Drama | USA 2021 | (zwölf Episoden) Minuten

Regie: Joseph Gordon-Levitt

Ein junger Lehrer fühlt sich vom Leben enttäuscht, weil seine hochfliegenden Pläne als Musiker ebenso gescheitert sind wie die Beziehung zur Sängerin seiner Band. Er suhlt sich in Leid und Hypochondrie und driftet zusammen mit seinem Mitbewohner durch die Leere der Feierabende. Als die Corona-Pandemie ausbricht, flieht er zurück zu seiner Mutter und verbarrikadiert sich in seinem alten Kinderzimmer, bis er zu begreifen beginnt, wie überzogen und weltfremd seine Egozentriertheit ist. Die aufwändig inszenierte Serie erzählt von zerstörten Träumen, dem Leben danach und von den Querelen einer zunehmend katastrophisch anmutenden Gegenwart. In den besten Episoden gelingt sogar eine Meditation über Glück und Unglück in Zeiten der gefühlten Apokalypse. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MR. CORMAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Joseph Gordon-Levitt · Aurora Guerrero
Buch
Roja Gashtili · Joseph Gordon-Levitt · Rosa Handelman · Bruce Eric Kaplan · Julia Lerman
Kamera
Jaron Presant
Musik
Nathan Johnson
Schnitt
Sharidan Williams-Sotelo · Jonathan Woodford-Robinson
Darsteller
Joseph Gordon-Levitt (Josh Corman) · Arturo Castro (Victor) · Jordan Galindo (Ramon) · Aracely Padilla (Mandy) · Debra Winger (Ruth Corman)
Länge
(zwölf Episoden) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie | Serie

Aufwändige Serie um einen kalifornischen Lehrer Mitte Dreißig, der sich vom Leben enttäuscht fühlt, weil seine großen Träume gescheitert sind. Als dann auch noch die Corona-Pandemie ausbricht, flieht er zurück in sein Elternhaus und verkriecht sich in seinem Kinderzimmer, muss sich dann aber doch neuen Erfahrungen öffnen.

Diskussion

Der begabte Josh Corman hatte einst große Pläne. Mit seiner Indie-Band wollte er den Durchbruch schaffen. Doch wie bei so vielen talentierten Musikern blieb ihm der Auftritt auf den großen US-Bühnen verwehrt. Es hätte aber auch schlimmer laufen können. Denn Josh ist keine gescheiterte Existenz, der seine Tage mit Computerspielen auf der Couch verbringen würde. Aus ihm wurde auch kein dauerkiffender Bruchpilot des Alltags. Er lebt viel mehr stocknüchtern als Lehrer und unterrichtet die fünfte Klasse einer Grundschule in Los Angeles. Seinen Job verrichtet er mit Hingabe; der Umgang mit den Kindern liegt dem melancholisch dreinblickenden Thirtysomething.

So richtig im Leben ist der von Joseph Gordon-Levitt gespielte Mann jedoch noch nicht angekommen. Selbst in entspannten Momenten sucht Josh die Horrorvision eines auf die Erde zurasenden Meteoriten heim. Außerdem plagt ihn eine ausgeprägte Hypochondrie.

Es wirkt ein wenig traumwandlerisch, wie sich Josh durch seinen Alltag wurstelt. Ein Tag gleicht dabei dem anderen. Gemeinsam mit seinem Freund Victor (Arturo Castro), der als Fahrer für UPS jobbt, lebt er in einem nur äußerst funktionell ausgestatteten Junggesellen-Apartment, in dem die beiden sich gerne von ihrem Alltag erzählen. Victor, der geschieden ist und sein Leben um das seiner Teenagertochter herum organisiert, hätte zwar weitaus mehr Gründe, über sein Dasein zu klagen, doch Josh ist ein Meister in dieser Disziplin, er scheint das Leiden geradezu erfunden zu haben. Vor allem seine auf Dauer gestellte Singleexistenz macht ihm zu schaffen. Seit seine Freundin (Juno Temple), die auch die Sängerin der gemeinsamen Band war, ihn verlassen hat, läuft gar nichts mehr bei Josh. Was auch daran liegen mag, dass er kein allzu hohes Bild von den Frauen zu haben scheint, die er so kennenlernt. Keine ist ihm tiefsinnig genug. Oder es passt aus anderen unerfindlichen Gründen nicht. Es stellt sich zunehmend die Frage, was er im Leben wirklich möchte.

