The Wave - Deine Realität ist nur ein Traum

Drama | USA 2019 | 84 Minuten

Regie: Gille Klabin

Ein windiger Anwalt nimmt auf einer Party eine unbekannte Droge und driftet dadurch in den folgenden Tagen und Nächten in andere Raum- und Zeitdimensionen ab. Trotz des Versuchs, Fehler wiedergutzumachen und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, entgleitet ihm die Kontrolle mehr und mehr. Ein psychedelischer, tragikomischer Drogen-Film um einen anfangs arroganten und angesichts der brutalen Wirklichkeit zunehmend verzweifelten Protagonisten. Trotz oder gerade wegen seiner Logiklöcher besitzt das Werk Reize als filmische Imagination eines halluzinatorischen Trips. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE WAVE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Gille Klabin
Buch
Carl W. Lucas
Kamera
Aaron Grasso
Schnitt
Lana Wolverton
Darsteller
Justin Long (Frank) · Donald Faison (Jeff) · Tommy Flanagan (Aeolus) · Sheila Vand (Theresa) · Katia Winter (Natalie)
Länge
84 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Experimentalfilm

Heimkino

Verleih DVD
OFDb Filmworks
Verleih Blu-ray
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Ein psychedelischer filmischer Trip: Ein Anwalt nimmt auf einer Party unbekannte Drogen und driftet dadurch in den folgenden Tagen und Nächten in andere Raum- und Zeitdimensionen ab.

Diskussion

Frank (Justin Long) gehört zu der heuchlerischen Sorte von Anwälten. Einerseits streitet er mit seiner Ehefrau über Finanzen (Kleider oder 4-K-Fernseher!). Anderseits nimmt er beruflich Menschen aus, die ihre Hypotheken nicht bezahlen können. So zumindest beschreibt er seinen Job Theresa, einer fremden Frau, während sein Kumpel und Kollege Jeff und seine Begleiterin Natalie die nächsten Drinks an der Bar holen. Theresa ist gereizt, aber antwortet: „Ein bisschen Zynismus kann ich vertragen.“ Die Nacht ist jung, die Stimmung gut, also ziehen die vier weiter auf eine Hausparty. Langsam taut das Eis zwischen Frank und Theresa. Beide nehmen von einem Mann mit Ziegenbart, Ray-Ban-Brille und Wollmantel eine namenlose Droge an, die erst zum Kuss, dann zum Knock-Out führt.

Frank erwacht tagsüber in einem mit Plastikbechern und Klopapier zugemüllten Haus, als gerade die Hausbesitzer zurückkommen und geschockt von dem Chaos die Polizei rufen wollen. Frank flieht. Zuhause hält seine Ehefrau ihm einen hysterischen Vortrag über Untreue. Und im Büro zeigt die Droge ihre psychedelischen Auswirkungen: Ein Putzmann fällt beim Aufhängen einer Uhr in Zeitlupe von der Leiter, während die Anwälte in immer hektischer werdendem Juristengeschwafel auf Frank einreden. Die Zeit dehnt und beschleunigt sich gleichzeitig. Die Umrisse der Kollegen verzerren sich durch einen Rotoskopie-Filter. Das Licht blinkt alarmierend rot. Frank landet auf der Toilette. Was ist letzte Nacht passiert? Und wo ist Theresa?

In Zukunft vielleicht ein Kultfilm

„The Wave“ von Gille Klabin ist ein cineastischer Drogentrip, der mit seiner Verrücktheit an „Fear and Loathing in Las Vegas“ von Terry Gilliam und „A Scanner Darkly“ von Richard Linklater anknüpfen kann. Der Film ist im letzten Jahr in den amerikanischen Kinos völlig untergegangen. In Deutschland ist er jetzt immerhin auf DVD, Blu-Ray und als Stream verfügbar und hat gute Chance, sich über die Jahre zum Kultfilm zu entwickeln.

Im Mittelpunkt der halluzinatorischen Reise, die die Regeln des klassischen Zeit- und Raum-Kontinuums sprengt, steht eine zunächst nicht gerade sympathische Figur. Womit auch die Entwicklungslinie vorgegeben ist: Weil Frank unsympathisch ist, muss er sympathisch werden – sprich: auf die Probe gestellt und geläutert werden. Er muss Theresa wiederfinden, seine Ehe retten und auch sein Geld. Er, der am Anfang so große Sprüche gemacht hat, hebt aus lauter Verzweiflung Geld für einen Drogendealer vom Konto ab. Justin Long spielt sehr überzeugend, wie sich Franks Arroganz in Panik auflöst. Immer wieder sitzt er mit aufgerissenen Augen in Couchsessel und Autositze gepresst, von wo aus er an andere Orte, Zeiten und Dimensionen abdriftet.

Wüsten, Wiesen, Sterne – und die brutale Wirklichkeit

Frank landet in künstlichen Wüsten-, Wiesen- und Sternenlandschaften. Dort flüstert ihm eine Vision von Theresa zu: „The universe doesn’t punish anyone.“ Aber bevor sich alles in einem New-Age-Phantasma auflöst, kracht eine der vielen brutalen Wirklichkeiten mitsamt Drogendealer und Drogenjunkies auf den nervösen, fertigen Frank herab. Dass die Opoidkrise die USA immer noch im Griff hat, strahlt der Film in all seiner Grellheit aus. Betroffen sind hier nicht nur die Obdachlosen, sondern auch ein weißer Mittelklassen-Mann, dessen Leben aus den Fugen gerät und nicht mehr zurückfindet.

Der trashige Wechsel zwischen knallharter Realität und durchgeknalltem Rauschzustand ist bewusst eingesetzt. Was will eine Droge auch anderes sein als Ablenkung oder Abwechslung zum Alltag? Doch das Glücksversprechen löst sich nie ein. Der Film fühlt sich vielmehr an wie ein Exzess, dessen Logiklöcher im Drehbuch oder Last-Act-Twist nicht entscheidend sind. Alles wird zum Albtraum. „Today is your big day“ leuchtet einmal ein fremdgesteuertes Billboard. Auf den „big day“ wartet auch der Film noch. Sicherlich hat das Universum den großen Tag schon eingeplant.

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