Verplant - Wie zwei Typen versuchen, mit dem Rad nach Vietnam zu fahren

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 108 Minuten

Regie: Waldemar Schleicher

Zwei Freunde brechen von Deutschland aus auf, um mit dem Fahrrad nach Vietnam zu fahren. Obwohl sie unterwegs von unzähligen Pannen, dem kirgisischen Winter und der chinesischen Polizei immer wieder ausgebremst werden, kommen sie nach knapp einem Jahr und 13.007 gefahrenen Kilometern tatsächlich in Saigon an. Unterwegs sind sie dabei zwar um unzählige Erfahrungen reicher, aber kein bisschen weiser geworden. Die unterhaltsam montierte Reisedokumentation entzieht sich mit einem erfrischend selbstironischen Humor dem Erbaulichkeitsgestus, der das Genre in den letzten Jahren zunehmend lähmt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Waldemar Schleicher
Buch
Waldemar Schleicher · Matthias Schneemann
Länge
108 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Reisedoku über zwei Schulfreunde, die mit dem Rad von Heiligenstadt entlang der alten Seidenstraße bis nach Vietnam fahren.

Diskussion

„Wenn einer eine Reise tut“, heißt es in Matthias Claudius’ berühmtem, von Beethoven vertonten Gedicht „Urians Reise um die Welt“, „so kann er was verzählen“. Eine ganze Reihe von Filmschaffenden hat sich das in den vergangenen Jahren zu Herzen genommen und vorzugsweise mit Regiedebüts das Subgenre des „Weltreisefilms“ ins Leben gerufen. Die urromantische Sehnsucht, die mit dem Aufbruch in die weite Welt einhergeht, wurde vor der Pandemie stellvertretend im Kino gestillt. Der Lockdown unterband dann allerdings selbst solche Ersatzreisen, weshalb auch die beiden Fahrradreisenden Otti und Keule, die binnen eines knappen Jahres von Heiligenstadt nach Saigon geradelt waren, ihren Beitrag zum Globetrotter-Kino nicht wie geplant am 7. Januar 2021 auf die Leinwand bringen konnten, was zumindest zum Titel ihres Films ja irgendwie passt.

„Verplant“ wurde noch in einer Zeit produziert, in der die Corona-Gegenwart als pure Science-Fiction durchgegangen wäre. Schwingt im Titel der Dokumentation also die Aussteigermentalität und das tiefgründelnde Sendungsbewusstsein mit, das Weltreisende bisweilen zu erfassen droht, sobald die Kamera läuft? Ganz im Gegenteil.

Ein erfrischend selbstironischer Ton

Als der Filmemacher Waldemar Schleicher, der seine ehemaligen Schulkameraden auf den ersten und letzten tausend Kilometern ihrer Tour begleitete und sie auch zwischendurch zweimal besuchte, von „Otti“ und „Keule“ am Ende ihrer Reise wissen will, ob sie unterwegs zu sich „selbst gefunden“ hätten, lachen die sein Ansinnen einfach weg. Mit solchen psychologischen Überhöhungen können sie so wenig anfangen wie mit der Reduktion auf messbare Daten:10 Monate, 13.007 Kilometer, 30.000 Höhenmeter.

Das steht zwar im Presseheft, doch Otti und Keule bekommen die Namen der 15 Länder, durch die sie gefahren sind, nur noch mit Mühe zusammen. Sie sind aufgebrochen, um ein Abenteuer zu erleben, neue Länder, Kulturen und Landschaften kennenzulernen, und dies in einer Reisegeschwindigkeit, bei der sich Veränderungen nur schleichend vollziehen. Ihnen ging es vor allem darum, Freude zu haben. Etwas davon soll ihr Doku-Projekt weitertransportieren.

Schleicher hat den Film deshalb sehr bewusst auf einem selbstironischen Grundbeat montiert. Ständig fluchen die beiden, wie sehr sie das Fahrradfahren eigentlich hassen, oder Otti schwärmt angesichts der Kulisse eines iranischen Bergsees davon, dass sich allein dafür alle Mühen gelohnt hätten, um gleich darauf lachend ein „nicht wirklich“ hinterherzuschieben.

