre, wenn ein Football-Coach, der bislang in den USA College-Teams trainiert hat, als Trainer für einen Bundesliga-Verein verpflichtet würde! Die britischen Fans des fiktiven Premiere-League-Vereins AFC Richmond sind jedenfalls mindestens so empört, als hätte man ihnen eine Invasionsarmee über den Atlantik geschickt. Ted Lasso (Jason Sudeikis), so der Name des US-Emporkömmlings, wird in wüsten Sprechchören schlicht „Wichser“ getauft; und für die eingefleischten Anhänger scheint es besiegelte Sache zu sein, dass es mit dem ohnehin schwächelnden Fußballclub fortan nur noch bergab und in die Relegation gehen kann.
Der Wahnsinn hat Methode
Doch was weder die Fans noch die Sportreporter noch Ted Lasso selbst wissen: Der Wahnsinn hat Methode! Denn die AFC-Geschäftsführerin Rebecca (Hannah Waddingham) will dem Club durch die unorthodoxe Trainerwahl keineswegs einen neuen Impuls geben, sondern ihn ruinieren! Die große Blonde, die wie ein majestätischer Eisberg durch die Flure des Vereinsgebäudes stöckelt, hat sich nach einer hässlichen Scheidung den Posten ihres Ex-Mannes unter den Nagel gerissen, um den untreuen Gatten nun an der einzigen Stelle zu treffen, wo es ihm richtig weh tut: bei seinem Lieblingsclub.
Doch Vorsicht: „Ted Lasso“ stammt vom Showrunner Bill Lawrence, und schon in dessen Erfolgsserie „Scrubs“ hatten sich die naiven Neueinsteiger am Sacred Heart Hospital in einer vor Fettnäpfchen gepflasterten Welt zunehmend Respekt und Sympathien erstritten. „Ted Lasso“ verlegt dies nun ins Fußballmilieu und garniert es mit Culture-Clash-Humor, wenn der All-American-Strahlemann Lasso im Fußball wie auch andernorts ständig über die feinen transatlantischen Unterschiede stolpert – auf Dauer die Briten aber trotzdem aus der feindlichen Reserve lockt.
Eine Figur aus einem Werbespot
Gespielt wird Lasso von Co-Showrunner Jason Sudeikis, der den schrägen Coach bereits 2013 für Werbespots des NBC-Sportprogramms kreiert hatte (auf youtube zu sehen). Im Serienformat verwandelt er die komische Figur jetzt in einen Menschen aus Fleisch und Blut. Wobei Fußball-Action eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt. Während andere Fußballserien, etwa die thematisch verwandte norwegische Serie „Heimebane“, in der eine Frau als erster weiblicher Trainer eine Erstliga-Männermannschaft übernimmt, oder die ins frühe 20. Jahrhundert zurückblickende britische Serie „The English Game“ durchaus auf das dramatische Potenzial auf dem Rasen setzen, spielt bei „Ted Lasso“ die Musik meist hinter den Kulissen: im Büro von Rebecca, im Pub, wo sich Lasso immer wieder den Fans stellt, und nicht zuletzt in der Umkleidekabine und am Spielfeldrand, wo auf den US-Trainer die Sisyphus-Aufgabe wartet, eine Mannschaft höchst widerspenstiger Spieler in den Griff zu bekommen. Lassos größtes Talent dabei: die Talente und Bedürfnisse anderer zu erkennen – was ihn, seinen Wissenslücken und seiner mangelnden Erfahrung zum Trotz, dann doch zu einem passablen Trainer macht und obendrein zu einem entwaffnend liebenswerten Zeitgenossen.
