Drama | Israel/Italien 2020 | 92 Minuten

Regie: Nir Bergman

Ein Vater hat sein ganzes Leben auf die Erziehung seines mittlerweile erwachsenen autistischen Sohnes ausgerichtet und lebt mit ihm in einer quasi symbiotischen Beziehung mit eigenen Ritualen und fast ohne Interaktion mit anderen. Doch als der junge Mann einen Platz in einem Heim bekommt, soll er das väterliche Haus verlassen. Der israelische Familienfilm schildert einfühlsam, nuanciert und ohne gängige Klischees über autistische Menschen, wie die beiden mit dieser Situation umgehen. Zwischen intimem Drama und Road Movie schwankend, lotet der Film mit überzeugenden Darstellern die Entwicklung einer Eltern-Kind-Liebe von gegenseitiger Abhängigkeit zur Emanzipation aus. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HINE ANACHNU
Produktionsland
Israel/Italien
Produktionsjahr
2020
Regie
Nir Bergman
Buch
Dana Idisis
Kamera
Shai Goldman
Musik
Matteo Curallo
Schnitt
Ayala Bengad
Darsteller
Shai Avivi (Aharon) · Noam Imber (Uri) · Smadar Wolfman (Tamara) · Efrat Ben Zur (Effi) · Amir Feldman (Amir)
Länge
92 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Israelisches Familiendrama, das anhand der Beziehung eines alleinerziehenden Vaters zu seinem autistischen Sohn über Liebe, Abhängigkeit und Loslassen reflektiert.

Diskussion

Uri (Noam Imber) fürchtet sich vor Schnecken, aber auch vor bärtigen Männern, weil sie stets die Bösewichte in den Stummfilmen sind, die er auf seinem Tablet guckt. Immer dieselben Filme zu schauen, seine Goldfische zu füttern oder Nudelsterne zu essen, beruhigt den jungen autistischen Mann. Die Rituale geben ihm Halt, ebenso wie die größte Stütze in seinem Leben: Sein Vater Aharon. Aharon (Shai Avivi) und er leben eine quasi symbiotische Beziehung in einem ruhigen Vorort. Der Vater umsorgt und beschützt seinen Sohn rund um die Uhr, stellt seine eigenen Bedürfnisse hintenan. Da er meint, den Sohn als Einziger erziehen zu können, hat er ihn auch von seiner Mutter Tamara (Smadar Wolfman) entfremdet, die nun getrennt von den beiden lebt.

Der Vater muss das Loslassen lernen, der Sohn mehr Selbstständigkeit

Der israelische Regisseur Nir Bergman schildert diese besondere Vater-Sohn-Beziehung in beispielhaften Situationen: zu Hause, wo Uri sich am besten orientieren kann, aber auch bei gemeinsamen Ausflügen ans Meer. Gleich zu Beginn dieses intimen Familienfilms sitzen beide in einem Zug. Der große und ungelenke junge Mann lacht laut, ungehemmt und lange, bis sich ein anderer Fahrgast von ihnen fortsetzt, weil ihm Uris Verhalten unheimlich ist. So rührt das geradezu possessive Verhalten des Vaters wohl auch daher, dass Fremde ihnen wenig Verständnis entgegenbringen. Als Uri auf einem Bahnsteig einmal einen Anfall bekommt und randaliert, tadeln die Passanten den überforderten Vater, anstatt ihm zu helfen.

Doch das gemeinschaftliche Leben der beiden neigt sich dem Ende zu. Denn Uri hat einen Platz in einem Heim bekommen, wo er unter Gleichaltrigen sein wird und lernen soll, selbstständiger zu werden. Während Tamara den Schritt befürwortet, sträubt sich Aharon. Als Uri sich eines Tages weigert, mit ihm ins Heim zu fahren, entführt der Vater den Sohn auf eine spontane Reise durch Israel, wo sie auf Freunde, Familie und Unbekannte treffen.

