Smoking / No Smoking

Komödie | Frankreich 1993 | 145/147 Minuten

Regie: Alain Resnais

Die zweiteilige Verfilmung von insgesamt sechs zusammenhängenden Theaterstücken über eine Reihe von Bewohnern einer englischen Kleinstadt, ihre Sorgen und Lebensträume. Aus einer der beiden Filmen vorangestellten Ausgangssituation entwickeln sich nach dem Prinzip "entweder/oder" je nach den Entscheidungen der Figuren insgesamt zwölf verschiedene Schlüsse. In der Gesamtschau zeugen die Filme vom oft vergeblichen Streben nach Glück, vom Gefangensein in Rollen und Zwängen, aber auch von den Chancen zum Ausbruch. Der Zufall und die spontane Entscheidung werden zu Grundprinzipien eines filmischen Spiels, das seine Künstlichkeit nicht verleugnet und immer neue Perspektiven auf die Figuren anbietet. Hervorragend gespielt von den beiden Darstellern in insgesamt neun Rollen. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
SMOKING | NO SMOKING
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1993
Produktionsfirma
Arena/Caméra One/France 2 Cinéma
Regie
Alain Resnais
Buch
Jean-Pierre Bacri · Agnès Jaoui
Kamera
Renato Berta
Musik
John Pattison
Schnitt
Albert Jurgenson
Darsteller
Sabine Azéma (Celia/Rowena/Sylvie/Irene/Josephine) · Pierre Arditi (Toby/Miles/Lionel/Joe)
Länge
145
147 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Komödie | Drama | Literaturverfilmung
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Diskussion
Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Im Anhang zu Alan Ayckbourns"Intimate Exchanges" findet der Leser exakte Zeichnungen sämtlicher Bühnendekorationen, ausführliche Listen für Beleuchtung, Requisiten und Effekte. Selbst die Marke der verlockenden Zigarette, mit der das komplexe Geschehen in Gang kommt, wird nicht vergessen. Und schließlich die Mahnung an alle, die sich mit dem Gedanken an eine Inszenierung tragen: Sollten "aus irgendeinem unvermeidlichen Grund" nur eines oder mehrere der insgesamt acht Stücke zur Aufführung kommen und/oder mehr als die vorgesehenen zwei Schauspieler auftreten, müsse das Publikum über die ursprünglichen Absichten des Autors aufgeklärt werden - "to let people know what they've missed".

Was das Publikum in Alain Resnais' zweiteiliger Kinoadaption der"Intimate Exchanges"verpaßt, sind zwei der acht Stücke und somit vier der insgesamt 16 möglichen Schlüsse, die Ayckbourn in ständiger Verästelung der Ausgangssituation - soll Celia Teasdale schon am Nachmittag die erste Zigarette rauchen? - entwickelt. In "No Smoking" verzichtet Resnais auf die Ereignisse am Rande eines Cricket-Matches (für Nicht-Engländer ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln), in "Smoking" auf Ackbourns schwächste Episode bei den Theaterproben zu einer Laienaufführung. Auch wenn mit diesen Kürzungen die strenge Symmetrie der Vorlage durchbrochen ist, bleibt Resnais' beinahe fünfstündiges Doppelprogramm eine Provokation im Kinoalltag: zwei in sich geschlossene Filme voller Querverweise, die in beliebiger Reihenfolge entdeckt werden wollen. Ein gemeinsamer Anfang, aber ein Dutzend Schlüsse, gleich einem Bausatz, aus dem sich der Zuschauer den ganz eigenen Film basteln kann, wobei die tragenden Teile selbst - die sechs Hauptfiguren - immer neue Facetten und neues Gewicht im Gesamtgebäude bekommen. Um das alles und nichts bezeichnende Modewort "interaktiv" zu vermeiden, kann man mit Resnais schlicht vom "Spiel" sprechen, das dem Publikum angeboten wird.

In einer englischen Kleinstadt. Celia Teasdale greift zur Zigarette und steht fünf Sekunden später dem Handwerker Lionel Hepplewick gegenüber. Oder: Sie widersteht der Versuchung, gehl in den Garten und trifft auf Miles Coombes, weil sie Lionels Klingeln überhört hat. Im ersten Fall hat sich Lionel fünf Tage später in Celia. die Ehefrau des Schuldirektors verliebt, die so offensichtlich unter dem Alkoholismus ihres Mannes Toby leidet. Lionels Träume von der Eröffnung einer Bäckerei stecken Celia an, die sich daraufhin eine "Auszeit" von der Familie nimmt und fünf Wochen später die Premiere ihres Party-Service an der Seite Lionels erlebt. Oder: Sie versöhnt sich mit Toby und verbringt fünf Wochen später mit ihm den langersehnten gemeinsamen Urlaub.

