Für immer Sonntag

Dokumentarfilm | Schweiz 2022 | 84 Minuten

Regie: Steven Vit

Mehr als vierzig Berufsjahre hat ein Familienvater aus dem Berner Oberland auf vielen Geschäftsreisen die Welt kennengelernt. Mit der Pensionierung gerät sein Leben aber auf den Prüfstand. Das nun ständige Zusammensein mit seiner Frau verlangt beiden neue Strategien, Pläne und Kompromisse ab. Der damit verbundene Reflexionsprozess eröffnet allen Beteiligten eine spannende Neuorientierung. Der Dokumentarfilm profitiert von der familiären Nähe des Filmemachers, der seinen eigenen Vater porträtiert. Therapeutisch-kritisch begleitet und konfrontiert er dessen Übergang vom aktiven Berufsleben ins Rentnerdasein, unterfüttert mit reflektierenden Kommentaren und einer Prise Humor. - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
FÜR IMMER SONNTAG
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2022
Produktionsfirma
Lomotion/SRF
Regie
Steven Vit
Buch
Steven Vit
Kamera
Steven Vit
Musik
Philipp Moll
Schnitt
Katharina Bhend
Länge
84 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
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Doku über einen schweizerischen Verkaufsleiter, der sich nach einem reisefreudigen Berufsleben an den Ruhestand und die dauerhafte Anwesenheit zuhause gewöhnen muss.

Diskussion

Der 1990 geborene Dokumentarist Steven Vit ist der zweite Sohn einer Schweizerin und eines Kanadiers. Während seines Filmstudiums in Stockholm fällt ihm auf, dass sich im Zuhause seiner Eltern, das früher auch das seinige war, von einem Besuch zum nächsten immer etwas ändert. Mal sind es die Möbel, dann der Garten oder die Farbe der Nachbarkatze. Auch die Gesichter der Eltern verändern sich. Der permanente Alterungsprozess tritt durch die längeren Unterbrechungen zwischen den Besuchen deutlicher in Erscheinung.

Als Stevens Vater Rudy während eines Videogesprächs nebenbei erwähnt, dass er demnächst zu seiner letzten Geschäftsreise aufbrechen werde, merkt Steven, dass er gar nicht so genau weiß, was sein Vater arbeitet, und dass er seinen Vater sehr viel weniger kennt als seine Mutter. Das hat ihn als Kind nicht so sehr belastet, erzählt er in seinem Dokumentarfilm „Für immer Sonntag“. Die Mutter Käthi meint später einmal lapidar, dass die häufige Abwesenheit des Gatten ihr auch eine gewisse Freiheit gab, die andere Ehefrauen nicht kannten. Die gelernte Schneidermeisterin hatte nach der Geburt ihrer Söhne Steven und Bryan ihr Modeatelier in Solothurn aufgegeben und wurde Hausfrau und Mutter. Seit rund 25 Jahren leben Käthi und Rudy Vit in einem hübschen Einfamilienhaus in ländlicher Umgebung in der Nähe von Thun.

Die letzte Chance, den Vater im Beruf zu erleben

Die angekündigte letzte Geschäftsreise des Vaters kommt Steven plötzlich wie die ultimative Chance vor, seinen Vater so kennenzulernen, wie er ihn bisher nicht kannte: als langjährigen Mitarbeiter und Vertreter einer auf die Herstellung von Kabelverarbeitungsmaschinen spezialisierten Fabrik, bei der er zuletzt als Verkaufsleiter tätig war. Er fragt seinen Vater, ob er ihn auf dieser Reise begleiten und seinen Übergang vom aktiven Berufsleben in den Ruhestand filmisch dokumentieren dürfe.

Von da an hat Vit seine Eltern über vier Jahre mit der Kamera begleitet. Die Dreharbeiten fanden in Blöcken von jeweils zwei bis drei Wochen statt. Da Steven mit leichter Handkamera arbeitete und für Regie, Ton und Bild in Personalunion zuständig war, war man beim Drehen sehr flexibel. Vieles, das sich im Film findet, ist spontan entstanden; anderes wiederum lässt die große Nähe zwischen Regisseur und Protagonisten fühl- und sichtbar werden.

Die Geschäftsreise durch Asien zeigt Steven, dass die Berufsrealität seines Vaters weit weniger glamourös ist als das unbewusste Bild, das er sich davon gemacht hat. Sein Vater ist zwar der „Boss“ aus Europa. Doch die Hotels, in denen Rudy in Japan und China absteigt, rangieren nicht in der Luxusklasse. Der Vater ist bei den Kunden bekannt und offensichtlich auch beliebt. Im Hotel unterhält er sich mit seiner Frau manchmal per Videocall. Man bespricht Banales. Es ist der normale Alltag eines Paares, das sich in langjähriger Ehe daran gewöhnt hat, über längere Phasen örtlich getrennt zu sein. Was aber nicht heißt, dass zwischen den beiden stets Eintracht herrscht. Schon gar nicht in dieser Zeit des Übergangs, von der Rudy kurz nach seiner Pensionierung sagt, sie komme ihm vor, als ob nun für immer Sonntag wäre.