Als sie im Winter in Kirgisistan mit dem Fahrrad nicht mehr weiterkommen, geben sie nachträglich all jenen Recht, die sie für verrückt erklärt hatten, diese Route in dieser Jahreszeit gewählt zu haben; kurzerhand lassen sich im Auto über den Pass kutschieren, wo sie dann prompt einen Fahrradtouristen überholen, der im Gegensatz zu ihnen nicht vor der Eiseskälte kapitulierte.

Mit dem Rad, aber auch auf andere Weise

Otti und Keule waren mit dem festen Vorsatz aufgebrochen, sich auf ihrem Weg über den Balkan, die Türkei, den Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan und China bis nach Vietnam ausschließlich auf dem Fahrrad fortzubewegen. Am Ende waren sie unter anderem auch mit dem Auto, dem Flugzeug und dem Boot unterwegs.

Trotz allen Humors und Augenzwinkerns kippt der Film nie ins Alberne. Fasziniert erlebt man als Zuschauer mit, wie sich die Städte, Landschaften und Bräuche ändern, wie die Protagonisten im Iran von wildfremden Menschen zum Essen eingeladen werden oder als Touristen in China selbst zur Attraktion werden. Gespenstisch erscheint ihre fünftägige Reise durch Turkmenistan auf nahezu menschenleeren Straßen. Um das dafür nötige Transitvisum zu erhalten, mussten sie dem turkmenischen Präsidenten ihr Vorhaben in einem handgeschriebenen Brief erläutern.

Bedrohlich entwickelt sich auch ihre Fahrt durch das autonome Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas, wo die chinesische Regierung mutmaßlich Hunderttausende Uiguren in Internierungslagern gefangen hält. Während sich Disney im Abspann von „Mulan“ ausdrücklich für die Zusammenarbeit mit den chinesischen Behörden bei den Dreharbeiten in Xinjiang bedankte, geraten Otti und Keule auf einer Strecke von 50 Kilometern sechs Mal in eine Polizeikontrolle. Jedes Mal werden ihre Handys und Kameras überprüft, um sicherzustellen, dass sie nicht gefilmt haben. Dieser Teil der Reise ist nur in gezeichneten Bildern zu sehen. Schließlich wird ihnen die Weiterfahrt untersagt; mit dem Flugzeug müssen sie nach Xi’an reisen. Doch auch von dort dürfen sie die Reise nicht auf ihrer ursprünglich geplanten Route fortsetzen. Erst nachdem sie zwei junge Chinesen kennenlernen, die in ihren Semesterferien ebenfalls mit dem Fahrrad durchs Land touren, entspannt sich die Lage. Am 31. Mai 2019 treffen Otti und Keule doch noch in Saigon ein.

Erfahrungen, Begegnungen, Abenteuer

Was nach Abschluss der Reise außer geflickten Fahrradschläuchen, lädierten Knien und Knöcheln bleibt? Die Erfahrungen natürlich, die Begegnungen, das Abenteuer. Aber auch eine spirituelle Reife? Otti hält es da eher mit Matthias Claudius, der am Ende seines Gedichts ernüchtert feststellt: „Und fand es überall wie hier, / Fand überall’n Sparren, / Die Menschen grade so wie wir, / Und ebensolche Narren.“ Otti selbst richtet den Blick in seiner typisch humorvollen Weise dabei aber vor allem auf den eigenen Alltag. Er und Keule seien mittlerweile Profis im Radfahren geworden, resümiert er, im Einschätzen von Entfernungen, Geschwindigkeiten, Motorengeräuschen, aber auch im Kommunizieren mit Menschen, mit denen sie keine gemeinsame Sprache sprächen. Nur: „Alles, was du gelernt hast, worin du richtig gut geworden bist, brauchst du jetzt nicht mehr.“

Kommentar verfassen

Kommentieren