Abenteuer | Großbritannien/USA 2021 | 300 (fünf Folgen) Minuten

Regie: Andrew Haigh

Im Jahr 1859 bricht ein junger Arzt, der nach einer destaströs endenden Mission in Indien unehrenhaft aus der britischen Armee entlassen wurde, vom nordenglischen Hull mit einem Walfang-Schiff in die Arktis auf. Eine Reise, die sich als tödliches Abenteuer entpuppt, weil unter der Mannschaft ein brutaler Mörder ist und weil der Schiffseigner heimlich ganz andere Pläne verfolgt, als reichlich Robbenfelle und Walfett zu erbeuten. Die u.a. an Schauplätzen in der Arktis gedrehte Miniserie macht aus dem Stoff, einer grimmigen Aktualisierung von Themen aus Herman Melvilles „Moby Dick“, taucht sensuell und detailliert in das historische Sujet ein und verbindet ihre Abenteuergeschichte mit Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur und Wildnis und Zivilisation. Eine sogartige Reise in eine existenzielle Kälte. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE NORTH WATER
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Andrew Haigh
Buch
Andrew Haigh
Kamera
Nicolas Bolduc
Musik
Tim Hecker
Schnitt
Jonathan Alberts · Matthew Hannam
Darsteller
Colin Farrell (Henry Drax) · Jack O'Connell (Patrick Sumner) · Gary Lamont (Webster) · Stephen Graham (Kapitän Brownlee) · Peter Mullan (Priester)
Länge
300 (fünf Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Abenteuer | Drama | Serie

Historische Miniserie über die Besatzung eines Walfangschiffs, das 1859 vom britischen Hull in die Arktis aufbricht und sich dabei nicht nur einer lebensfeindlichen Natur erwehren muss.

Diskussion

„Homo homini lupus“: An diese bittere Sentenz, die ihm einmal ein Offizier in Indien zuflüsterte, erinnert sich der Schiffsarzt Patrick Sumner (Jack O'Connell) während einer Walfang-Expedition im Jahr 1859, die mehr und mehr zum Albtraum wird. An Bord der „Volunteer“, die unter dem Kommando von Captain Brownlee (Stephen Graham) vom nordenglischen Hull Richtung Norden aufgebrochen ist, begegnet der junge Mediziner einem wahren Raubtier in Menschengestalt: Der Harpunier Henry Drax (Colin Farrell) ist nicht nur skrupellos, wenn es ums Abschlachten von Robben und Walen geht, sondern mit derselben routinierten Empathielosigkeit tötet er auch seine Mitmenschen.

Die aus fünf Episoden bestehende Miniserie, mit der Regisseur und Autor Andrew Haigh den gleichnamigen Roman von Ian McGuire adaptiert, erzählt von den Abenteuern dieser beiden Männer, von ihrer gegenseitigen Konfrontation und der mit der lebensfeindlichen Natur. Beide sind Antipoden - und doch auch „the same“, wie Drax Sumner beim finalen Showdown vorhalten wird.

Zwei Outcasts des britischen Empire

Schon zu Beginn, wenn die beiden Figuren parallel eingeführt werden, springen Ähnlichkeiten ins Auge. In Englands bürgerlicher Gesellschaft ist weder für Sumner noch für Drax Platz; das macht schon die suggestive Bildsprache von Kameramann Nicolas Bolduc deutlich, die die Figuren zwischen Kopfsteinpflaster und düsteren Backsteinmauern förmlich eingeklemmt – die engen Gassen der Stadt, gefilmt aus niedrigen Perspektiven, und schummrige Kneipeninnenräume sind alles, was man vom Herzland des britischen Empire zu sehen bekommt.

Sumner ist unter hässlichen Umständen, über die man im Lauf der Serie in Rückblenden mehr erfährt, nach einer desaströsen Mission in Indien unehrenhaft aus der Armee entlassen worden. Er hat eine Laudanum-Sucht mit nach England gebracht und keine Chance mehr, eine respektable Anstellung als Arzt zu erhalten. Henry Drax kommt ebenfalls nicht ohne Rauschmittel über die Runden – bei ihm ist es der Alkohol. Und er würde angesichts der kriminellen Energie, die er entwickelt, wenn das Geld für Rum oder Prostituierte knapp wird, wahrscheinlich früher oder später am Galgen landen, wenn seine Arbeit als Harpunier nicht dafür sorgen würde, dass er schnell genug auf See verschwindet, um der Strafverfolgung zu entgehen. Für den Dienst auf dem Walfangschiff, der beide aus der Zivilisation in die eisige Wildnis führt, sind er und Sumner gerade noch gut genug.

Raubtiertückisch & raubtiergierig

Drax ist dabei ganz in seinem Element; er hat die Wildnis gewissermaßen internalisiert. Colin Farrell spielt ihn zottlig-ungehobelt, raubtiertückisch und raubtiergierig. Sumner dagegen quält sich mit seinem unfreiwilligen Exil innerlich ab; er versucht einerseits, sich dem rauen Ton an Bord anzupassen und unter den Waljägern, die ihrem in zwei Szenen detailliert gezeigten blutigen Handwerk nachgehen, nicht als intellektueller Weichling dazustehen. Andererseits kämpft er aber auch darum, seine zivilisatorische Fassung zu wahren; abends liest er Homer und philosophiert in seinem Tagebuch über seine Situation.

