Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 74 Minuten

Regie: Bernhard Sallmann

Bei der dokumentarischen Erkundung des Großraums Berlin von seinen Rändern her, die mundartlich als „janz weit draußen“ oder kurz „jwd“ bezeichnet werden, rollt der Film den historischen, aber auch sozialen Wandel der Stadt auf. In langen statischen Einstellungen und präzise kadrierten Bildern offenbart sich die Schönheit weniger bekannter Gegenden. Es kommt aber auch Verdrängtes ins Bild, ein Krematorium oder die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, in der die Nazis geistig behinderte Menschen töteten. Nicht zuletzt werden auch der strukturelle Wandel der Gesellschaft und seine Einschreibungen ins Stadtbild nachgezeichnet. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Bernhard Sallmann
Buch
Bernhard Sallmann
Schnitt
Christoph Krüger
Länge
74 Minuten
Kinostart
12.01.2023
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Experimentalfilm

Atmosphärische Dokumentation der Berliner Peripherie, in der sich Historisches wie Soziales zu Momentaufnahmen unerwarteter Schönheit verdichtet.

Diskussion

Die Geschichte der europäischen Großstadt wird meist von ihrem Zentrum aus erzählt. Um Kirchen und altehrwürdige Bauten herum entsteht über Jahrhunderte der Ballungsraum einer Metropole mit ihren einschlägig bekannten Architekturen und Straßenzügen. Durch Zuzug und Landflucht legen sich immer mehr Ringe um die Innenstadt; Knotenpunkte vervielfältigen sich, Bezirke entwickeln ein Eigenleben. Eine Dynamik, die auch das Stadtbild Berlins seit jeher prägt.

Der österreichische Dokumentarfilmer Bernhard Sallmann nähert sich in „Berlin JWD“ seiner Wahlheimat von ihren Rändern her, die den Wandel der Stadt, aber auch ihr Verdrängtes erfahrbar werden lassen. „Janz weit draußen“ nennen die Berliner diese Zone seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, einer Zeit expansiven städtischen Wachstums. Der Verlauf jener Grenze zwischen Zentrum und Peripherie ist seitdem fließend. Für viele Bewohner liegt sie nach wie vor um das von der Ringbahn eingeschlossene Areal herum. Doch Sallmann geht noch weiter und wirft auch einen Blick auf Orte, an denen die letzten Ausläufer der Großstadt in die sandige Erde Brandenburgs übergehen.

Statik und Prozess

Lange, statische Einstellungen auf den Stadtraum werden von Schwarzbildern unterbrochen, auf denen der jeweilige Standort eingeblendet wird. Viele davon kennt man vom Namen her nur als Endstationen des dichten Berliner S- und U-Bahn-Netzes. So weit hinaus fuhren im vergangenen Jahrhundert vor allem proletarische Massen für ihr Freizeitvergnügen, lässt Sallmann die Zuschauer am Beginn des Films wissen. Es sind aber nicht die naheliegenden Orte wie etwa der Wannsee, die in „Berlin JWD“ im Zentrum stehen, sondern Grünflächen wie die Marzahner „Gärten der Welt“ oder die Rudower Höhe. Psychogeografisch eher im Vorbewussten der Stadt angesiedelt, offenbart sich die Schönheit dieser vage bekannten Gegenden durch Sallmanns präzise Kadrierungen.

In jeder der atmosphärischen Einstellungen entfaltet sich Stück für Stück die Prozessualität des städtischen Raums. Wolken modulieren das Abendlicht, so dass die weißen Fassaden der Siedlung Siemensstadt von kühlen zu leuchtend-warmen Farbtemperaturen wechseln. Ruderbote durchqueren mit gleichmäßigen Zügen einen der zahlreichen Schifffahrtskanäle, deren Ränder von Industrieanlagen gesäumt sind, und lassen dabei Muster auf der Wasseroberfläche entstehen.

