Total Thrash - The Teutonic Story

Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 107 Minuten

Regie: Daniel Hofmann

Der unterhaltsame und mit viel Sachverstand gedrehte Dokumentarfilm erzählt von der Subkultur des „Thrash Metal“, einer besonders schnellen und harten Version des Heavy Metal. Der Musikstil breitete sich Anfang der 1980er-Jahre im Ruhrpott und schnell in der ganzen Bundesrepublik aus. Der Film erzählt vom Ausbrechen aus einem oft als trist empfundenen Arbeitermilieu, von lauten, ausgelassenen Konzerten, angelsächsischen Vorbildern und der Bildung eines Thrasher-Netzwerks von Bands und Fans. Die Materialfülle und viele Zeitzeugen werden zwar nicht ganz gebändigt, doch der Geist des „Thrash Metal“ zwischen Rebellion, Ekstase und Zusammenhalt wird nachhaltig greifbar. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Daniel Hofmann
Buch
Daniel Hofmann
Kamera
Daniel Hofmann · Simon Büchting
Schnitt
Nicole Schmeier
Länge
107 Minuten
Kinostart
09.06.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Doku über das Aufkommen der deutschen „Thrash Metal“-Musik in den 1980er-Jahre, den Zusammenhalt und die Langlebigkeit einer Subkultur des Heavy Metal.

Diskussion

„Aggression“, „Geschwindigkeit“, „ein Arschtritt umgepackt in Musik“, „voll auf die Fresse“ oder „Rebellion“ – das sind spontane Assoziationen, die Fans von deutschem „Thrash Metal“ mit ihrer Lieblingsmusik verbinden. Diese Sparte von ultrahartem, ultraschnellem Heavy-Metal-Sound fand in deutschen Landen seit Anfang der 1980er-Jahre eine eingeschworene Szene von Fans und Bands. Begonnen hat alles im Ruhrpott, wenn man dem Dokumentarfilm „Total Thrash – The Teutonic Story“ von Daniel Hofmann Glauben schenkt.

Eine stillgelegte Zeche in der Nähe von Essen wurde zum Treffpunkt neugegründeter Bands und ihrer Gefolgschaft. Für Jugendliche, deren Vater in der Zeche schuftete, so er überhaupt noch Arbeit hatte, während die Mutter den Haushalt schmiss, war das neue Album von „Kiss“ das kulturelle Ereignis des Jahres. Doch um die Wende zu den 1980er-Jahren fand allmählich auch eine deutlich härtere Machart von Heavy Metal Beachtung. Die sogenannte „New Wave of British Heavy Metal“ punktete mit Bands wie Iron Maiden oder Saxon, die ihren Landsleuten von Judas Priest oder Motörhead nacheiferten und dabei nicht auf die Schnelligkeit und die Energie des Punks verzichten wollten.

Der Musik und dem Stil treu geblieben

Anfänglich begeisterte sich nur eine Handvoll junger Langhaariger an Rhein und Ruhr für diese neuen Töne, jedoch so sehr, dass sie schließlich selbst – ohne musikalische Vorkenntnisse – Bands gründeten und sich in die Herzen einer vornehmlich männlichen Arbeiterjugend spielten. Heute sind diese Pioniere des deutschen Thrash Metals sichtlich in die Jahre gekommen. Die volle Mähne ist einer schütteren. meist grauen Haartracht oder gar einer Kurzhaarfrisur gewichen. Über den Jeans und unter der mit Nieten und Patches bewehrten „Kutte“, der ärmellosen Jeans- oder Lederweste, die über dem T-Shirt getragen wird, wölbt sich ein Bierbauch. Doch die Protagonisten von damals sind ihrer Gattung und ihrem Lebensstil treu geblieben. Bis heute produzieren und spielen sie Musik und berichten kundig und nicht ohne Selbstironie vom Werdegang ihrer Bands.

Wie sich dabei der Name „Thrash Metal“ herausbildete, ist nicht ganz klar. Verbal wird von den Thrashern jedoch viel „gedroschen“ oder „eingeprügelt“, etwa eine Plattenaufnahme oder auch ein Konzert. Dabei kontrastiert die eher gutmütige Art der beteiligten Musiker, Manager, Produzenten oder Tontechniker mit dem satanischen oder aggressiven Weltuntergangs-Image der Bands.

