Kosmetik des Bösen

Drama | Spanien/Deutschland/Frankreich 2020 | 90 Minuten

Regie: Kike Maíllo

Ein Star-Architekt hat sich nach einer Sinneskrise auf soziales Bauen verlegt. Eines Tages drängt sich ihm bei einer Taxifahrt zum Flughafen eine junge Frau auf, die er nicht mehr loswird: In Form von drei Geschichten konfrontiert sie ihn schonungslos mit seinen Abgründen. Die Literaturverfilmung versucht im Fahrwasser altgedienter Psychothriller physische und ethische Fragen auszuloten. Das textlastige, um vorhersehbare und absurde Wendungen unbekümmerte Drehbuch verzichtet aber auf wirkliche Überraschungen und zeitgemäße Ebenen, sodass der Film trotz einiger Schauwerte vorhersehbar und banal bleibt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A PERFECT ENEMY
Produktionsland
Spanien/Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Kike Maíllo
Buch
Cristina Clemente · Kike Maíllo · Fernando Navarro
Kamera
Rita Noriega
Musik
Alex Baranowski
Schnitt
Martí Roca
Darsteller
Tomasz Kot (Jeremiasz Angust) · Athena Strates (Texel Textor) · Dominique Pinon (Jean Rosen) · Marta Nieto (Isabelle) · Freyja Simpson (Feline)
Länge
90 Minuten
Kinostart
04.11.2021
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller

Ein Psychothriller nach einer Romanvorlage von Amélie Nothomb, in dem eine Unbekannte einen Star-Architekten mit dessen Abgründen konfrontiert.

Diskussion

Das Nichtüberraschende trägt dieser Film schon in seinem Titel „Kosmetik des Bösen“: Wer glaubt, „das Böse“ sei stets erkennbar hässlich, irgendwie dunkel und rieche widerwärtig, hat die letzten paar hundert Jahre Kulturgeschichte verschlafen. In Kirchen zeigt „Frau Welt“ seit jeher ihre verführerische Vorder- und ihre an die Auslagen eines Barf-Ladens erinnernde Hinterseite, auf dass wir klüger werden: All das Zurechtmachen hilft ja nichts, gerade hinter dem scheinbar Perfekten schlummert das Verdrängte, stinkt es zum Himmel, lauert der Tod.

Das gilt erst recht für die glatten Oberflächen jener phallisch-glatten Investoren-Architektur der letzten Jahrtausendwende, als die Umverteilung von Kapital von unten nach oben zügig an Fahrt aufnahm. Damals erschien auch die literarische Vorlage von Kike Maíllos Film, der aus einem einzigen Dialog bestehende Roman „Kosmetik des Bösen“ der belgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb. Die für ungewöhnliche und abgründige Perspektiven berühmte Autorin führt darin vor, wie ein Geschäftsreisender von einem aufdringlichen Mann mit irritierenden Geschichten aus dessen Leben belästigt wird. Es geht um eine Vergewaltigung, um Mord und das Dunkle im eigenen Inneren.

Aus dem Geschäftsmann ist ein Star-Architekt geworden

Als Repräsentanten eines seine eigene Grandiosität feiernden Baustils, der mit ein paar Wohltätigkeits-Feigenblättern seine Menschenverachtung als globale Verantwortung maskiert, führt der spanische Regisseur Maíllo den Protagonisten Jeremiasz Angust (Tomasz Kot) nicht als Geschäftsmann ein, wie im Buch, sondern als gefeierten Star-Architekten. Das soll, wie später im Film dann sogar noch explizit gesagt wird, ein wenig platt die Ähnlichkeit zwischen erzählendem und baulichem Konstruieren unterstreichen. Wir sehen also Angust in Paris bei einem gefälligen Vortrag, er zitiert sogar Antoine de Saint-Exupéry, erwähnt eine vor zwanzig Jahren durchlebte Lebenskrise und seinen Sinneswandel hin zu mehr sozialem Bauen.