Die Suche nach dem „inneren Zen“

Doch aber ist keineswegs der Fall. Das plötzliche Fehlen von klar vorgegebenen Tagesstrukturen und langjährigen Routinen erweisen sich für den Geschäftsmann als große Herausforderung. Er müsse „noch seinen inneren Zen“ finden, sagt er manchmal; der auf Dauer gemeinsam verbrachte Alltag bringt ihn und Käthi immer wieder in Situationen, die sie als Paar nicht gewohnt sind und die Anlass zu Sticheleien geben. Denn wenn Rudy zuhause plötzlich mitanpackt, die Spülmaschine ausräumt, im Garten mitarbeitet oder sich gar als Koch versucht, dringt er in Reviere vor, die bislang Käthi vorbehalten waren.

Es sind Ausmarkierungen und Grenzziehungen, die dabei verhandelt werden. Rudy, der bisher das Geld heimbrachte und seine Position als (männliches) Familienoberhaupt offensichtlich kaum angetastet sah, gerät plötzlich in die Kritik seiner Frau, wenn er zuhause Neues lernen muss oder möchte. Er reagiert darauf weniger gelassen. Steven, der den Film nachträglich mit einem persönlichen Off-Kommentar versah, merkt einmal an, dass er sich gelegentlich frage, was und wie seine Eltern in seiner Abwesenheit miteinander reden, und fügt an, dass er das vielleicht gar nicht wissen möchte.

Diese reflektierenden Kommentare des Sohnes verschaffen dem Film eine zusätzliche Ebene. „Für immer Sonntag“ zeigt relativ ungefiltert – man könnte auch sagen: radikal ehrlich –, was man auf der Leinwand eher selten zu sehen bekommt: die mitunter recht anstrengende Beziehungsarbeit eines Paares. Etwa dann, wenn man die Freiräume, die man voneinander einfordert und im gemeinsamen Gespräch auch formuliert hat, einander in der Realität nicht zugestehen kann.

Langsam läuft die Zeit davon

Rudy reagiert in solchen Situationen bisweilen sehr impulsiv, und Steven stellt die Kamera nicht aus. Aber er lässt sich von seiner Mutter erklären, dass hinter Rudys Heftigkeit riesige Ängste vor dem Älterwerden stecken. „Das wird sich wieder geben“, sagt Käthi, und fügt etwas leiser hinzu: „Doch langsam läuft uns die Zeit davon.“

„Für immer Sonntag“ greift Themen auf, die so oder ähnlich jedes Paar miteinander, aber auch jeder Mensch für sich alleine und in gewissem Maße auch Familien generationenübergreifend miteinander angehen und verhandeln müssen. Die banale Alltagsorganisation gehört ebenso dazu, wie die Gedanken über die (eigene) Vergänglichkeit, der miteinander gepflegte Umgang und Umgangston, die Frage, auf welchen Prämissen sich das gemeinsame Leben gestaltet oder gestalten soll.

Einmal – Rudy ist da schon einige Zeit im Ruhestand – verbringen der Vater und die beiden Söhne zwei Wochen an einem See in der „unberührten“ Wildnis Kanadas. Er habe, sagt Steven im Kommentar, seinen Vater bisher nie derart ruhig, mit sich im Reinen und glücklich erlebt wie auf dieser Reise. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass Rudy diese Ruhe mit in die Schweiz nehmen könnte.

Steven fragt Rudy irgendwann auch nach seinem Heimatempfinden. Danach, wo er sich zuhause fühle. Heimat, sagt Rudy, sei Kanada und die Schweiz. Doch er habe inzwischen derart viele schweizerische Eigenheiten angenommen, dass sein Zuhause sicher in der Schweiz liege. In der Rede dieses Mannes, der zeitlebens viel unterwegs war und den Ort seiner Geburt offensichtlich der Liebe wegen für immer verließ, klingt die ewige Sehnsucht der Migranten an. Und plötzlich bekommt dieser zu Beginn des Films so geschäftstüchtige Mann, der über seine Gefühle kaum reden kann und seinem Sohn lange ein Rätsel war – und es zum Schluss des Films teilweise noch immer ist –, auch eine sehr sympathische und weiche Seite.

Was Paare und Familien zusammenhält

Eine Seite, die auch dann sichtbar wird, wenn Rudy zusammen mit Steven Videos von früher anschaut, auf denen die Jungen noch kleine Kinder sind und Käthi in die Kamera lächelt. Oder wenn er seiner Frau bei der Feier ihres Geburtstags in einem Lokal seine Liebe erklärt und sich gleichzeitig für sein manchmal ruppiges Verhalten entschuldigt. Sie wisse das doch alles, sagt Käthi darauf sichtlich berührt. So sehr „Für immer Sonntag“ ein kluger und in seiner klaren Strukturierung auch sehr eleganter Film über den herausfordernden Übergang vom zweiten in den dritten Lebensabschnitt ist, so sehr ist er – etwas weniger offensichtlich, aber nicht weniger dezidiert, – auch ein Film über das, was Paare und Familien zusammenhält: die Liebe.

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