Animation | Japan 2019 | 95 Minuten

Regie: Masaaki Yuasa

In einem japanischen Küstenort verliebt sich eine ungestüme Surferin in einen Feuerwehrmann, der sich an ihrer Seite sogar ebenfalls auf das schwankende Board wagt. Doch das unbeschwerte Glück währt nicht lange. Nach einem Schicksalsschlag wandelt sich das farbenprächtige Anime in ein märchenhaft-tiefgründiges Drama über Trauer und innere Stärke, bei dem die Protagonistin durch ein Wechselbad der Gefühle ihre eigene Weise findet, mit dem Leben umzugehen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
KIMI TO, NAMI NI NORETARA
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2019
Regie
Masaaki Yuasa
Buch
Reiko Yoshida
Musik
Michiru Oshima
Schnitt
Kiyoshi Hirose
Länge
95 Minuten
Kinostart
28.07.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Animation | Drama | Liebesfilm

Anime um eine japanische Surferin, die nach einem Schicksalsschlag lange braucht, um sich dem Leben neu zu stellen.

Diskussion

Surfen ist Kontrolle. Surfen heißt, sich auf das Brett schwingen, sich Halt verschaffen und den richtigen Moment abwarten. Die Umgebung interpretieren, sich auf Veränderungen einlassen und aus ihnen neuen Schwung holen. Surfen ist Balance, Gleichgewicht, Haltung. Surfen ist wie das Leben: Es genügt ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit, um die Kontrolle zu verlieren.

In „Ride Your Wave“ von Regisseur Masaaki Yuasa ("Night Is Short, Walk On Girl"), dem jüngsten Film des Anime-Studios Science Saru, ist diese sportliche Analogie keinesfalls zufällig gewählt. Denn im Zentrum steht die 19-jährige Hinako, die für ihr Studium jüngst in eine kleine Küstenstadt gezogen ist. Was sie wirklich dorthin gezogen hat, ist jedoch ihre Begeisterung fürs Surfen. Während in ihrer Wohnung das pure Chaos herrscht, die meisten Bücher noch immer in Umzugskisten liegen und die Uni zur Nebensache verkommt, radelt sie Tag für Tag zum Strand, wo sie, wenn schon nicht über ihren Lebenslauf, so doch zumindest über das Brett und die Wellen die Kontrolle hat.

Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit

Derweil haben zwei junge Feuerwehrmänner – Minato und Wasabi – die Zugezogene bemerkt und ins Auge gefasst. Die Begegnungen auf der Straße sind nur flüchtig und verstohlen; der schüchterne Wasabi ergreift seine Chance nicht, die junge Frau nach einem Date zu fragen. So ist es Minato, dem Hinako schließlich ihr Herz schenkt, als er sie bei einem Hausbrand vom Dach rettet.

Wie die Blumen in dem Geschäft, in dem Hinako jobbt, blüht die Beziehung rasch auf. Minato lernt sogar das Surfen. Doch das Glück währt nicht ewig: Nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit genügt, um das Traumpaar auseinanderzureißen – und Hinako erneut die Kontrolle über ihr Leben entgleiten zu lassen.

„Ride Your Wave“ rückt nach der ersten halben Stunde Hinakos Trauer in den Vordergrund und zeigt auf, wie sie mühsam lernen muss, die neuen Umstände sowie die Zuneigung und Hilfe anderer zu akzeptieren, um sich erneut für das Leben zu öffnen und die Kontrolle über ihre Tage zurückzuerlangen.

Wasser als Symbol der Vielfalt des Lebens

Der Plot wird durch dezent übernatürliche Elemente aufgepeppt, die den metaphorischen Fokus auf die Vielfältigkeit und stete Veränderlichkeit des Lebens weiter schärfen. Visuell wird das eindrucksvoll durch die mannigfaltige Art angespielt, wie Wasser erzählerisch in das Geschehen eingebunden wird. Da ist das lebensspendende Wasser, mit dem Hinako ihren Blumen Energie und Farbe einhaucht; das lebensrettende Wasser, mit dem die Flammen gelöscht werden, wenn Minato und Wasabi zu einem Einsatz ausrücken; das kochende Wasser, das in einem Kaffeehaus – einem der prominenteren Schauplätze von „Ride Your Wave“ – mit Bedacht in die Filter gegossen wird – und natürlich das unbändige Wasser, das die nur mit langer Übung beherrschbaren Wellen an die Strände der Kleinstadt werfen.

Im Zusammenspiel mit der kräftigen Farbpalette, den sonnendurchfluteten Bildern sowie dem atmosphärischen Soundtrack erscheint „Ride Your Wave“ als idealer Sommerfilm, in dem es dennoch einige winterliche Szenen gibt und dessen Atmosphäre schlagartig von unbeschwert zu tragisch-melancholisch und zurück schwenken kann. Allerdings braucht es eine gewisse Affinität für Anime’esken Kitsch, um „Ride Your Wave“ wirklich genießen zu können. Die anfängliche Romanze und die ihr nachfolgenden Buhlereien und Flirts finden in einem klassisch-verschüchterten Coming-of-Age-Rahmen statt, in dem entweder zu wenig oder zu viel gesprochen wird, in dem also keiner die rechten Wort zu finden scheint, bis es zu spät ist.

Die „eigene“ Welle reiten

Wenn es der Heldin am Ende dann aber doch noch gelingt, ihre „eigene Welle“ zu reiten, wie es hier so oft als ultimatives (Lebens-)Ziel formuliert wird, dann ist die emotionale Katharsis ebenso befriedigend wie die visuelle Pracht, die „Ride Your Wave“ im Schlussakt auffährt.

 

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