Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 91 Minuten

Regie: Monika Treut

Fortsetzung des Dokumentarfilms „Gendernauts“ (1999), der zwanzig Jahre später nach San Francisco, das damalige Zentrum der amerikanischen Transgenderszene, zurückkehrt. Dabei blickt der Film nie zurück auf die Pionierzeit, sondern auf eine gentrifizierte und kommerzialisierte Gegenwart. Die Lebensentwürfe der Protagonistinnen stehen trotz der verflogenen Aufbruchsstimmung noch immer für den ständigen Wandel von sexueller, geschlechtlicher und gemeinsamer Identität. Der Film entwirft ohne formale Experimente und den Drang, Schicksale untereinander abzugleichen, ein intimes Porträt der genderqueeren Pionierinnen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Monika Treut
Buch
Monika Treut
Kamera
Elfi Mikesch
Musik
Pearl Harbour · Annette Humpe · Mona Mur
Schnitt
Margot Neubert-Maric · Angela Christlieb
Länge
91 Minuten
Kinostart
21.10.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Eine Fortsetzung von Monika Treuts Dokumentarfilm „Gendernauts“, in dem sie zwanzig Jahre später nach San Francisco zurückkehrt und erkundet, was aus den Pionier:innen der Transgenderszene geworden ist.

Diskussion

Die Gendernauts haben viel erreicht. Vor zwanzig Jahren begannen die transsexuellen Pionier:innen nicht nur den Kampf für die eigenen Rechte, sondern etablierten auch das vor der Jahrtausendwende noch obskure interdisziplinäre Forschungsgebiet der Gender Studies fest im akademischen Mainstream. Im Kampf für die eigenen Rechte Siege zu erringen, heißt immer auch den Glamour des Pionierdaseins allmählich an den gesellschaftlichen Normzustand zu verlieren. In San Francisco heißt dieser Normzustand Gentrifizierung. Die Heimatstadt der Transbewegung, die Regisseurin Monika Treut bereits 1999 in ihrem damals viel beachteten Dokumentarfilm Gendernauts porträtierte, ist heute überwuchert vom Kapital, das die großen Tech-Unternehmen mitgebracht haben.

„Genderation“ ist eine Bestandsaufnahme. Ein Besuch nach zwanzig Jahren bei den Pionier:innen der Gendertheorie und den Gründer:innen der Trans-Szene von San Francisco, die sich zwar nie zur gleichen Prominenz aufschwang wie Andy Warhols Factory oder die New Yorker Punkszene, deren Einfluss aber unverkennbar ist. Die Aufbruchsstimmung ist verflogen und die Auseinandersetzung mit basalen Lebensrealitäten wichtiger geworden. San Francisco ist teuer, man selbst älter und die Verantwortung, die man für andere trägt, größer geworden.

Mittlerweile stellen sich andere Fragen

Die Fragen, die sich stellen, sind entsprechend andere geworden. Der Konflikt zwischen Anpassung und Transgression wird ein neuer und die Sexualität geht im Alter neue Wege. Die Versuchung, diese Wege zu verlassen und auf die Pionierzeiten, die eigenen jungen und wilden Jahre, zurückzublicken, ist entsprechend groß. Was „Genderation“ auszeichnet, ist der Wille, eben nicht dieser Versuchung nachzugeben, sondern sich gemeinsam mit den Protagonist:innen nicht nur den Fragen der Gegenwart zu stellen, sondern beständig weiter neue Zukunftsvisionen zu basteln.

Gemeint sind damit nicht allein die akademischen oder intellektuellen Konzepte von Geschlecht, Intimität und Sexualität, die damals in San Francisco und der Welt Fuß fassen konnten, sondern die persönliche Entwicklung, Entfaltung und Wandlung von Geschlecht und Sexualität. Denn eben diese ist auch heute, wo progressive und queere Konzepte längst kommerzialisiert sind, dynamisch und aufrichtig geblieben.

Die Medientheoretikerin und Performancekünstlerin Sandy Stone lässt sich von eben dieser Dynamik in virtuelle Welten führen. Im behutsamen, zunächst quasi asexuellen digitalen Austausch lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, besetzt mit ihm für Jahre eine gemeinsame digitale Heimat, bevor beide bereit sind, einen physischen Raum zu teilen. Annie Sprinkle und Beth Stephens suchen als öko- und transsexuelles Akademikerpaar neue Formen der Sexualität in der Natur – Sprinkle hat in Sexualwissenschaften, Stephens in Performance Studies promoviert – und finden dabei eine so eigenwillige wie ekstatische Schnittstelle zwischen Öko-Aktivismus und Sinnlichkeit. Der Transmann Stafford hat das gentrifizierte San Francisco hinter sich gelassen. Zu teuer ist das Leben dort für ihn geworden. Heute baut er an der East Bay ein Logistikunternehmen und in der Wüste eine Community für Gleichgesinnte auf.

Unauffällige Nähe

Treuts Film nähert sich den Lebensläufen seiner Protagonist:innen mit einer formal unauffälligen Nähe. Mit der Form experimentiert ihr Film nicht, bleibt vielmehr auf das Zuhören und die mitunter durchaus intimen Details aus dem Leben der Gendernauts konzentriert. Dass diese mit Begriffen wie „gleichgesinnt“ weit mehr meinen als Menschen, die ihre Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung teilen, spiegelt sich ebenfalls in der Struktur des Films.

Treut verdeutlicht das, indem sie nichts gegenüber-, sondern alles nebeneinanderstellt. Jedes Einzelschicksal entfaltet sich frei, ohne sich abgrenzen oder in Beziehung setzen zu müssen. Oder, wie Sandy Stone es an anderer Stelle ausdrückt: die Gendernauts hören nie auf zu suchen, Abenteuer zu erleben und Fragen zu stellen.

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