Ma Rainey's Black Bottom

Drama | USA 2020 | 94 Minuten

Regie: George C. Wolfe

In einem Tonstudio in Chicago warten 1927 zwei weiße Produzenten und vier schwarze Musiker auf die „Mutter des Blues“, Gertrude „Ma“ Rainey, die einige ihrer Hits für eine Schallplatte einsingen soll. Währenddessen streiten sie sich darüber, ob der Song „Black Bottom“ traditionell oder mit einem Swing-Arrangement aufgenommen wird. Die Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von August Wilson verlässt sich dabei ganz auf die schauspielerische Brillanz der Darsteller, in deren Dialogen es nicht zuletzt um die ökonomische Ausbeutung schwarzer Künstler und um Kunst als Stifterin von Gemeinschaft und Loyalität geht. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MA RAINEY'S BLACK BOTTOM
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
George C. Wolfe
Buch
Ruben Santiago-Hudson
Kamera
Tobias A. Schliesser
Musik
Branford Marsalis
Schnitt
Andrew Mondshein
Darsteller
Chadwick Boseman (Levee) · Viola Davis (Ma Rainey) · Colman Domingo (Cutler) · Glynn Turman (Toledo) · Jonny Coyne (Sturdyvant)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Adaption eines Theaterstücks um die „Mutter des Blues“ Ma Rainey, die 1927 in Chicago ihre wichtigsten Hits für eine Schallplatte einsingen soll, was zur Auseinandersetzung um Ausbeutung und die Rolle von Kunst als Garant von Gemeinschaft wird.

Diskussion

Ma Rainey ist zu spät und sie lässt absichtlich auf sich warten. Das Tonstudio ist vorbereitet, ihre Band schon warmgespielt, nur die Mutter des Blues, wie sie ehrfürchtig genannt wird, ist nicht da. Man hat sie eigens aus den Südstaaten nach Chicago geholt, wo sie als Afroamerikanerin dennoch im besten Hotel absteigen darf und auch von den Weißen akzeptiert wird – zumindest solange sie im segregierten Land für Entertainment sorgt.

„Ma Rainey’s Black Bottom“ heißt der Hit, mit dem sie die Spelunken und Tanzlokale von Alabama bis Detroit zum Kochen bringt. Der Song soll nun auf Platte herauskommen. Die 1920er-Jahre sind das Goldene Zeitalter des Blues, Gertrude „Ma“ Rainey, Mamie Smith und Charley Patton die Stars der Szene. Sie singen vom beschwerlichen Leben der Schwarzen in einem Land, das zwar die Sklaverei abgeschafft hat, aber mit den Jim-Crow-Gesetzen die Segregation lebt – vor allem in den Südstaaten, aber auch im Rest der Nation.

Nach dem Theaterstück von August Wilson

„Ma Rainey’s Black Bottom“ heißt nun auch die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von August Wilson aus dem Jahr 1984, der in seinen zehn Dramen jeweils ein Jahrzehnt der afroamerikanischen Geschichte abgebildet hat. Denzel Washington verfilmte bereits 2016 das in den 1950er-Jahren angesiedelte Stück „Fences“.

Ihr Spitzname mag „Ma“ lauten, doch die große Viola Davis spielt sie wie eine Königin, die auch abseits der Bühne überall ihren Auftritt zelebriert und die Blicke auf sich zieht. Selbst nach einem Verkehrsunfall, an dem sie nicht ganz unbeteiligt war, schreitet sie über das Autowrack hinweg und schwebt ins Studio. Ihre unnahbar kapriziöse Haltung wirkt absichtlich unsympathisch; Ma trägt sie wie eine Rüstung, das wird im Umgang mit ihrem Manager Irvin und dem Produzenten Sturdyvant deutlich. Sie weiß, dass sie für die Weißen ein Star ist, weil sie ihnen Geld einbringt. Sie besitzt die Oberhand, solange die Aufnahmen nicht im Kasten sind. Süffisant lässt sie erst jemanden in den Gemischtwarenladen laufen, um die ihr vertraglich zugesicherten drei eisgekühlten Flaschen Cola zu holen, bevor sie auch nur einen Ton ins Mikro singt.

Ein wechselseitiges Tauziehen

„Die Weißen verstehen den Blues nicht“, so Ma. Sie könnten ihn hören, wüssten aber nicht, wie er entstanden ist. Mit ihren Allüren schützt sie ihre Kunst davor, zum reinen Produkt zu werden. Das ist nicht nur die Angst vor dem Ausverkauf der eigenen Gabe, sondern vielmehr der eigenen Community, die vom Blues zusammengehalten wird. Diese Selbstbehauptung wird dann auch zum Streitpunkt mit dem jungen Trompeter Levee, der eine Neuinterpretation von „Ma Rainey’s Black Bottom“ vorschlägt. Er hat das Stück ganz im Sinne des gerade aufkommenden Swings arrangiert, denn der lässt sich auch bei den Weißen gut verkaufen.

So entwickelt sich „Ma Rainey’s Black Bottom“ zu einem wechselseitigen Tauziehen zwischen Ma und den weißen Produzenten, aber auch zwischen den Musikern. Deutlich wird dabei, dass ihre Positionen sich aus unterschiedlichen Überlebensstrategien speisen; die Bandmitglieder fügen ihre persönlichen Erlebnisse in langen Monologen zu einem Kaleidoskop „schwarzer“ Erfahrungen zusammen.

Regisseur George C. Wolfe verlässt sich dabei gänzlich auf die Strahlkraft seiner Darsteller, da sich das Drehbuch eng an der Struktur des kammerspielartigen Theaterstücks orientiert. Auch deshalb stellt Wolfe die Inszenierung in den Hintergrund, was bisweilen aber bühnenhaft starr wirkt.

Chadwick Boseman setzt den Standard

Sein Konzept geht dennoch auf, nicht zuletzt wegen Viola Davis; aber auch Colman Domingo als pflichtbewusst-familiärer Bandleader Cutler und Glynn Turman als genügsam-lebenskluger Pianist Toledo hinterlassen bleibenden Eindruck. Doch sie alle werden überstrahlt von Chadwick Boseman, der hier in seiner letzten Rolle als Levee zu sehen ist. Boseman wählte seine Projekte immer mit Bedacht aus; er sah sich selbst als eine der Stimmen der Black Community. Seine Figur des Levee blubbert regelrecht über vor künstlerischer Energie und der Hoffnung, damit sämtliche Grenzen zu sprengen, sowohl musikalische als auch gesellschaftliche.

Bosemans kluger Auftritt wird ein Blues-Standard werden, indem er sowohl die Frustration der Afroamerikaner angesichts der systematischen Diskriminierung, aber auch die scheinbar greifbare Hoffnung auf Veränderung zu einer humanen und zugleich übermenschlich schillernden Persönlichkeit zusammensetzt.

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