Drama | USA 2022 | (1. Staffel: neun Folgen) Minuten

Regie: Michael Engler

Eine junge Frau verschlägt es nach dem Tod ihres Vaters in den 1880er-Jahren aus der Provinz in die hohen gesellschaftlichen Kreise der Metropole New York. Im Haus ihrer beiden Tanten herrscht das strikte Regiment einer angesehenen Grande Dame der Stadt. Doch die gesellschaftliche Struktur am Ende des 19. Jahrhunderts wandelt sich gerade fundamental: Der auf europäische Sitten fixierte Geldadel wird angefochten durch den Typus des Großindustriellen, das Bürgertum strebt auf, und die Emanzipation der schwarzen Bevölkerung schreitet voran. Eine gewitzte Historien-Dramaserie, mit der Serienschöpfer Julian Fellowes Prinzipien seiner britischen Erfolgsserie „Downton Abbey“ auf die USA überträgt. Selbstbewusst bedient sie sich der Stilmittel einer Seifenoper, wird durch spannungsvolle Figurenentwicklungen und eine interessante Auseinandersetzung mit dem Zeithintergrund aber nie banal. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE GILDED AGE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Michael Engler · Salli Richardson-Whitfield
Buch
Julian Fellowes
Kamera
Vanja Cernjul · Manuel Billeter
Musik
Harry Gregson-Wiliams · Rupert Gregson-Williams
Schnitt
William Henry · Malcolm Jamieson · Colleen Sharp
Darsteller
Louisa Jacobson (Marian Brook) · Cynthia Nixon (Ada Brook) · Christine Baranski (Agnes Van Rhijn) · Denée Benton (Peggy Scott) · Carrie Coon (Bertha Russell)
Länge
(1. Staffel: neun Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Serie

Julian Fellowes präsentiert mit „The Gilded Age“ einen ambitionierten Nachfolger seiner Serienschöpfung „Downton Abbey“, angesiedelt im New York der 1880er-Jahre.

Diskussion

Der Schauspieler, Roman- und Drehbuchautor Julian Fellowes ist eine wahre Kapazität, was die Kreation von seifenopernhaften Historiendramen angeht. Seine berühmteste Schöpfung ist zweifelsohne die britische Fernsehserie „Downton Abbey“. Detailverliebt und geprägt von historischer Akkuratesse handelt die Serie in langangelegten Erzählbögen vom Schicksal einer britischen Adelsfamilie und ihres Personals am Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dem Film „Downton Abbey: Eine neue Ära“ läuft bereits der bereits zweite Kinoableger rund um das altehrwürdige Schloss der Familie Grantham an. Währenddessen erfreuen sich die Episoden der 2010 bis 2015 gedrehten Serie nach wie vor größter Beliebtheit.

Ein weiterer neuer Wurf des Serienschöpfers kommt da gerade recht. „The Gilded Age“ heißt Julian Fellowes’ Nachfolger des Erfolgsmodells „Downton Abbey“. Mit dem berühmten Vorgänger hat die neue Show so einiges gemeinsam. Fellowes plante bereits 2018 eine „Downton-Fortsetzung“, aufgrund verschiedener Produktions- und schließlich auch Covid-Querelen verzögerte sich die Veröffentlichung seines Herzensprojekts aber bis heute.

Über den Clash alter und neuer Eliten an der Ostküste der USA

Der Handlungsort verlagert sich in „The Gilded Age“ von der Grafschaft Yorkshire an die Ostküste der Vereinigten Staaten, ins aufstrebende New York des Jahres 1882. Große gesellschaftliche Umbrüche vollziehen sich hier. Die Hegemonie des aus Europa eingewanderten Geldadels droht mit dem Auftreten eines neuen gesellschaftlichen Typus zu zerbrechen, dem des typischen amerikanischen Großindustriellen. Ein kultureller Clash par excellence. Alte gegen neue Welt.