Ein vortrefflich entwickeltes Ensemblestück
Ähnlich wie in „Scrubs“ geht es in „Ted Lasso“ primär darum, wie ein bunt zusammengewürfelter Haufen schräger Typen nach und nach zu einer Gemeinschaft zusammenwächst. Dabei gelingt den Drehbuchautoren und den Darstellern ein vortrefflich entwickeltes Ensemblestück, dessen Figuren zwar als Karikaturen angelegt sind, sich darin aber nicht erschöpfen. So gibt etwa Rebecca mit ihren sinistren Absichten zunächst eine korrupte Fußballfunktionärin par excellence ab. Doch anstatt sie als klassische „bitch“ stehenzulassen, entfalten die Drehbuchautoren eine erstaunliche Sympathie für sie, vermitteln jede Menge Spaß an ihrem Schneid und ihrer Scharfzügigkeit und enthüllen im Laufe der zehn Episoden zunehmend menschliche Seiten. Ähnliches gilt für die zweite wichtige Frauenfigur der Serie, Keeley (Juno Temple), ein mit dem jugendlichen Richmond-Starspieler liiertes Starlet, das „berühmt dafür ist, fast berühmt zu sein“ – ein Spielerfrau-Verschnitt, der sich indes bald als ebenso warmherzig wie streetwise entpuppt und für Lasso, aber auf für die sonst so spröde Rebecca eine wichtige Freundin wird.
Von den Spielern rücken vor allem zwei Figuren in den Fokus: Keeleys Freund Jamie Tartt (Phil Dunster), ein begnadeter Ballkünstler, dessen übersteigertes Ego es allerdings spielend mit dem von Ronaldo aufnehmen könnte, sowie der sich dem Ende seiner Karriere nähernde Mannschaftskapitän Roy (Brett Goldstein): konkurrierende, sich feindlich gegenüberstehende Athleten, die Lasso knacken muss, um aus dem Spieler-Haufen ein echtes Team zu machen.
In einer Episode trifft sich Lasso mit einem wichtigen, ihm zunächst äußerst zynisch gegenüberstehenden Sportjournalisten, den er im Laufe eines Tages dann doch zu einer etwas freundlicheren Haltung bewegen kann. Dabei erzählt ihm Lasso auch, dass es ihm gar nicht primär ums Gewinnen und Verlieren gehe, sondern vor allem darum, seinen Spielern dazu zu verhelfen, sich bestmöglich zu entfalten. Ähnliches gilt auch für die Serie: Ob es Lasso schafft, Richmond vor dem Abstieg in die zweite Liga zu bewahren, ist zwar der dramaturgische rote Faden, aber viel spannender ist all das zwischenmenschliche Chaos drumherum.
Felicitas Kleiner
Staffel 4
Coach Lasso (Jason Sudeikis) ist zurück im Londoner Stadtteil Richmond. Genauer gesagt: in den Katakomben des AFC Richmond-Stadions Nelson Road. Es sind die ersten Tage nach der zu Ende von Staffel 3 der Serie „Ted Lasso“ selbstgewählten Auszeit in der Heimat von Kansas City. Der Neuanfang sieht zunächst verdächtig nach Lassos ersten Wochen beim Fußballclub aus: Der überoptimistische Trainer hat noch immer keine Ahnung vom Fußball selbst, aber die notwendige ausgefeilte Menschenkenntnis, eine unglaubliche, immer wieder zu mannigfaltigen Sprachbildern gebündelte Motivationsfähigkeit, ein nicht zu brechendes Vertrauen in seine Mitmenschen und ein Team vor sich, das all dem erst einmal skeptisch gegenübersteht.
„A tougher gig all around“
Diesmal heuert Vereinsmanagerin Rebecca (Hannah Waddingham) ihn jedoch nicht in der Hoffnung an, dass er scheitert und den Verein ihres Ex-Mannes in den Ruin treibt. Ted Lasso und sein alter Weggefährte Willis Beard (Brendan Hunt) sollen die unverhoffte Erfolgsserie des Vereins, von der Staffel 1 bis 3 erzählten, fortsetzen – und zwar beim kürzlich neu gegründeten Frauenteam des fiktiven Fußballclubs. Lasso selbst drückt es – wie so oft – am besten aus: „a tougher gig all around“ – und meint damit nicht den eigenen Job, sondern den der Spielerinnen.
