Horror | Kanada 2019 | 94 Minuten

Regie: Jeff Barnaby

Eine Zombie-Epidemie sucht Nordamerika heim, die auch in einem kanadischen Reservat Tiere und weite Teile der Bevölkerung zu wandelnden Kadavern werden lässt. Allein die indigene Bevölkerung ist immun gegen das Virus. Sie wird jedoch auf ein kleines Refugium zurückgedrängt, wo ein Generationenkonflikt um das richtige Vorgehen ausbricht. Der solide inszenierte Zombiefilm sucht die Balance zwischen abgenutzten Genre-Topoi und sozio-politischen Untertönen. Neben dem Untoten-Gemetzel findet er dabei auch Raum, um die sozialen Probleme des Reservatlebens wie auch den Genozid an den indigenen Völkern zu spiegeln.

Filmdaten

Originaltitel
BLOOD QUANTUM
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2019
Regie
Jeff Barnaby
Buch
Jeff Barnaby
Kamera
Michel St. Martin
Musik
Jeff Barnaby · Joe Barrucco
Schnitt
Jeff Barnaby
Darsteller
Michael Greyeyes (Traylor) · Devery Jacobs (James) · Elle-Máijá Talifeathers (Joss) · Forrest Goodluck (Joseph) · Kiowa Gordon (Lysol)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 18; f
Genre
Horror | Zombiefilm

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
Koch
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Ein Zombiefilm mit sozio-politischen Untertönen über die Heimsuchung eines kanadischen Reservats durch Untote und den Gegenschlag der Ureinwohner.

Diskussion

Sheriff Traylor (Michael Greyeyes) ist das Gesetz im Reservat der Mi’kmaq. Alkohol, häusliche Gewalt und Perspektivlosigkeit haben sich in der indigenen Gemeinschaft ebenso verbreitet wie in Traylors eigener Familie. Der Ton ist so rau wie resigniert und doch hält eine unbändige Solidarität das von sozialer Verwahrlosung und Gewalt geplagte ostkanadische Reservat zusammen.

Regisseur Jeff Barnaby, der selbst im Red-Crow-Reservat der Mi’kmaq aufwuchs, legt den Finger gleich zu Beginn von „Blood Quantum“ auf die Wunde, die bereits sein viel beachtetes Debüt „Rhymes for Young Ghouls“ (2013) ungeschönt betrachtete.

Zusätzlich zu den sozialen Problemen überrollt bald eine Zombie-Epidemie das Red-Crow-Reservat. Die omnipotente allegorische Kraft des Genres nimmt damit Kontakt mit der tragischen Geschichte der indigenen Bevölkerung Nordamerikas auf. Viel Vorlauf gibt es dabei nicht: Kaum zappelt der erste untote Fisch im Netz seines Vaters Gisigu (Stonehorse Lone Goeman), muss Traylor auch schon die ersten menschlichen Schädel mit dem Kolben seiner Schrotflinte zertrümmern. Die Prämisse, die dem allgegenwärtigen Genre einen kleinen Twist verpasst, wird kurz danach enthüllt: die Mi’kmaq sind immun gegen das Virus, das das weiße Nordamerika nach und nach in eine Masse wandelnder Leichen verwandelt.

Ein tragischer Sieg über die Seuche

Das Schicksal der Mi’kmaq spiegelt die Geschichte der Ureinwohner und stellt sie zugleich auf den Kopf. Die Mi’kmaq erringen zwar einen tragischen Sieg über die Seuche, die ihre Welt heimsucht, werden aber zugleich auf einen winzigen Teil ihres ursprünglichen Lebensraums verdrängt. Eine kleine, aus Wellblech, Ölfässern und Containern zusammengezimmerte Festung ist sechs Monate nach Beginn der Epidemie das letzte bekannte Refugium der First People. Jeff Barnabys Version der letzten Bastion ist unverkennbar eine Anspielung auf die Barrikaden und Straßensperren, die von den Mohawk um 1990 errichtet wurden, als die Stadt Oka plante, einen Golfplatz auf das von ihnen beanspruchte Territorium auszuweiten. Die Oka-Krise nahm ein für die Mohawk tragisch-blutiges Ende, als die kanadische Armee nach zahlreichen Auseinandersetzungen die Barrikaden räumte.

Statt der Army rollen in „Blood Quantum“ die Horden wandelnder Leichen an. Der Film stülpt dem Genre jedoch keine ostentative Ausformung seines sozio-politischen Subtextes über, sondern versucht vielmehr, diesen mit den mittlerweile völlig ausgelutschten Topoi des Zombiefilms zu balancieren.

Der zentrale Konflikt im befestigten Reservat ist ein entsprechender Hybrid: Dem gängigsten Postapokalypse-Topos entsprechend, möchte sich eine Fraktion der Überlebenden der Welt öffnen, also auch Fremden Schutz gewähren, während die andere die knappen Ressourcen für die bestehende Gemeinschaft reservieren wollen. Der Konflikt ist jedoch nicht primär ein politischer, sondern ein innerfamiliärer. Traylors ältester Sohn Lysol (Kiowa Gordon) und seine Verbündeten akzeptieren weder Fremde noch die Regeln ihrer Väter. Sein Bruder Joseph (Forrest Goodluck) und dessen Freundin, die keine Mi’kmaq, dafür aber hochschwanger ist, sind jedoch auf eben diese Regeln angewiesen.

Fatalismus und Zombie-Spektakel

Die prä-epidemischen Probleme schwellen im engen Schutzraum der Container-Festung zum familiären Zerwürfnis an. Während sich die Väter in die Beutezüge nach Benzin und Vorräten flüchten, ertränken Lysol und seine Anhänger ihren Schmerz im Drogen-Restbestand der Gemeinschaft. Ein Großteil des Konflikts geht im solide inszenierten, aber letztlich doch allzu bekannten Gemetzel unter.

Dennoch bringt „Blood Quantum“ in seinen besten Momenten die Kluft zwischen den Generationen und den Fatalismus, mit dem viele indigene Gemeinschaften auf den wirtschaftlichen und sozialen Ruin blicken, mit dem Spektakel der Zombie-Apokalypse zusammen. So kompetent die Vätergeneration mit Kettensäge, Katana, Schrotflinte oder der zum Fleischwolf umfunktionierten Straßensperre Zombies niedermäht, um das Überleben des eigenen Volkes zu sichern, so verzweifelt erscheinen ihre Versuche, tatsächliche Beziehungen mit den Überlebenden einzugehen.

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