Der Film ist in mehrere Kapitel unterteilt, welche die Anfänge, den Aufstieg, die Stagnation sowie die Renaissance des Thrash Metal dokumentieren. Vor lauter Protagonisten und Bands mit grimmig klingenden Namen wie „Assassin“, „Tormentor“, „Fatal Embrace“, „Sodom“, „Exumer“ oder dem Platzhirsch der Szene, „Kreator“, verliert man als nicht-szenekundige Zuschauer irgendwann den Überblick. Wer nun Drummer, Bassist oder Gitarrist bei welcher Band war, lässt sich in 107 Minuten Film offenbar nicht so eindrücklich erzählen, dass man dies behalten könnte. Auch die Musik selbst kommt eigentlich zu kurz, weil mancher so viel über Historie und Stil der Szene zu berichten hat.

Aus einer anderen Zeit

Doch zum einen gab es damals keine Handys oder andere Gerätschaften, mit denen man Konzerte unkompliziert in Ton und Bild hätte festhalten können. Zum anderen handelt es sich hier um eine Nischenwelt, die zwar ein Hardcore-Publikum begeisterte, aber nicht die ganz großen Hallen oder Stadien füllte. Dennoch gelingt es dem Film, eine Epoche zu beschwören, die auch bei Liebhabern von etwas weniger hartem und schnellem Rock nostalgische Erinnerungen hervorruft. So wird von Musikzeitschriften, Fanzines und unendlich vervielfältigten Kassetten erzählt. Tickets für die Konzerte kosteten damals übersichtliche ein- bis zweistellige DM-Beträge. Bei den Treffen der Thrash-Metal-Szene ging es malerisch bis ausgefallen zu. Was in der Essener Zeche Carl oder in Jugendtreffs anfing, landete bei Fotosessions mancher Band schon mal in einem Nazi-Bunker oder die Szene versammelte sich zu Autobahnbrückenpartys, mit reichlich Bier und dröhnender Musik.

In „Total Thrash“ kristallisiert sich vor allem das Gemeinschaftsgefühl der Thrasher heraus, eine „Leckmichamarsch“-Mentalität, die auf Angepasstes und Herkömmliches pfiff. Die Szene war untereinander gut vernetzt, half sich gegenseitig aus und breitete sich in der gesamten Bundesrepublik aus; kurz nach der Wende stieß auch ein ostdeutscher Ableger dazu.

Der gut dokumentierte Film skizziert so anhand der Entwicklung der Bands auch eine deutsche Kulturgeschichte und bezieht sogar die Trends im heutigen Musikgeschäft mit ein. Die Filmemacher arbeiten zwar die wachsende Unabhängigkeit von Plattenlabels im Laufe der Jahrzehnte heraus, zeigen aber ebenfalls auf, wie sehr die junge Szene heute finanziell unter global agierenden Digitalkonzernen wie „Spotify“ leidet.

Mit oder ohne „th“

Dabei war die Thrash-Szene, deren „th“ von den Protagonisten zuweilen beim Sprechen ignoriert wird, sodass wohl eher unbeabsichtigt, aber nicht ganz unpassend von „Trash Metal“ die Rede ist, stets in ihrer Abneigung gegenüber allem Kommerziellen geeint. Das ist sympathisch, offenbart andererseits aber auch eine konservative Mentalität, die sich künstlerischer Weiterentwicklung verweigerte. Wagte es eine Band, ihrer Musik eine etwas abweichende oder gar melodiösere Note zu geben, galten solche Thrasher schnell als „Verräter“; für musikalische Experimente waren offenbar andere Musikrichtungen zuständig.

Dennoch lebt der Geist des „Thrash Metal“ in Deutschland, aber auch anderswo, weiter. Auch wenn diese Musik oft totgesagt wurde, zeigt allein die Anzahl junger aufstrebender Bands, dass es „Thrash Metal“ noch lange geben wird.

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