Rex Gildo - Der letzte Tanz

Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 92 Minuten

Regie: Rosa von Praunheim

In den 1960er- und 1970er-Jahren gehörte der Schlagersänger Rex Gildo zu den großen Idolen seiner Zunft. Privat führt er allerdings ein unglückliches Leben, verheimlichte seine Homosexualität, kämpfte mit Süchten und erlebte auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen tiefen Absturz. Seine Lebensgeschichte dient als Anstoß für eine mitunter auch humoreske Auseinandersetzung mit versteckter Homosexualität. Eigenwillige Spielszenen bis hin zum Trash mischen sich mit originell eingesetztem Archivmaterial und einfühlsamen Interviews zu einer facettenreichen Annäherung an den Sänger. - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Produktionsfirma
Rosa von Praunheim Filmprod./rbb/SWR/NDR/BR/hr
Regie
Rosa von Praunheim
Buch
Nico Woche · Rosa von Praunheim
Kamera
Lorenz Haarmann
Musik
Andreas Wolter
Schnitt
Mike Shepard
Darsteller
Kilian Berger (Rex Gildo, jung) · Kai Schumann (Rex Gildo, älter) · Ben Becker (Fred Miekley) · Florian Korty (Wolfgang) · Greta Galisch de Palma (Gudrun)
Länge
92 Minuten
Kinostart
29.09.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Drama | Musikdokumentation
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Spielerisch-ernsthafte Annäherung an den Schlagersänger Rex Gildo, der seine Homosexualität jahrzehntelang verstecken musste.

Diskussion

Drei alte Frauen mit Klappstühlen, schwarz gekleidet wie Witwen, am Grab von Rex Gildo. Sie betrauern seinen Tod, der viele Jahre zurückliegt, und wünschen ihm, dass er Frieden gefunden habe. Es müsse endlich Schluss sein mit diesen Gerüchten … „Hossa!“, ruft die eine, und die beiden anderen fallen ein.

„Hossa!“ ist der Ausruf, mit dem sich Rex Gildo unsterblich gemacht hat. Damit begann sein größter Hit „Fiesta Mexicana“. Der Filmemacher Rosa von Praunheim wuchs mit den deutschen Schlagern der 1950er- und 1960er-Jahre auf. Auch er kannte den hübschen, fröhlichen Jungen mit dem dichten dunklen Haarschopf und den strahlend blauen Augen. Aber wie wurde aus dem niederbayrischen Jungen Ludwig Hirtreiter der Star Rex Gildo? Von Praunheim begibt sich auf Spurensuche.

Hart erkaufte Leichtigkeit

Mitte der 1950er-Jahre wurde Hirtreiter von dem Filmproduzenten Fred Miekley angesprochen. Der machte ihm ein Angebot: Miekley zahlte Ballettstunden, Schauspielunterricht und Gesangstraining und brachte ihn dafür zum Film. Hirtreiter, der sich bald Rex Gildo nannte, ging darauf ein und wurde schnell zum Teenie-Idol. Er drehte Filme, nahm Schallplatten auf und spielte in der deutschen Erstaufführung von „My Fair Lady“ mit. Doch die Leichtigkeit, mit der sich der junge Rex Gildo präsentierte, war hart erkauft. Denn der hübsche Sänger, der so gern mit seinen Partnerinnen herumalberte und mit allen Frauen flirtete, verschwieg erfolgreich, dass er ein Doppelleben führte. Denn tatsächlich lebte er mit Fred Miekley zusammen.

Die meisten, mit denen Rex Gildo zu tun hat, wussten Bescheid, dass der Manager und angebliche Onkel sein Lebensgefährte war, obwohl weder Miekley noch Rex Gildo darüber sprachen. In den 1950er- und 1960er-Jahren, während der Zeit des Wirtschaftswunders und des Spießertums, stand Homosexualität noch unter Strafe. Außerdem zählte für Rex Gildo mit jedem Jahr, das er älter wurde, umso mehr das Image des ewig jungen Sonnyboys und Frauenhelden. Auf Druck von außen heiratete er sogar seine Cousine, um den Gerüchten über seine sexuelle Orientierung ein Ende zu machen. Dennoch ging es mit seiner Karriere bergab. Der Tod von Fred Miekley befeuerte 1988 seinen Absturz, der durch Gesundheitsprobleme, Medikamente und Alkohol beschleunigt wurde. Rex Gildo trat in dieser Zeit gelegentlich noch in Möbelhäusern und bei Firmenfesten auf. 1999 kam er durch einen Sturz aus einem Münchner Wohnhaus ums Leben.

