Goodnight Mommy (2022)

Drama | USA 2022 | 88 Minuten

Regie: Matt Sobel

Zwei zehnjährige Zwillingsbrüder werden zu ihrer Mutter gebracht, die sich einer Gesichtsoperation unterzogen hat. Da sie sich ihnen gegenüber überraschend ruppig verhält, wachsen Zweifel, ob die operierte Frau tatsächlich ihre Mutter ist. Mit zunehmend gewaltsamen Mitteln versuchen sie, ihre Vermutung zu bestätigen. Ambitionierte Neuverfilmung des österreichischen Psychothrillers „Ich seh, ich seh“ mit weitgehend identischer Handlung, aber im Vergleich zum Original abgeschwächten Schockmomenten. Das Bemühen um stärkere psychologische Akzentuierung ermöglicht zudem eine größere Empathie mit den Figuren. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
GOODNIGHT MOMMY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Matt Sobel
Buch
Kyle Warren
Kamera
Alexander Dynan
Musik
Alex Weston
Schnitt
Maya Maffioli · Michael Taylor
Darsteller
Naomi Watts (Mutter) · Cameron Crovetti (Elias) · Nicholas Crovetti (Lucas) · Peter Hermann (Vater) · Jeremy Bobb (Gary)
Länge
88 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Mystery | Thriller

Ambitioniertes US-Remake eines österreichischen Psychothrillers über zwei Zwillingsbrüder, die beim Wiedersehen mit ihrer gesichtsoperierten Mutter deren Identität anzweifeln.

Diskussion

„Wir haben dich vermisst. Liebe. Elias Lucas“, schreibt Elias während der Fahrt zum abgelegenen Landhaus ihrer Mutter auf eine Zeichnung. Er und sein Zwillingsbrüder Lucas werden von ihrem Vater dorthin gefahren, der dann aber nicht mit ins Haus kommen möchte. Als die zehnjährigen Buben nach der Mutter (Naomi Watts) rufen und die Zeichnung zur Begrüßung übergeben wollen, sind sie konsterniert. Denn der Kopf der Mutter, deren Name nie fällt, ist bandagiert; nur Augen, Mund und Nasenlöcher sind frei. Die Frau, die später von Besuchern als bekannte Schauspielerin erkannt wird, hat sich offenbar einer Schönheitsoperation unterzogen und muss sich noch erholen. Sie empfängt die Jungs kühl und verkündet als erstes ein paar strikte Regeln. So dürfen sie weder ihr Schlafzimmer noch ihr Büro betreten. Auch die benachbarte Scheune ist tabu.

Die Irritationen wachsen

Eine Zeitlang halten sich die Zwillinge an die Regeln. Sie spielen auf der Wiese, zocken ein Computerspiel auf dem Smartphone des Vaters oder schauen mit Mama einen Film im Fernsehen. Doch dann wird der Reiz des Verbotenen stärker. Sie dringen in die Scheune ein und finden auf dem Dachboden Blutspuren. Als Elias die Mutter um ein Gutenachtlied bittet, weigert sie sich, weil die Jungs dafür zu alt seien.

Die Irritationen wachsen, als Elias sieht, wie sie raucht. Er entdeckt, dass sie seine Zeichnung zerknüllt in den Papierkorb geworfen hat. Lucas gelangt schnell zu der Überzeugung, dass die Frau nicht ihre Erzeugerin sein kann. Als den Jungs klar wird, dass ihre Mutter grüne Augen hat, diese Frau aber blaue, beschließen sie, die Frau zum Reden zu bringen und herauszufinden, wo ihre reale Mutter sich befindet. Sie fesseln sie mit Klebestreifen ans Bett und übergießen sie mit Eiswasser. Doch die Frau beharrt darauf, ihre Mutter zu sein.

2014 sorgte der Horrorthriller Ich seh, ich seh von Veronika Franz und Severin Fiala nicht nur bei Genre-Liebhabern für Furore. Der mehrfach ausgezeichnete Film des österreichischen Regieduos wurde von Ulrich Seidl produziert, der mit den Regisseuren familiär verbunden ist. Veronika Franz ist seine Ehefrau und langjährige künstlerische Mitarbeiterin, Severin Fiala ist sein Neffe.

Die ohnmächtige Isolation ist noch schlimmer

Nach dem internationalen Erfolg des vieldeutigen Schockers war es nur eine Frage der Zeit bis zu einem US-Remake. Regisseur Matt Sobel wollte jedoch kein Eins-zu-Eins-Remake erstellen, sondern „andere Themen in der Story“ beleuchten. Sein Drehbuchautor Kyle Warren übernahm weitgehend das Handlungsgerüst, veränderte aber an vielen Stellen Einzelheiten. So tritt der Vater im Original nicht auf, während er hier in der ersten Sequenz zu sehen ist. Das hat dramaturgische Folgen. Denn nachdem die Jungs vergeblich versuchen haben, ihn per Telefon zu Hilfe zu rufen, verschlimmert sich ihre ohnmächtige Isolation. Zumindest bei Elias mündet die Ohnmacht in Albträume, in denen die Mutter zu einem dunkelhäutigen Monster mutiert, das auf ihn zu kriecht.

Die auffälligste Änderung gegenüber dem Original besteht in der Abschwächung der grausamen Attacken, die sich die minderjährigen Wahrheitssucher für die bandagierte Frau ausdenken. So verzichtet das Remake auf den Einsatz von Sekundenkleber, Scheren und Vergrößerungsglas als Folterwerkzeuge und bremst damit die eklatante Gewaltspirale, die in „Ich seh, ich seh“ so sehr schockierte. Die Zwillinge erscheinen hier nicht so gefühlskalt und skrupellos wie bei Fiala & Franz, wobei die Figurenkonstellation in beiden Fällen sicher nicht zufällig an „Funny Games“ (1997) von Michael Haneke erinnert.

Dafür werden die Kinder hier psychologisch stärker ausgeleuchtet, offenkundig in der Absicht, mehr Empathie zu ermöglichen. So wird schnell klar, dass Lucas die vorgefundene Frau für eine Schwindlerin hält und aggressiver darauf drängt, die wahre Mutter aufzuspüren. Dazu passt, dass Elias und Lucas nun erheblich redseliger sind, was allerdings nicht immer dazu beiträgt, die bedrohliche Atmosphäre zu beglaubigen.

Spannung mit drastischen Musik-Akzenten

Es gelingt der Inszenierung insgesamt handwerklich recht solide, Spannungsmomente aufzubauen und bis zum dramatischen Finale zu verdichten, dessen Auflösung in einem familiären Trauma resultiert, das gleichwohl nicht alle Fragen beantwortet. Manche der drastische Musikakzente wären indes nicht nötig gewesen. Denn mit Naomi Watts besitzt der Film eine überzeugende Hauptdarstellerin. Watts spielt die namenlose Mutter im Spannungsfeld zwischen Aggressionsschüben und Furcht, Verzweiflung und Liebe mit beachtlicher Verve. Auch bei der Besetzung der Jungs gelang ein Glücksgriff: Die 14-jährigen eineiigen Zwillinge Cameron und Nicholas Crovetti, die bereits die Söhne von Nicole Kidman in „Big Little Lies“ verkörpert haben, spielen die jungen Protagonisten mit überzeugendem Elan.

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