Drama | USA 2019 | 99 Minuten

Regie: Christoph Waltz

Auf realen Vorbildern beruhendes Drama über einen exzentrischen Hochstapler, der als angeblicher Diplomat eine ältere Dame heiratet und so Einlass in die High Society von Washington D.C. findet. Als die Frau nach einem Galadinner im gemeinsamen Haus ermordet aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf den Ehemann und wird vor allem von der Tochter der Toten forciert. Das routiniert und unterhaltsam inszenierte Porträt eines Außenseiters zeichnet über zahlreiche Rückblicke die Begegnung der Hauptfiguren bis zum gewaltsamen Ende der Frau nach, wobei weniger die zahlreichen Wendungen als die herausragenden Darsteller überzeugen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
GEORGETOWN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Christoph Waltz
Buch
David Auburn
Kamera
Henry Braham
Musik
Lorne Balfe
Schnitt
Brett M. Reed
Darsteller
Christoph Waltz (Ulrich Mott) · Vanessa Redgrave (Elsa Breht) · Annette Bening (Amanda Breht) · Corey Hawkins (Daniel Volker) · Laura de Carteret (Eleanor Price)
Länge
99 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Krimi | Tragikomödie

Ein exzentrischer Hochstapler findet durch die Heirat mit einer älteren Journalistin Eingang in die High Society von Washington D.C., doch dann wird seine Frau ermordet.

Diskussion

Nach allem, was man über Ulrich Mott so hört, muss er ein überragender Ränkeschmied sein. Er hat eine Wanze in Madeleine Albrights Badezimmer installiert. Hat eine US-Geisel aus dem Iran freibekommen. Und mit dem irakischen Schiitenführer Muqtada Al-Sadr, den er vertraulich Mucki nennt, persönlich verhandelt. Dies alles verrät er der vor Bewunderung strahlenden Gästeschar beim Galaessen. Er hat es ganz allein vorbereitet, alles selbst gekocht. Das Haus, in dem es stattfindet, gehört seiner Gattin, der vierzig Jahre älteren Journalistin Elsa Breht. Die Inszenierung ist perfekt: Mott prahlt von seinen diplomatischen Heldentaten im Nahen Osten, die er als CEO der von ihm gegründeten Nichtregierungsorganisation Eminent Persons Group (EPG) vollbracht haben will. Einzig Elsas Tochter Amanda traut der Stimmung nicht. Wenige Stunden später wird Elsa Breht ermordet aufgefunden. Rasch fällt der Verdacht auf ihren Ehemann.

Im Drama „Georgetown“ ist Christoph Waltz Hauptdarsteller und Regisseur zugleich. Seine Figur, ein charismatischer Emporkömmling, passt unheimlich gut zu Waltz’ Persona aus früheren Filmen, die immer etwas Hochmütiges hatte, insbesondere zu seinen beiden „Oscar“-prämierten Rollen als SS-Mann in Inglourious Basterds und als Kopfgeldjäger in Django Unchained. Titelgebender Schauplatz des Dramas ist Washingtons Nobelvorort Georgetown – dort, wo sich Diplomaten und Regierungsberater gute Nacht sagen. Nachdem die Nachricht des gewaltsamen Todes platziert ist, führt der Film rückblickend über mehrere Episoden hin zur eigentlichen Tat.

Die Journalistin und der Narziss

Vanessa Redgrave spielt Elsa Breht als stolze, aufrechte alte Dame mit journalistischen Meriten, die von Mott gleichwohl eingewickelt wird. Das Verhältnis zwischen Elsa und Ulrich erschöpft sich aber nicht in Ausbeutung. Elsa genießt es, als Förderin ihres „Motty“ noch in hohen Jahren vermeintlich Einfluss auf die geheimnisvollen Charaden der großen Diplomatie nehmen zu können.

Das souveräne Drehbuch stammt von David Auburn, der für sein Theaterstück „Proof“ einst einen „Pulitzer-Preis“ gewann. Ob die einzelnen Wendungen nun sonderlich überraschend sind, mag jeder für sich entscheiden. „Georgetown“ gelingt es jedoch geschickt, die Persönlichkeit des narzisstischen Mott anhand seiner Marotten herauszuarbeiten: Er geht am liebsten in einer irakischen Uniform mit Ehrenabzeichen spazieren oder stellt selbst banalen Klatsch als Staatsgeheimnis von höchster Vertraulichkeit dar.

Neben Vanessa Redgrave bleibt auch Annette Bening als Brehts Tochter Amanda in Erinnerung. Eine Verfassungsrechtlerin aus Harvard, die mit ansehen muss, wie das Leben ihrer Mutter immer mehr vom neuen Gatten dominiert und in Beschlag genommen wird. Amanda macht aus ihrer Missbilligung der Zweckbeziehung nie einen Hehl. Dennoch kann sie den beiden nur machtlos von außen zuschauen.

Ein bekannter Fall, frei nacherzählt

„Georgetown“ basiert auf realen Vorbildern: der Beziehung des Deutschen Albrecht Gero Muth zur deutschstämmigen Viola Drath. Der Film nimmt sich aber diverse Freiheiten. Die Beziehung Muths zu Drath begann bereits, als er noch ein ganz junger Mann war – Redgraves Breht lernt Waltz erst als fünfzigjährigen Praktikanten kennen.

Auf YouTube sind zahlreiche Fernsehberichte über den Fall zu finden. Waltz und Auburn griffen wohl vor allem auf die preisgekrönte Reportage „The Worst Marriage in Georgetown“ von Franklin Foer zurück, die 2012 im „New York Times Magazine“ erschien. Angesichts der Popularität des „True Crime“-Genres wundert es fast, dass es anscheinend noch keine Doku-Serie über den Fall Muth/Drath gibt.

Mott, das wird schnell klar, ist ein Meister der Selbstdarstellung. Man ist sich nie sicher, wie viel bei einem seiner Vorträge ins Reich der Fabel gehört. Er ist ein begnadeter Aufschneider, und das verbindet Waltz’ Figur und sein historisches Vorbild mit Hochstaplern wie dem „falschen Rockefeller“ Christian Gerhartsreiter. Das Selbstbewusstsein, über das diese Menschen verfügen, scheint ebenso grenzenlos zu sein wie ihre Unberechenbarkeit. Ein dankbarer Stoff für einen Spielfilm also, den Regisseur Waltz und sein Team so routiniert wie unterhaltsam zu inszenieren verstehen.

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