Die Architektur von Kraftwerken, Rohrleitungen und Tanklagern entfaltet vor dem eisigen Berliner Winterhimmel eine extraterrestrisch anmutende Ästhetik. Immer wieder werden diese starren industriellen Gefüge durch die Bewegung von Menschen zum Leben erweckt, die den Bildraum durchqueren und ihn als Ort der sinnlichen Erfahrung zugänglich machen. Der Schneeballwurf eines Kindes vor einem Gebäude im Technologiepark Adlershof oder der gewundene Lauf einiger Jogger am spiralförmigen Aufgang zur Fußgängerbrücke „Goerdelersteg“ schafft in der Statik des filmischen Bildes ein Zentrum der Intensität.

Verwerfungen an den Rändern

Neben den Industriebauten mit ihrer architektonischen Eigenlogik und der Weitläufigkeit der Grünflächen und Parks kommen auch Orte in den Blick, die im Gedächtnis der Stadt traditionell noch weiter abgesunken sind. Die Schornsteine des Krematoriums Berlin-Baumschulenweg lassen trotz des vielfach ausgezeichneten Gebäudeentwurfs ein Gefühl der Beklemmung aufkommen. Bilder von psychiatrischen Kliniken am Stadtrand regen zum Nachdenken über den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen an. Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik im Berliner Norden, deren Gebäude auf einem 45 Hektar großen Areal in waldartigen Parkanlagen liegen, hat als älteste Klinik der Stadt eine lange Gewaltgeschichte, deren Tiefpunkt die Krankenmorde während der Nazi-Zeit bilden. In der Dauerausstellung „Totgeschwiegen 1933-45“ kann man sich heute vor Ort über die mörderische Grausamkeit der „Aktion T4“ informieren.

Sallmann gibt in den Aufnahmen der Gebäude inmitten einer künstlichen Forstlandschaft etwas von dieser Unheimlichkeit an die Zuschauer weiter. Lange bleibt die Kamera auf einen Pfad zwischen den Bäumen gerichtet, der sich im blätterlosen Geäst verliert. Ein Radfahrer kommt ins Bild und wird mit seinem schwarzen Anorak immer kleiner, bis er schließlich ganz verschwunden ist, wie verschluckt von einem schweigenden Wald.

Urbane Überschreibungen

Manchmal kann auch ein Erinnerungsort in der Peripherie verloren gehen. Die Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü wurde 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof von einem ihrer Brüder ermordet. Ihr gewaltsamer Tod löste bundesweit eine Debatte über Zwangsehen und Selbstbestimmung muslimischer Frauen aus. Erst Anfang 2018 wurde nach langem Aufschub ein offizieller Gedenkort vom Verkehrsministerium bestimmt. Eine neue Autobahnbrücke nahe der Neuköllner Sonnenallee trägt jetzt den Namen der Ermordeten. Sallmann fasst die Kontroverse um diese Ortsfindung in einem Bild zusammen: Oberhalb der brachialen Baustelle des neuen Abschnittes der A 100 spannt sich ein Übergang, auf dem ein „Black Lives Matter“-Graffiti prangt. Die Anonymität und Tristesse dieser Szene steht im scharfen Kontrast zum ursprünglichen Vorhaben, sich einer widerständigen und starken Frau zu erinnern.

Nicht zuletzt ist „Berlin JWD“ auch ein Film über den strukturellen Wandel der Gesellschaft und seine Einschreibungen ins Stadtbild. Gleisrondelle für Lokomotiven liegen heute genauso brach wie die Gebäude von IBM oder der Tegeler Flughafen, dessen Areale jetzt den progressiven Namen „Urban Tech Republic“ tragen. Ein Zukunftsversprechen, das die Stadt angesichts der post-apokalyptisch wirkenden Anlagen bislang schuldig bleibt. Die eindrücklichen Aufnahmen von Berndhard Sallmann machen deutlich: Wer die Verflechtung von Vergangenheit und noch Kommendem verstehen will, schärft seinen Blick auf Stadt und Gesellschaft am besten von den Rändern her.

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