Wie schon oft in Midlife-Crisis-Verfilmungen gesehen, drängt sich ihm auf der Taxifahrt zurück zum Flughafen eine derangierte junge Frau als Mitfahrerin auf. Sie stellt sich mit dem beziehungsreichen Namen Texel Textor vor (Athena Strates). Ahnte man es durch die Kenntnis des Buches nicht anders, könnte diese Begegnung ihn endlich aus seiner Trauer und seinem Perfektions-Thema befreien. Seit zwanzig Jahren nämlich ist Angusts Frau verschwunden, den Ehering trägt er immer noch, offenbar – hallo, Küchenpsychologie! – hat er ein Problem, loszulassen. Da kommt die junge Frau mit ihren rauen Manieren und ihrem chaotischen Quasselwesen doch gerade recht.

Drei Geschichten, die er nicht hören will

Textlastigkeit ist also Programm. Texel scheint zutiefst mit Angust (was wie „Angst“ klingt) und seinem Innersten verbunden und erzählt ihm in gewisser Weise von dort aus drei Geschichten, die er nicht hören will: eine „eklige“, eine „gruselige“ und eine von der „Liebe“. Sie agiert dabei so enervierend, dass man fast Mitleid mit dem müden, hölzernen und bedrängten armen Mann bekommt, der seinen Flug verpasst und im Limbus seines eigenen Bauwerks – er hat den Flughafen vor zwanzig Jahren einst miterbaut, ein „Frühwerk“ – hängenbleibt.

Schon in Eva (2011) mit Daniel Brühl als KI-Bastler ging es Maíllo um Perfektion, in jenem Fall um das vollkommene Roboter-Mädchen. Doch es scheint, als erkenne er das Risiko nicht, das er eingeht, wenn er Saint-Exupérys Zitat seinem Film wie ein Motto einschreibt: „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn nichts mehr hinzuzufügen ist, sondern wenn nichts mehr da ist, was man wegzulassen vermag.“ Denn wegzulassen wäre hier so einiges, angefangen bei der konventionellen, fast schon selbstparodistischen Horror-Musikbeschallung bis hin zu sehr ernst gemeinten, aber niedlichen Shining-Referenzen im Zwergenformat: Das Modell des von Angust miterbauten Flughafens zeigt zunächst rote Flecken und wird irgendwann von flüssigem Beton geflutet.

Erhöhte Schlagzahl potenzieller Gewalt gegen Frauen

Der größte Eingriff, den der Regisseur sich gegenüber der Vorlage herausnimmt, ist der Austausch des männlichen Antagonisten gegen eine weibliche Figur. Das eröffnet einerseits zusätzliche psychologische Plot-Twists, von denen freilich manche hätten weggelassen werden können, weil sie allzu vorhersehbar sind, andererseits erhöht Maíllo damit die Schlagzahl potenziell zu zeigender Gewalt an Frauen, und sei es nur in der Fantasie des Protagonisten. Dem Thema wiederum hat er nichts hinzuzufügen, als hätte es in den letzten Jahren keine brillanten Analysen männlich-gewalttätigen, sich an Häusern und Frauen perfektionsbesessen abarbeitenden Verhaltens gegeben, wie etwa Sean Durkins The Nest - Alles zu haben ist nie genug (2020) oder Lars von Triers The House That Jack Built (2018).

Mit „Kosmetik des Bösen“, sagt Maíllo, habe er über die Monster sprechen wollen, „die wir im Schrank verstecken; von den Sünden, die wir vor anderen und vor uns selbst verbergen wollen; von den Fehlern, die wir unter den Teppich kehren, in der Hoffnung, dass niemand, niemals, sie entdecken wird“. Sünden wie Katzenfutter-Fressanfälle, Neid, eine ermordete Frau, was man eben so macht. Etwas Ältliches, Anachronistisches haftet all den von Texel und auch Angust erzählten Banalitäten und Ungeheuerlichkeiten an. Dazu passt, dass der Verleih noch ernsthaft vom „Fräuleinwunder“ Amélie Nothomb spricht (Jahrgang 1966, mehr als 30 Romane). Dass das Konzept der kaputtgemachten, aber ästhetisch überhöhten „Frau Welt“ bei manchen auch noch im 21. Jahrhundert misogyne Züge tragen muss – wen wundert’s. 

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