Männlich, weiß & heterosexuell

Ein Blick auf die gegenwärtigen erzählerischen Trends lässt einen allzu schnell zu dem Schluss gelangen, dass es sich bei einer Figur wie Josh um ein erzählerisches Auslaufmodell handelt – männlich, weiß, heterosexuell. Zugegebenermaßen möchte man diesen übersensiblen Schluffi gelegentlich packen, kräftig durchschütteln und in US-Army-Manier anherrschen, wenn er alle Übel der Welt wieder exklusiv gegen sich gerichtet wähnt.

Eines dieser Übel ist die gerade aufkommende Corona-Pandemie. Die Serie nimmt sich damit des Pandemie-Themas an. Für den Krankheits-Phobiker und seine ohnehin ausgeprägte Katastrophenstimmung bedeutet Covid ein Worst-Case-Szenario. Nicht nur, dass er den Schulunterricht fortan von zu Hause am Laptop bewältigen muss; Joshs gesamtes Sozialleben dampft auf die Ausmaße der vier Wände seines ehemaligen Kinderzimmers zusammen. Denn das Zusammenleben mit Victor ist für ihn nicht länger zuträglich, schließlich hat der Paketlieferant doch ständig Kontakt mit einer vor Krankheitserregern nur so wimmelnden Außenwelt. Josh zieht wieder zu Hause ein und gibt sich einem Regress nahe der Lebensuntauglichkeit hin. Selbst seiner Mutter – gespielt in einer köstlich pragmatischen Weltzugewandtheit von Debra Winger – ist es irgendwann genug. Sie wollte mit ihrem neuen Lebenspartner das entspannte Glück ihrer späteren Jahre genießen, als ihr Sohn mit seiner Gewitterstimmung den Alltag der beiden verdunkelt hat.

Ein neuer Blick aus Leben

Es liegt an dem Geschick von Joseph Gordon-Levitt als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller, dass die Serie „Mr. Corman“ nicht zur reinen Ego-Nummer eines männlichen Leidensmannes verkommt. Dafür ist die Handlung zu reflexiv angelegt. Denn auf Dauer bemerkt sogar Josh, dass seine Sichtweise auf die Welt bisweilen recht voreingenommen ist. Irgendwann realisiert er wieder, was es bedeutet, andere Menschen für voll zu nehmen und sich von ihnen eine andere Perspektive auf die Welt zeigen zu lassen. Mitunter auch einen Ausweg aus seiner grüblerischen Haltung.

Als er wieder bei seinem Kumpel Victor einzieht, scheint er zum ersten Mal wirklich wahrzunehmen, welche Mühsal auf Victors Leben lastet, insbesondere als einem Angehörigen der US-Latino-Minderheit. Gordon-Levitt erzählt aber auch von den Zumutungen der modernen Arbeitswelt, die selbst das Wohlergehen der Mittelschicht zusehends untergraben. In Zeiten von Corona hat sich dies zugespitzt. Josh und Victor können sich mit ihren Jobs als Lehrer und Paketfahrer keine eigene Wohnung leisten, geschweige denn eine Familie ernähren. Bei solchen ökonomischen Aussichten wird ein solidarisches Miteinander fast schon obligatorisch. Zumal die allgemeine Lage nicht allzu viel Hoffnung auf baldige Besserung macht.

Glück & Unglück in Zeiten von Corona

Die Serie „Mr. Corman“ ist keineswegs frei von Makeln. Besonders die surrealen Szenen um Joshs sprühende Fantasie, die er auf die Wirklichkeit projiziert, gestalten sich bildästhetisch im Vergleich zum realistisch inszenierten Rest recht holprig. Außerdem schleichen sich in den mittleren Episoden dramaturgische Durchhänger ein. Die erzählerische Stärke von „Mr. Corman“ schlägt immer dann durch, wenn aus der anfänglichen Egozentriertheit des Protagonisten das zarte Versprechen auf ein Wir aufscheint. In diesen Momenten erscheint die Dramödie fast eine Meditation über Glück und Unglück in Zeiten der gefühlten Apokalypse zu sein.

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