Der Party-Service endet im Chaos und mit Celias Nervenzusammenbruch. Toby kommt ihr zur Hilfe - fünf Jahre später, bei der Beerdigung von Lionels Vater ist Celia ein nervliches Wrack, Toby "trocken" und Lionel ein erfolgreicher Geschäftsmann. Oder: Lionel kommt Celia zur Hilfe - bei der Beerdigung fünf Jahre später ist er ihr Chauffeur,der verlassene Toby wikt zynischer und verbitterter denn je. Soweit "Sturm in einem Zelt", das erste der drei in "Smoking" verarbeiteten Stücke.

Dreht sich hier alles um das Dreieck Toby-Celia-Lionel, so kommen nach und nach die anderen Hauptfiguren ins Blickfeld. Zunächst Sylvie, Hausmädchen bei den Teasdales und verliebt in den Möchtegern-Lebemann Lionel. Mit ihrer Entscheidung, bei Toby Literaturstunden zu nehmen, gerät Sylvies vorprogrammierter Weg als Mutter und Hausfrau ins Wanken. (In einer der im Film fehlenden Episoden brennt sie schließlich gar mit Toby nach London durch.)

Schließlich Miles Coombes, Tobys bester Freund und "Schutzengel" im Schulkollegium. Miles leidet unter den ständigen Affären seiner Frau Rowena, ohne die Kraft zum Widerspruch oder zur Trennung aufzubringen. Seine Liebe zu Celia ("Smoking"), seine Affäre mit Sylvie ("No Smoking") bleiben zögerliche Versuche, von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen überschattet. Und selbst Rowena, in "Smoking" nur als Klatschobjekt präsent und scheinbar aufs Flittchen-Klischee festgelegt, läßt plötzlich eine tiefgehende Angst vor dem "ungelebten Leben" erkennen, die ihr Handeln in differenzierteres Licht rückt. Buchstäblich von der ersten bis zur letzten Minute ist der Zuschauer "mittendrin" in Ayckbourns und Resnais' eigentlichem Thema: Jede Entscheidung, die eine der Personen trifft, bedeutet Abschied von Möglichkeiten und Hoffnungen; nur wenige dieser Entscheidungen erfüllen die Erwartungen, die ursprünglich mit ihnen verknüpft waren. Meist bleibt ein bitter-melancholischer Beigeschmack des Verlustes, auch wenn am Ende jede der Figuren wenigstens einmal aus der eigenen Haut ausbrechen, privaten oder beruflichen Triumph genießen und ihre ganz persönliche "Vision des Photoroman-Glücks" (Resnais) leben darf. Alles bleibt dem Zufall überlassen, den kleinen und großen, eigenen und fremden Entscheidungen, deren Tragweite in fünf Sekunden, fünf Tagen, Wochen oder Jahren offenbar werden können. Dieses zeitliche Gerüst ist allen Verästelungen der Handlung gemeinsam, wie auch der Ort, an dem schließlich vorläufige Bilanz gezogen wird: der Friedhof des Städtchens, in dessen Kirche man sich zu traurigen oder freudigen Anlässen versammelt. Getreu dem Charakter einer Versuchsanordnung, der sich ohnehin als roter Faden durch sein Gesamtwerk zieht, läßt Resnais schon in den Dekorationen keinen Zweifel an gewollter Künstlichkeit zu. Zwar fährt in der Ferne schon mal ein Zug durch die "Landschaft", zwar untergräbt die Beweglichkeit der Kamera die Assoziation an starre Theater-Räume. Dennoch gibt sich das gewollte Arrangement stets als solches zu erkennen und garantiert so die notwendige Distanz zum Zuschauer als selbständigem "Mitspieler".

Ein fortwährendes Testen verschiedener Möglichkeiten vollzieht sich schließlich auch auf der stilistischen Ebene. Resnais und seine beiden grandiosen Darsteller springen vom Boulevard-Theater übers Melodram zur Farce, von ausgelassenem Spott zur Sentimentalität, die wiederum von John Pattisons Musik ins Absurde übersteigert wird. Sabine Azéma und Pierre Arditi, die für ihre Rollenwechsel mit minimalen Requisiten auskommen, "überspielen" ihre Figuren gerade in dem Maße, daß die Momente emotionaler Tiefe um so überraschender berühren. Am provozierendsten wohl in Celia Teasdales nervlichem Zusammenbruch, der eine merkwürdige Mischung von Abwehr und peinlich berührtem Mitgefühl (für die Figur, für die Schauspielerin?) auslöst. Der Wechsel auch zwischen diesen emotionalen Extremen und Passagen des scheinbaren Leerlaufs, zwischen plausiblen und eher fantastischen Wendungen funktioniert, er hält den Zuschauer "in Bewegung" ermöglicht immer neue Blickwinkel] und Identifizierungen. Für Ayckbourn und Resnais ist das Leben alles andere als ein langer, ruhiger Fluß. Seine Kontinuität liegt im Zufall und der Ungewißheit, sein Grundtöne sind Melancholie und die Utopie eines Glücks, "von dem man glaubt, daß man es hätte erreichen können, hätte man sich nur genug Mühe gegeben, aber von dem man nicht akzeptiert, daß es der bloßen Vorstellung entspringt" (Resnais).
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