In Bewegung bleiben

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 140 Minuten

Regie: Salar Ghazi

Tänzerinnen und Tänzer, die in der Endzeit der DDR zur Berliner Komischen Oper zählten, erinnern sich an Herkunft und Ausbildung, die Arbeit am Opernhaus und die damit verbundenen Gastspiele im Westen. Gegen Ende der 1980er-Jahre standen mehrere Ensemblemitglieder vor der Entscheidung, zu bleiben oder zu gehen, und entschlossen sich zur Flucht. Der Filmemacher Salar Ghazi, der seit damals mit einigen von ihnen befreundet ist, lässt die Ereignisse Revue passieren. Erinnerungen, Reflexionen und privates VHS-Material werden zu einem komplexen Bild verwoben, welches das ostdeutsche Lebensgefühl der Wendejahre transparent macht. Dabei verzichtet der Schwarzweiß-Film auf eine strenge Dramaturgie, mäandert durch Zeiten und Räume und erschließt neue Blickwinkel und Themen. (Premiere im Rahmen der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ bei der Berlinale 2021) - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Salar Ghazi
Buch
Salar Ghazi
Kamera
Salar Ghazi
Musik
Gert Anklam · Beate Gatscha
Schnitt
Salar Ghazi
Länge
140 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarisches Zeitbild über das Leben in der späten DDR, entfaltet am Beispiel von Tänzern und Tänzerinnen der Komischen Oper Berlin, die in dieser Zeit vor der Frage standen, ob sie sich in den Westen absetzen sollten.

Diskussion

Im Januar 1988 feierte an der Ost-Berliner Komischen Oper das Tanzstück „Keith“ mit der Musik von Keith Jarrett Premiere. Die Aufführung war eine Sensation, die Kritik lobte den energetischen Tanzstil, die freie, assoziative Bewegung, die urbane Erzählung, die ausschließlich von Männern zelebriert wurde. Doch in den folgenden Monaten verließen von den neun Beteiligten vier Tänzer und die Choreografin Birgit Scherzer die DDR und suchten neue Engagements im Westen.

Für einige von ihnen waren die künstlerischen Möglichkeiten, die ihnen zu Hause geboten wurden, inzwischen ausgereizt. Ideologischen Zwängen, aber auch der Bespitzelung durch Aufpasser der Staatssicherheit wollte man sich nicht mehr aussetzen. Andere lockte die Möglichkeit, frei reisen zu können und den Daheimgebliebenen nicht mehr nur verschämt von Gastspielen vorzuschwärmen. Doch die Fluchtbewegungen trafen die Theatercompagnie ins Mark; Freunde und Kollegen fühlten sich allein gelassen, der Staat sandte sogar Emissäre aus, die die Weggelaufenen zur Rückkehr bei gleichzeitiger Straffreiheit überreden sollen. Dann fiel plötzlich die Mauer.

Ein Panoramabild des Lebens in der DDR

Salar Ghazi widmet dieser Zeit der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren seine erste Regiearbeit „In Bewegung bleiben“. Der erfahrene Editor, der mit einigen der Beteiligten schon damals befreundet war, arbeitete zwölf Jahre an diesem Film; eine Förderung gab es nicht. Interviews, alte Videoaufnahmen, heutige Beobachtungen und Tanzszenen werden zu einem reflexiven Geflecht verwoben, das die verschiedenen Biografien zu einem Zeitbild verschmilzt.

Der Film geht dabei weit über das Umfeld der legendären „Keith“-Inszenierung hinaus. Er erzählt von Hoffnungen und Enttäuschungen, Aufbrüchen und Zweifeln und leistet nicht zuletzt auch Trauerarbeit, indem er an die inzwischen verstorbenen Tänzerkollegen Gerald Binke und Mike Knospe erinnert.

Wer glaubte, die DDR sei nach dreißig Jahren so gut wie durchleuchtet, sieht sich hier eines Besseren belehrt. Denn „In Bewegung bleiben“ ist nicht bloß eine Wiederholung sattsam bekannter Konflikte der filmischen „Aufarbeitungsindustrie“; der Film gibt sich keineswegs mit der holzschnittartigen Skizze vom Zusammenprall innovativer Künstler und einem rigiden Staat zufrieden. Solche einfachen Formeln sind nicht Salar Ghazis Sache; sein Panoramabild erlaubt eine differenziertere Rückschau.

Familie und Angehörige als Faustpfand

So fragt er beispielsweise nach Herkunft und Ausbildungswegen, lässt sich von der Unterschiedlichkeit der Elternhäuser – vom Werkzeugmacher oder Bergmann bis zum Botschaftsangestellten – berichten, auch von der großzügigen kulturpolitischen Förderung. Die staatlichen Ballettschulen oder die berühmte Palucca-Schule in Dresden waren Talenteschmieden; wer hier studierte, machte später oft international von sich reden.

Die Ausbildung war hart und voller Glücksgefühle. Natürlich konnten mit diesem Beruf auch Privilegien verbunden sein, Gastauftritte in aller Welt etwa. Aber jedem, der in den Westen durfte, war zugleich bewusst, dass die eigene Familie vom Staat als Faustpfand für die Rückkehr in eine Art Beugehaft genommen wurde.

Ghazis Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, darunter namhafte Künstler wie Birgit und Steffi Scherzer oder Roland Gawlik, lassen ihre Lebenswege auf unangestrengte, oft abgeklärte Weise Revue passieren. Erinnert werden existentielle Erfahrungen, etwa beim Fluchtversuch durch ungarische Sümpfe, grandiose Momente der Erfüllung und der Schönheit des Aufgehobenseins in einer Gruppe, aber auch die zunehmende Dringlichkeit, sich von ihr abzunabeln und vom bevormundenden Staat zu lösen. Welche Konflikte damit verbunden waren, wird in der Episode um David Scherzer zumindest angerissen, dessen Mutter im Westen blieb, als er gerade neun Jahre alt war, wobei sie den Sohn bei ihrem damaligen Lebensgefährten in der DDR zurückließ.

In Schwarz-Weiß, aber nicht schwarzweiß

„In Bewegung bleiben“ ist in Schwarz-Weiß gehalten. Das verleiht dem Film eine archaische, authentische Note. Dramaturgisch strukturiert wird das Material nach Kapiteln, die mit Fachbegriffen aus der Ballett- und Musikwelt überschrieben sind: von „Exercise“ über „Grand Pas“ oder „Chassé“ bis „Coda“. Diese Einteilung trägt dazu bei, den umfangreichen Korpus zu ordnen, verhindert aber nicht, dass der Film gelegentlich mäandert, sich thematisch im Kreis dreht. Vielleicht hätte Salar Ghazi, der hier neben seiner Regiearbeit zugleich Drehbuchautor, Kameramann, Cutter und Produzent war, einer strengeren dramaturgischen Beratung bedurft, um die Fülle an Bildern, Musik und Gedanken noch konsequenter zu bündeln, die thematischen Schwerpunkte schärfer zu konturieren.

Kommentar verfassen

Kommentieren