Für die Vereinsleiterinnen sieht es ähnlich aus: Rebecca gerät nicht nur in eine Sinnkrise über ihre schwer vereinbaren Rollen als Managerin und Feministin, sondern muss zugleich ihr plötzlich allzu geordnetes Liebesleben mit dem eigenen Arbeitseifer in Einklang bringen. Marketing-Chefin Keeley (Juno Temple) findet sich plötzlich unverhofft im eigenen Traum wieder, der ihre Identität mit dem in Einklang bringt, was sie der Öffentlichkeit verkaufen möchte, muss aber zugleich feststellen, dass Träume in der allzu männlichen Realität des Profifußballs schnell kompliziert werden.
Die Lasso-Art wirkt auch bei den Ladys
Auch für die eigentlich als Trainerin angedachte Alice Chilton (Tanya Reynolds), die sozial deutlich weniger verträglicher, aber fachlich deutlich kompetenter als Ted ist, bedeutet die Rückkehr des Amerikaners die ein oder andere radikale Veränderung. Ihr erster Versuch, den Job hinzuwerfen, scheitert an Lassos altbekanntem und ungebrochenem Menschheitsvertrauen, mit dessen Hilfe er die Trainerin im Team hält.
Wo der eigentliche Unterschied zum Männerfußball-Coaching und damit die große Herausforderung für Lasso liegt, demonstriert der erste Streit innerhalb des Teams auf wunderbare Weise. Während die männlichen Coaches Lasso und Beard an der Tür lauschen, fliegen in der Umkleidekabine zwischen den Spielerinnen die Fetzen. Die Trainer müssen einschreiten, nur ist es für das erforderliche Anklopfen – es ist schließlich eine Damenumkleide – offensichtlich zu spät. Lasso und Beard stürmen also mit Mülleimer auf dem Kopf und Post-It über der Brille in die Umkleide, um den Streit zu schlichten – respektvoll, zugewandt, immer auf die Bedürfnisse der Spielerinnen schauend und völlig im Einklang mit der eigenen Lächerlichkeit. Die Lasso-Art wirkt auch bei den Ladys beziehungsweise auch in der vierten Staffel der Serie, weil sie wieder Chancen darin findet, das Geschehen nicht allein auf Lasso selbst zuzuschneiden. Der radikal gutmütige Ted versteht noch vor Clubchefin Rebecca, dass ein Frauenteam weniger von pro-feministischen Reden profitiert als davon, dass Männer und Gatekeeper (und vor allem männliche Gatekeeper) einen Schritt zurücktreten.
Neue Strukturen müssen geschaffen werden
So setzt sich der Kurs einer Serie, die als ambitioniertes 30-Minuten-Comedy-Format eines Werbegags startete, in Richtung eines mit Comedy grundierten 45-Minuten-Charakter-Formats fort. Dazu verengt sich auch in dieser Staffel der Blick nicht auf den so wunderbar verschrobenen wie endlos charismatischen Menschenfreund Lasso, sondern schweift bei jeder Gelegenheit in Richtung des Umfelds ab, das ihn stützt. Ein Ausflug in ein obskures Museum für die schwarzen Pioniere des Baseballs integriert sich dabei ebenso mühelos in die Haupthandlung wie die Besonderheiten des Frauenfußballs.
Plötzlich gilt es für die Vereinsverantwortlichen nicht nur die Egos der Spielerinnen in Zaum zu halten, sie müssen neue Strukturen schaffen: Umkleiden neu ausstatten, Kinderbetreuung mitdenken, neue Finanzierungen finden, skeptische Zuschauer ins Stadion bringen und sich immer wieder mit der omnipräsenten Misogynie rumschlagen. Besser als der von positiver Maskulinität beseelte Ted Lasso können das nur die Frauen um ihn herum.
Karsten Munt