Das Dilemma mit den sozialen Medien

Dokumentarfilm | USA 2020 | 94 Minuten

Regie: Jeff Orlowski

Eine Mischung aus Dokumentarfilm und Spielhandlung bebildert die These, dass soziale Medien dazu beitragen, Menschen in ihrer Handlungsfreiheit stark einzuschränken. Der Film fährt dafür eine Reihe einschlägiger Social-Media-Gegner auf und unterstreicht deren Warnungen durch fiktionale Szenen mit alarmierendem Impetus, die allerdings arg banal ausfallen. Zudem erliegt er selbst den Allmachtserzählungen des Silicon Valley und entpuppt sich in der argumentativen Engführung auf das Internet bei der Erklärung sozialer Phänomene als wenig informiert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE SOCIAL DILEMMA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Jeff Orlowski
Buch
Davis Coombe · Vickie Curtis · Jeff Orlowski
Kamera
John Behrens · Jonathan Pope
Musik
Mark A. Crawford
Schnitt
Davis Coombe
Darsteller
Skyler Gisondo (Ben) · Vincent Kartheiser (Künstliche Intelligenz) · Kara Hayward (Cassandra) · Barbara Gehring (Mom) · Chris Grundy (Stiefvater)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Eine Mischung aus Dokumentarfilm und Spielhandlung über die These, dass soziale Medien dazu beitragen, Menschen in ihrer Handlungsfreiheit stark zu beschränken.

Diskussion

Kollektives kulturpessimistisches Aufstöhnen ist meist dann zu vernehmen, wenn es in Debatten um soziale Medien und die großen Technologiekonzerne geht. Viele betrachten das Silicon Valley als einen der Hauptverantwortlichen für aktuelle gesellschaftliche Missstände. Die Wut über die Datenpolitik der Tech-Riesen wächst. Aber auch das Unbehagen über eine voranschreitende Polarisierung. Zunehmend geraten Themen wie die Verbreitung von Verschwörungsideologien, Fake-News, digitale Abhängigkeit und Depressionen bei Teenagern in den öffentlichen Fokus. Viele dieser Phänomene werden im Zusammenhang mit der Verbreitung sozialer Medien gesehen, die weltweit immer mehr Nutzer finden. Aber sind die Dienste großer Unternehmen wie Facebook, Google, Twitter & Co. wirklich verantwortlich für eine Verschärfung all dieser Problembereiche?

Versuchskaninchen im Großexperiment

Geht es nach dem Regisseur Jeff Orlowski, lautet die Antwort hierauf eindeutig: Ja. Sein Dokumentarfilm spricht zwar vom Dilemma der sozialen Medien, doch allzu lange hält sich Orlowski nicht mit Differenzierungen auf, sondern führt einen ganzen Reigen an Kronzeugen ab, berühmte Abtrünnige der Tech-Welt wie Tristan Harris (ehemals Google), Tim Kendall (ehemals Pinterest) und Justin Rosenstein (ehemals Facebook), deren Talking Heads nur die Funktion zu haben scheinen, die Arbeitshypothese des Filmemachers zu belegen. Die lautet: Wir alle sind Versuchskaninchen im Großexperiment namens Social Media.

Unter dem Einfluss von Künstlicher Intelligenz, digitalem Überwachungskapitalismus und Algorithmen scheint das menschliche Subjekt samt seiner Handlungsspielräume verloren gegangen zu sein, so legt es Orlowski nahe. Er untermauert seine Beweisführung mittels einer fiktionalen Binnenerzählung, in der die jugendlichen Angehörigen einer Familie ganz im Bann ihrer Smartphones und der dazugehörigen Apps stehen. Nicht einmal das gemeinsame abendliche Dinner bewältigen sie, ohne dass eines der penetranten Endgeräte den Familienfrieden stört. Beherztes Eingreifen ist also gefragt. Die Mutter nimmt sich der Handys ihrer Sprösslinge an und sperrt sie für die Dauer des Abendessens weg. Die Jüngste der Familie aber hält der analogen Wirklichkeit nicht lange stand, greift zum Hammer und befreit ihr Handy aus dem Gefängnis. Eilig flieht sie in ihr Zimmer und damit zurück in eine wohlige Scheinwelt digitaler Dauerberieselung und den Chats mit ihren Klassenkameradinnen.

