Drama | Großbritannien/USA 2020 | 112 Minuten

Regie: Dominic Cooke

Kurz vor der Kubakrise wird ein britischer Geschäftsmann 1962 vom britischen Geheimdienst MI6 rekrutiert, um als Kontaktmann zu einem sowjetischen Spionage-Offizier zu dienen. Zwischen den beiden Männern entsteht nicht nur ein geschäftlicher Kontakt, sondern auch eine Freundschaft, die von der bis ins Privatleben einsickernden Eskalation der Großmächte zerstört zu werden droht. Spannend erzählter Spionagethriller, der in der prosaischen Abbildung von Privatleben und Geheimdiensttätigkeit große Stärken hat. Weniger gelungen ist die weltpolitische Ebene des Kalten Krieges, bei der sich der Film auf das simple Feindbild böser Sowjets zurückzieht. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE COURIER
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Dominic Cooke
Buch
Tom O'Connor
Kamera
Sean Bobbitt
Musik
Abel Korzeniowski
Schnitt
Tariq Anwar · Gareth C. Scales
Darsteller
Benedict Cumberbatch (Greville Wynne) · Merab Ninidze (Oleg Penkowski) · Rachel Brosnahan (Emily Donovan) · Jessie Buckley (Sheila) · Angus Wright (Dickie Franks)
Länge
112 Minuten
Kinostart
01.07.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Politthriller | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
EuroVideo
Verleih Blu-ray
EuroVideo
DVD kaufen

Spionagethriller um einen britischen Geschäftsmann, der Anfang der 1960er-Jahre vom Geheimdienst seines Landes angeworben wird und sich mit seinem russischen Kontaktmann anfreundet.

Diskussion

Oleg Penkowski tanzt den Twist. Während der Rest der Moskauer Delegation auf das Ende des ausgelassenen Abends wartet, lässt der sowjetische Geheimagent seine Hüften zu Chubby Checkers „Twist Again“ kreisen. Ein vertrautes Bild im Londoner West End des Jahres 1962, wo Penkowski Gast des Geschäftsmanns Greville Wynne ist. Ein Akt des Landesverrats in seiner Heimat. Der Twist identifiziert Penkowski als den einzigen Russen, der zu den Beats der westlichen Musik tanzt; er lässt zwei Menschen für ein paar Stunden vergessen, dass ihre Regierungen kurz davorstehen, sie per Atomkrieg auszulöschen.

Der eigentliche Schlüssel für die Perspektive, die der Film „Der Spion“ von Dominic Cooke auf den Kalten Krieg wirft, ist der Tanz jedoch nicht im übertragenen, sondern im eigentlichen Sinne: beim Twist berühren sich die Tanzpartner nicht. So ausgelassen hier gefeiert wird, so wenig alles andere in diesem Moment aufrichtiger Verbundenheit zählt, so nah Ostblock und Westen sich hier auch kommen: der vorgegebene Rahmen lässt keine wirkliche Berührung zu.

Ein Gelegenheitsspion unterläuft alle Spannungen

Der GRU-Agent Penkowski (Merab Ninidze) und sein britischer Kontaktmann Wynne (Benedict Cumberbatch), durch dessen ungeschulte Augen man auf die Spionage-Aktivitäten von CIA, MI6, KGB und GRU blicken, treten gegen diese tragische Wahrheit an. Wynne ist als beinahe zufällig ausgewählter Gelegenheitsspion der perfekte Protagonist, wenn es darum geht, die weltpolitischen Spannungen zu unterlaufen. Seine Unbedarftheit, aber auch seine Reise- und Geschäftserfahrungen sind neben seiner Trinkfestigkeit allerdings nicht nur die Qualitäten eines idiosynkratischen Friedensstifters, sondern auch die eines gut getarnten Kontaktmanns. An Abend im Londoner West End wird Penkowski für Greville mehr als nur ein Mann, der ihn regelmäßig mit Informationen versorgt. Er wird Grevilles Freund.

Eiserner Vorhang und der drohende Nuklearkrieg scheinen fast vergessen, als sich Informationsaustausch und kameradschaftliche Begegnungen sukzessive einpendeln und beide Männer sich „geschäftlich“ wie persönlich zwischen Bolschoi und West End nah genug kommen, um die Familie des anderen kennenzulernen und Gastgeschenke zusammen mit Geheimdienstinformationen auszutauschen.

Jeder ist ein Spion

Das prosaische Bild, das der Film von Privatleben und Spionage zeichnet, ist die große Stärke der Inszenierung. Die Lüge scheint mehr dem Klischee des geheimnisumwitterten Agentenjobs zu entsprechen als die geduldsfadenstrapazierende Spionagearbeit selbst. Das Gestaltungsprinzip der Spionage-Szenen folgt nicht der undurchsichtigen, diplomatischen Komplexität, die dahintersteht, sondern der Simplizität, mit der die Agenten „an der Front“ die eigene Tarnung und damit das eigene Leben schützen.

Die entscheidenden Grundregeln sind für den Amateur-Spion Greville und das Publikum gleichermaßen verständlich und beängstigend: Jeder ist ein Spion. Jede Putzkraft, jede Fahrkartenkontrolleurin, Tischnachbarin oder Passantin, die in der strengen architektonischen Symmetrie des kaum belebten Moskaus auftaucht, wird zur Bedrohung, jeder deplatzierte Gegenstand wirft den Schatten des KGB.

Mit der Paranoia sickert auch die Weltpolitik sukzessive ins Privatleben ein. Die konfrontative Politik des Säbelrasselns eskaliert bald so weit, dass sie sich nicht mehr einfach wegtanzen lässt, und auch die Verbrüderung gegen den Kalten Krieg wackelt unter der enormen Spannung des nuklearen Bedrohungsszenarios. Die Familie kann die „Arbeitssorgen“ nicht auffangen. Die Tanznächte werden zu Ausdauerübungen, die nur auf das an literweise Wodkakonsum anschließende Treffen hinarbeiten.

Klares Feindbild

Der Kipppunkt zur Kubakrise bringt den Film erzählerisch aus der Balance, was auch daran liegt, dass es nie wirklich gelingt, eine Geschichte von zwei Feinden zu erzählen, die im Angesicht der gegenseitigen Vernichtung einen Berührungspunkt finden. Das ist nicht dem tatsächlichen Verlauf des Kalten Kriegs geschuldet, an dem Penkowski und Wynne als historische Personen durchaus Anteil hatten (ihre „Arbeit“ leistete einen nicht unerheblichen Teil zur Deeskalation der Kubakrise). Vielmehr klebt der Film allzu sehr am Narrativ „braver Westen gegen bösen Ostblock“. Nicht allein die seelenlosen Apparatschiks, die dem GRU-Doppelagenten und dem britischen Amateur-Spion immer wieder bedrohlich nahekommen, sind das Feindbild des Films, sondern auch die gesamte Partei-Riege der Sowjetunion.

Während Kennedy, die CIA und der MI6 zwar mit wenig Skrupel, aber aufrichtiger Überzeugung am Weltfrieden basteln, stellen Penkowskis alte Freunde ihm mit Genuss nach, während Chruschtschow mit Schaum vorm Mund den Atomkrieg herbeikreischt. Um diesen zu verhindern, braucht es dem Film "Der Spion" nach dann doch nicht zwei Feinde, die sich an ihre Menschlichkeit erinnern und den Rest vergessen, sondern einen Russen, der auf der falschen Hochzeit tanzt.

Kommentar verfassen

Kommentieren