Schließlich kommt es zur Konfrontation mit Drax, dessen Bestialität Sumners Berufsethos und sein Gefühl für Gerechtigkeit herausfordert. Ein Schiffsjunge wird brutal vergewaltigt. Er sucht bei Sumner Hilfe, wird aber kurz darauf ermordet. Sumner will nicht hinnehmen, dass einem als „Sodomiten“ verrufenen Bordzimmermann die Schuld in die Schuhe geschoben wird, weil er ahnt, dass sich in Wahrheit Drax an dem Jungen vergriffen hat.

Doch „North Water“ ist keine Detektivgeschichte, in der eine Ermittlerfigur dem gewaltsame Chaos der Welt durch Recherche, Deduktion und der Überführung eines Schuldigen einen Zaum anlegen könnte. Die „Volunteer“ steuert auf ein Unglück zu, das noch viele weitere Menschenleben kostet – und Drax’ Skrupellosigkeit ist nicht der Hauptgrund dafür, seine Mordlust nicht die einzige Gefahr, der Sumner sich ausgesetzt sieht...

Eine grausige existenzielle Kälte

Die anfänglichen Szenen in Hull wurden in Budapest gedreht; die Umsetzung der Walfangjagd fand auf einem echten Segelschiff und an arktischen Schauplätzen rund um Spitzbergen statt. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Denn „North Water“ ist großes sensuelles Kino, eine sogartige Reise in eine grausige existenzielle Kälte. Dabei protzt die Bildsprache nicht platt mit spektakulären Eismeer-Panoramen, sondern orientiert sich am inneren Erleben der Figuren, primär dem von Sumner, was in einer ins Surreale driftenden, markerschütternden Jagd kulminiert, wenn der junge Arzt in der sich ins weiße Nichts auflösenden Schneewüste einem Eisbären begegnet, was für ihn zur transformativen Grenzerfahrung wird.

Eine Referenz für den Roman von Ian McGuire ist Herman Melvilles Klassiker „Moby Dick“ über den von wahnhafter Rachsucht und Hybris beseelten Kapitän Ahab, der so obsessiv einen weißen Wal jagt, dass er die materiellen Interessen der Schiffseigner und das Wohl der Mannschaft komplett aus dem Blick verliert und sich und (fast) alle anderen in den Untergang manövriert. Im Naturalismus und der Detailverliebtheit, mit der sich Vorlage wie Serie dem historischen Walfang-Sujet nähern, spiegelt sich deutlich Melvilles Einfluss, und auch in der Gestaltung der Figuren spürt man die Echos des Klassikers, angefangen bei Sumner als Pendant zu Melvilles Romanhelden Ismael über den gänzlich verwilderten Harpunier Drax als sinistrer Gegenfigur des „edlen Wilden“ Queequeg bis zu Nebengestalten wie einem „Propheten“ unter den Matrosen (Roland Møller) oder einem Pater (Peter Mullan), dem Sumner in der Arktis begegnet.

Das Geld tut, was es will

Interessant sind jedoch vor allem die Unterschiede gegenüber dem 1851 erschienenen Original. Während in „Moby Dick“ der Wahn einer einzigen Figur und die Naturgewalt in Gestalt des weißen Wals das Schiff zerstören, bedroht in „The North Water“ ein anderes Übel die Figuren, das gerade dabei ist, zur neuen „Naturgewalt“ zu werden: „Das Geld tut, was es will, egal was wir wollen“, sagt Mr. Baxter (Tom Courtenay), der Eigentümer der „Volunteer“, gleich in der ersten Folge zu Kapitän Brownlee: „Blockiere ihm einen Weg, und es gräbt sich einen neuen.“ Die goldenen Zeiten des Walfangs neigen sich um 1860 dem Ende zu; durch die Überfischung sind die Bestände der Meeressäuger ausgedünnt, und der einst so begehrte Tran als Brennstoff für Lampen wird allmählich vom billigeren Petroleum verdrängt. Auch wenn Brownlee und seine Crew reichlich Robbenfelle und Walfett erbeuten, wird die Gewinnspanne nicht sonderlich hoch ausfallen. Deswegen verfolgen Brownlee und sein Maat Cavendish (Sam Spruell) in Baxters Auftrag insgeheim noch ein ganz anderes Ziel: Sie sollen dafür sorgen, dass das Schiff sinkt, auf dass die Versicherung, die Baxter zuvor abgeschlossen hat, kräftig zahle.

Während die Männer an Deck noch spekulieren, ob Drax wohl der Teufel in Menschengestalt sei, ahnt man längst, dass der Teufel eher im frühkapitalistischen System steckt, dessen Sozialdarwinismus dem „survival of the fittest“ in der Wildnis an Gnadenlosigkeit in nichts nachsteht. Sumner, Drax und der Rest Mannschaft sind alle entbehrliches Material. Der Dualismus von Zivilisation und Wildnis mag als räumliche Kategorie zwar noch greifen, doch als moralische Größe ist er hinfällig geworden. Eine Rückkehr in eine Welt, in der der Mensch dem Menschen kein Wolf ist, kann es für Sumner nicht geben, selbst wenn er das Meer, die Arktis, den Eisbären und Drax überleben sollte.

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