So schildert dieses fein beobachtete Drama ein verzweifeltes letztes Aufbäumen vor einem unvermeidlichen Abschied. Denn so anrührend die Beziehung der beiden auch sein mag, so deutlich wird auch, dass die gegenseitige Abhängigkeit keinem der beiden guttut. Wenn der Film sich zum Road Movie wandelt und damit sowohl die Perspektive der Protagonisten als auch der Zuschauer erweitert, erfährt man mehr über Aharons Vergangenheit. Seine aussichtsreiche Karriere als Grafiker hat er für den Sohn aufgegeben, sich zudem mit zahlreichen Menschen überworfen. So scheint das Klammern fast mehr von ihm auszugehen, denn die Zuneigung des Sohnes ist die einzige Bestätigung in Aharons Leben.

Keine gängigen filmischen Klischees über Autisten

Als Symbol für diese Konstellation fungiert in „Here we are“ Charlie Chaplins Stummfilmklassiker The Kid, Uris Lieblingsfilm. Darin schmeißt der kleine Sohn bekanntlich Fensterscheiben ein, um seinem Vater, der Glaser ist, Arbeit zu besorgen. Auch Uri verschafft durch seine Pflegebedürftigkeit seinem Vater Aharon konstante Beschäftigung. Aharon kann durch seine Fürsorge glänzen und hat sich und seinem Sohn eine Blase geschaffen, welche die reale Welt um sie herum ausblendet.

Regisseur Nir Bergman und seine Drehbuchautorin Dana Idisis sind allerdings klug genug, das an Münchhausen-Stellvertretersyndrom grenzende Verhalten des Vaters nicht als Manipulation, sondern eher als Ersatzhandlung zu zeichnen. So überzeugen die Szenen der täglichen Rituale der beiden durch ihre tatsächliche Innigkeit, etwa wenn beide sich zu den Klängen von Umberto Tozzis Seventies-Hit „Gloria“ morgens rasieren. Dass Uri sich ein anderes Mal auf einem Rummelplatz von seinem Vater entfernt und zu eben diesem Song ausgelassen tanzt, lässt erahnen, dass er mehr kann, als ihm seine Glucke von Vater zutraut.

Auch gängige filmische Klischees über Autisten bedienen die Filmemacher nicht, sondern machen sich sogar subtil über sie lustig. Sie bauen darauf, dass die meisten Kinoliebhaber bei Autisten im Kino an Dustin Hoffmans Figur Raymond aus Barry Levinsons „Rain Man“ denken werden. Dieser bewahrte mit seiner mathematischen Überbegabung seinen Filmbruder Tom Cruise durch einen Casinogewinn vor der Pleite. Doch Uri besitzt keinerlei solche Fähigkeiten, also lassen Idisis und Bergman einen Busfahrer bei einer nächtlichen Reise insistieren, dass alle Autisten eine – mitunter versteckte – Sonderbegabung besäßen. Aharon wendet sich daraufhin nur entnervt ab.

Ein überzeugendes Darsteller-Duo

Als beeindruckend erweisen sich die beiden Hauptdarsteller des Films. Shai Avivi als Aharon übersetzt die bedingungslose Liebe für seinen Sohn durch Blicke oder zärtliche Gesten, gestattet seiner Figur Erschöpfung und Überforderung und macht auch die Starrköpfigkeit des Vaters transparent. Noam Imber als Uri wiederum verblüfft als liebenswerter autistischer Sohn, der mal besser, mal weniger gut mit seinen Einschränkungen klarkommt. Mal schottet er sich komplett ab, mal entdeckt er neugierig seine Umwelt wie ein zu groß geratenes Kind und deckt dabei alle Emotionen zwischen Lebensfreude und Verzweiflung ab. „Here we are“ verzichtet auf Überzeichnung, ist (trotz eines zu intensiv klampfenden Soundtracks) kein Rührstück und erweist sich als sensibles, aber auch beschwingtes Familienporträt über Liebe, Sehnsüchte und verpasste und noch zu ergreifende Möglichkeiten.

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