Die Allmachtserzählung des Silicon Valley

Der Hammer, mit dem Orlowski hier das Mädchen zur Tat schreiten lässt, ist im Grunde auch jener, den er argumentativ zückt, wenn es um die Inszenierung seines dokumentarisch-fiktionalen Hybridfilms geht.

Die Problematik besteht nicht darin, dass die Methoden der Digitalindustrie nicht kritikwürdig wären, ganz im Gegenteil; viele ihrer Praktiken bedürften einer intensiven gesellschaftspolitischen Behandlung; doch Orlowski führt vielfältigste Phänomene monokausal und sehr verkürzend auf das Wirken von Technologien zurück.

Vertreter der Tech-Firmen wie etwa Mark Zuckerberg sprechen gerne mit einiger Hybris davon, dass sie mit ihren Produkten das Leben der Menschen im großen Maßstab verändern. Orlowski geht dieser Selbstüberschätzung auf den Leim, wenn er die Allmachtserzählung des Silicon Valley von sich selbst reproduziert und sämtliche Defizite menschlichen Handelns einseitig auf das Wirken von Algorithmen, KI und Big Data zurückführt.

Arg banale Spielhandlungen

In der Fiktion illustriert Orlowski seine Annahmen so: Im Bewusstsein eines seiner jugendlichen Protagonisten (Skyler Gisondo) haben die Applikationen vollständig das Kommando übernommen. An den Schalthebeln und Knöpfchen seines Gehirns sitzt ein personifizierter Stellvertreter der Datenwelt (Vincent Kartheiser), ein comichafter Superbösewicht; der kontrolliert die Geschicke des hilflos ausgelieferten Jungen, triggert ihn immer genau dann, wenn er dabei ist, sich der Einflusssphäre der Algorithmen zu entziehen. So verfällt er zunächst in eine Facebook-Obsession für seine Ex-Freundin und verelendet schließlich vollends, wenn er sich der Autoplay-Funktion von YouTube hingibt.

Seine virtuellen Erfahrungen verschmelzen schließlich sogar mit der analogen Wirklichkeit, als er sich den Kreisen von Verschwörungsgläubigen anschließt, die hinter sporadischen Ereignissen dunkle Machenschaften von Regierenden wähnen.

Flott gemachte Welterklärungstheorie

Jeff Orlowski berührt hier tatsächlich reale Missstände; doch sein Film vergaloppiert sich, da er sich weigert, für die Erklärung komplexer sozialer Phänomene über das Internet hinaus Wirkungszusammenhänge zu benennen. Orlowski gibt wirtschaftliche, politische und historische Einordnungen zugunsten einer mit filmischen Mitteln flottgemachten Welterklärungstheorie auf.

Ganz zum Schluss bricht der Regisseur seine dystopische Erzählung für einen kurzen Moment auf, wenn er die Interviewten fragt, ob es denn überhaupt noch einen Anlass zu Optimismus gebe. Überraschenderweise wird das allgemein bejaht. Der berüchtigte Silicon-Valley-Kritiker Jaron Lanier lässt sich sogar zu der Aussage hinreißen: „Es sind die Kritiker, die die wahren Optimisten sind.“

Dem Heilsversprechen und Handeln der Tech-Industrie gilt es in der Tat schonungslos auf den Zahn zu fühlen. Wer dies aber in so effekthascherischer Eindeutigkeit unternimmt wie Jeff Orlowski in „The Social Dilemma“, lässt sich letztendlich vom eigens an die Wand gemalten „Doom & Gloom“-Szenario überwältigen.

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