Abenteuer | USA 2021 | 90 Minuten

Regie: Philip Gelatt

Eine Schamanin berichtet einem Wächter, was sie auf einen Berggipfel geführt hat, auf dem eine Blume mit magischen Kräften wächst. Ihre retrospektiv entfaltete episodenhafte Geschichte mit wechselnden Hauptfiguren umfasst mehrere Jahrhunderte und führt zur Herrschaft eines Tyrannen zurück, der die Schamanin mit Hilfe der Blume bezwingen will. Der im Rotoskopie-Verfahren gedrehte Fantasy-Animationsfilm entwickelt eine Geschichte mit epischen Ansprüchen, die aber dramaturgisch nicht recht funktioniert. Der hohe Anteil brutaler Gewaltszenen tendiert zudem zum Selbstzweckhaften und wird durch die faszinierende Ästhetik nur bedingt gerechtfertigt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE SPINE OF NIGHT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Philip Gelatt · Morgan Galen King
Buch
Philip Gelatt · Morgan Galen King
Musik
Peter Scartabello
Länge
90 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Abenteuer | Action | Animation | Fantasy | Science-Fiction

Heimkino

Verleih DVD
Koch
Verleih Blu-ray
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Animationsfilm über einen grausamen mittelalterlichen Tyrannen und die Suche nach einer Blume, mit deren Hilfe der Despot bezwungen werden könnte.

Diskussion

Eine kleine blaue Blume und ihre magischen Fähigkeiten sind der Ausgangspunkt der Geschichte von „The Spine of Night“. Sie bringt Segen oder auch Verdammnis, je nachdem, wer sie in Händen hält. Als ein opportunistischer Gelehrter dem Rausch ihrer Macht verfällt, beginnt eine Gewaltherrschaft, die sich über Jahrhunderte erstreckt. Nur eine Schamanin kann sie stoppen.

Der per Rotoskopie inszenierte Animationsfilm setzt auf Nacktheit und viel explizite Gewalt und wird damit durchaus zum filmischen Exoten. Erzählerisch jedoch verpasst er es, den vielen dramaturgischen Tief- entsprechende Höhepunkte entgegenzustellen.

Die Rotoskopie zählt zu den exotischsten aller Animationsverfahren. Mit viel Aufwand werden zunächst reale Schauspieler:innen gefilmt und ihre Bewegungen inklusive ihrer Gesichtsregungen anschließend Bild für Bild in Zeichentrick überführt. Ob das per Hand geschieht wie noch bei „Feuer und Eis“ (1982) oder in „Waking Life“ (2001) oder per Computer, tut der Faszination dieses Stils keinen Abbruch. Die Echtheit der Bewegungen sorgt im Kontrast mit den reduziert-abstrahierten Formen, Konturen und Hintergründen für ein außergewöhnliches visuelles Erlebnis.

Düsteres mittelalterliches Fantasy-Szenario

Das ist auch bei „The Spine of Night“ von Philip Gelatt und Morgan Galen King und der Fall, der ein düsteres mittelalterliches Fantasy-Szenario entwirft und von Beginn an klarmacht, dass er sich an ein erwachsenes Publikum richtet. Eine Schamanin stapft im Prolog einen verschneiten Berg hinauf, gänzlich nackt, wobei die Kamera zwar nicht voyeuristisch auf ihren Körper schielt, aber auch keine Details ausspart. Auf dem Gipfel betritt sie eine Höhle, in der eine magische blaue Blume wächst. Ein Wächter stellt sich ihr entgegen. Doch bevor er sein Schwert ziehen kann, zeigt ihm Tzod, so der Name der Frau, dass sie ebenfalls eine solche Blume besitzt, und erzählt ihm, was sie an diesen Ort geführt hat.

Im Folgenden entfaltet „The Spine of Night“ seine Handlung in episodenhaften Rückblicken, stets mit wechselnden Protagonistinnen und Protagonisten. Tzods Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte, vom Frühmittelalter bis zu den ersten Tagen der Industrialisierung. Sie beginnt in einem Sumpf. Das ist Tzods Heimat, die eines Tages von einem vermeintlich zivilisierten Volk, das in Burgen haust, angegriffen und zerstört wird; die Bezüge zur Geschichte der indigenen Völker Amerikas sind überdeutlich. Tzod gerät in Gefangenschaft. Die Blätter der blauen Blume, die ihr magische Fähigkeiten verleihen, fallen in die Hände des Gelehrten Ghal-Sur, der damit allmählich die Macht in der Welt an sich reißt.

Triste Farbpalette mit reichlich Blut

Ghal-Surs Gewaltherrschaft wird in drastischen Bildern verdeutlicht. Menschen werden hingerichtet, mit Armbrustbolzen durchbohrt, in der Mitte senkrecht oder horizontal gespalten. In der sonst so tristen Farbpalette stellt das knallrote, literweise verströmte Blut einen extremen Kontrast dar, der die Gewalt noch expliziter wirken lässt; die Grenze zwischen thematischer Angemessenheit und Selbstzweck wird mehr als einmal touchiert. Auch die Hauptfiguren der jeweiligen Episoden müssen in der Regel ihre Leben lassen.

Das pessimistische, lebensfeindliche Bild, das „The Spine of Night“ von der Welt zeichnet, ist in seiner Konsequenz einerseits beeindruckend; allerdings mangelt es dem Film an positiven Kontrapunkten. Er gerät zur Dystopie, in der jede Hoffnung im Keim erstickt wird. Auch die Dramaturgie folgt dem steten Abstieg; das für eine mitreißende Erzählung notwendige Wechselspiel aus Höhe- und Tiefpunkten landet immer weiter unten.

Eine ästhetisch ungebrochene Faszination

Und doch strahlt „The Spine of Night“ vor allem ästhetisch eine bis zum Schluss ungebrochene Faszination aus, wenn man von den zuweilen unpassenden Perspektiven respektive der ungünstigen Platzierung der Figuren innerhalb der Hintergründe einmal absieht, durch die diese manchmal zu schweben scheinen. In seiner Optik wirkt der Film bisweilen aus der Zeit gefallen, und auch der Umstand, dass er sich explizit an ein erwachsenes Publikum richtet, schränkt seine Rezeption ein. Doch gerade in diesem Mut zur Nische stecken verborgenen Stärken.

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