Hinein ins pralle Schlagerleben

Rosa von Praunheim springt mit „Hossa!“ sofort ins pralle Schlagerleben hinein, in die knallbunte Scheinwirklichkeit einer nimmersatten Unterhaltungsindustrie. Schon in den ersten Minuten, noch vor dem Vorspann, bereitet er das Publikum auf die kommenden Attraktionen vor: die bis zur Unerträglichkeit aufgepeppte Film- und Fernsehwelt, das Doppelleben des Stars und die Bezüge zu seiner eigenen Person. „Frei erzählt nach wahren Begebenheiten“, lautet das passende Insert. Scheinbar alterslos tanzt Rex Gildo von einem Jahrzehnt ins nächste, stets gut gelaunt und fröhlich lächelnd, so wie es die Gesetze des Showbusiness verlangen.

Rosa von Praunheim übernimmt die Bildsprache und die Chronologie sowohl für die Spielszenen als auch für die Interviews und die Originalbilder. Mitten im Film versteckt sich ein kleiner Schatz: eine kunstvoll zusammengeschnittene Version von „Fiesta Mexicana“ aus unterschiedlichen Aufnahmen. Darin beleuchtet er Rex Gildo in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Tragik als braven Künstler, der immer funktioniert. Einer von vielen, die im Rampenlicht stehen und die ihr wahres Ich verbergen müssen. Hossa!

Das Privatleben als sehnsüchtige Spießerwelt

Nur in den Dekorationen der Spielszenen offenbart sich in sanften Farben das erfundene Privatleben des Rex Gildo. Von Praunheim baut ihm eine Art sehnsüchtige kleine Spießerwelt, was durch die Kostüme noch unterstützt wird, in denen sich 1970er-Jahre-Tuntenschick und Biedermeiermode zu einer originellen Melange treffen. Nur in diesen kammerspielartigen Bildern sind Miekley und Rex Gildo vereint. Mit ihrer Beziehung, über die wenig bekannt ist, geht Rosa von Praunheim sehr freundlich um. Er zeigt Verständnis, und es scheint beinahe, als ob der fast 80-jährige von Praunheim altersmilde geworden ist. Gegenüber der Person Rex Gildo bewahrt er stets den Respekt. Das zeigt sich auch in den Interviews, die er in einem meist lockeren Ton führt und die dennoch Tiefgang haben. Rex Gildos frühere Partnerinnen Gitte Haenning und Cornelia Froboess kommen so zu Wort. Beide suchten und fanden im Gegensatz zu Rex Gildo den Absprung aus der Revue- und Schlagerszene, und beide haben früh geahnt oder gewusst, welche Rolle Fred Miekley im Leben des aufstrebenden Stars spielte. Von Praunheim spricht auch mit der Haushälterin. Sie sorgte für die Dreier-WG mit Rex Gildo, seiner Ehefrau und Fred Miekley, will aber von Homosexualität nichts gemerkt haben, ebenso wie die Leiterin seines Chemnitzer Fanclubs, die nach dem Fall der Mauer zu allen Konzerten von Rex Gildo reiste, auch wenn sie im Supermarkt oder im Möbelhaus stattfanden.

Ein bisschen Trash muss aber doch sein, und so bietet von Praunheim mit dem Chor der drei schwarzen Witwen ein paar fetzige Szenen, wenn sie ab und an in die Handlung eingreifen und sogar versuchen, ihn, den Regisseur – Affront! – von einer Bettszene mit Miekley und Rex Gildo abzuhalten. Hier spürt man in erfreulicher Weise von Praunheims unverwechselbaren Stil, ebenso wie in den teilweise absichtlich stümperhaften Spielszenen. Analog zu den drei alten Frauen gibt es drei kahle Männer, die sich gelegentlich zu Wort melden, wenn es um das Image von Rex Gildo geht. Allerdings wirken die drei eher belanglos und wenig originell.

Der Naivling und der Leidgeprüfte

Für die Rolle des jungen Rex Gildo in den Spielszenen wurde der österreichische Musicaldarsteller Kilian Berger besetzt, der den Sänger als eher unbedarften Naivling präsentiert. Sein Rex Gildo ist einer, dem man sagen muss, wo es langgeht, und der sich das ganz gern gefallen lässt. Ganz anders Ben Becker als Fred Miekley. Er gibt dem Mann, der seine Homosexualität ein ganzes langes Leben verstecken musste (und vielleicht wollte), ein Höchstmaß an Tiefe und bis in die kleinsten Details eine beinahe beängstigende Authentizität. Dieser Mann muss nichts von sich erzählen, damit man ihn versteht. Fred Miekley wird durch Becker zum Symbol für die Folgen des Nazi-Terrors und dessen Nachwirkungen auf eine homophobe und insgesamt sexualfeindliche Gesellschaft. Ben Becker spielt die Ambivalenz dieses alternden Mannes zwischen Selbstbewusstsein, Angst, Genuss und Leidenschaft zum Niederknien gut.

Der Schluss des Films gehört den drei schwarzen Witwen. Sie schaffen den Rahmen für einen oft spielerischen, aber doch ernsthaften Diskurs über ein Künstlerleben zwischen Glamour und Tragik mit einem Hauch Rosa-von-Praunheim-Trash – und „Hossa!“ als Symbol und Parabel.

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