Mit den Etiketten und Sitten der altehrwürdigen europäischen Tradition nimmt es die neue, aufstrebende Selfmade-Elite des Landes nicht ganz so genau. Durch und durch als Vertreterin der alten Ordnung und Tradition versteht sich dagegen die spitzzüngige Grande Dame Agnes van Rhijn (Christine Baranski). Sie ist als Herrin eines vornehmen Hauses an der Fifth Avenue eine der Hauptfiguren in Fellowes’ neuer Serie und obendrein ein wandelndes Lexikon an sozialen Distinktionsformen. Schon allein ihr ausgesprochen eloquentes Niedermachen der Mitwelt lohnt das Einschalten von „The Gilded Age“. Als sie vom Tod ihres verhassten Bruders hört, dem Ereignis, mit dem die Erzählung beginnt, ihren Lauf zu nehmen, bemerkt sie lakonisch: „Einen unbequemen Reisetag ist es nicht wert, um sicherzugehen, dass Henry tot ist.“ Ihrer bisweilen grausamen Grandezza ist seit neuestem auch ihre Nichte Marian (Louisa Jacobsen) ausgesetzt. Der jüngst Verstorbene ist ihr Vater; mittellos lässt er seine Tochter ohne Erbe zurück. Die junge Frau verschlägt es so aus der Provinz in Pennsylvania in die große Metropole am Hudson River, zu ihren einzigen verbliebenen Verwandten, den Tanten Agnes und Ada. Die von Cynthia Nixon gespielte Ada ist der liebenswürdige Widerpart zur Giftpfeile verschießenden Agnes.

Neben der Upperclass stehen die Angestellten im Fokus

Ada ist nicht die einzige Person, die Marian schnell beginnt, in ihr Herz zu schließen. Als Retterin in größter Not erweist sich die angehende Schriftstellerin Peggy Scott (Denée Benton): Sie hilft Marian mit dem Geld für ein Zugticket aus, da diese mit der Realität latent überfordert ist und ihr am Bahnhof just die Handtasche gestohlen wird. Durch die junge Schwarze lernt die wohlbehütete Marian auch das gesellschaftliche Übel des Rassismus kennen, der Peggy den Weg zu ihrem Traum stets zu versperren droht. Peggy findet zunächst Anstellung im Hause von Agnes, die sie zu ihrer Sekretärin macht. Die anderen Angestellten des Hauses, gelegen unmittelbar am Central Park, begegnen der jungen Frau mit Vorurteilen. Ein Lichtblick ist der auch in sonstiger Hinsicht köstlich agierende Butler Bannister (Simon Jones), er schützt Peggy von den Aversionen der Belegschaft.

Peggys Geschichte wird sich erst in späteren Episoden so richtig entfalten. Zunächst rückt ein Grundkonflikt als treibender Motor der Handlung in „The Gilded Age“ in den Vordergrund: das Auftauchen der neureichen Familie Russel. Der Tycoon George Russell hat seinen Reichtum mit dem Aufbau des Eisenbahnnetzes des Landes verdient, seine nicht minder machtbewusste Gattin Bertha (Carrie Coon) strebt nun nach Einfluss auf dem gesellschaftlichen Parkett der New Yorker High Society. So richtig aufnehmen in ihre Kreise wollen die auf ihre hochwohlgeborene Abstammung stolzen Mitglieder der Upperclass die beiden Emporkömmlinge aber nicht. Es folgt ein Ränkespiel mit teils unerhört bösartigen Methoden. So viel sei verraten: Das Naserümpfen wird der distinguierten Oberschicht bald vergehen. Denn es gilt wie so oft im Leben die Grundregel: Wer zahlt, schafft an.

Diesem Clash zwischen alter und neuer Welt beizuwohnen, erweist sich für geneigte Zuschauerinnen und Zuschauer als ein Hochgenuss. „The Gilded Age“ bedient zwar durch seine seifenopernartige Erzählform notgedrungen das eine oder andere erzählerische Klischee, so mancher gesellschaftliche Konflikt löst sich in dem Historiendrama auch allzu widerspruchslos auf, insgesamt gelingt Julian Fellowes mit seiner detailverliebten und vergnüglichen Serie jedoch ein mehr als würdiger Nachfolger seines großen Erfolges „Downton Abbey“.

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