Beim Kampf ums Überleben von allen verlassener US-Amerikaner in der Wildnis hat das jüngere US-amerikanische Kino mit „Into the Wild“ und „The Revenant“ zwei packende Referenzwerke geliefert, dazwischen war immer wieder auch Platz für weibliche Hauptfiguren, von „Der große Trip - Wild“ mit Reese Witherspoon bis zu „Abseits des Lebens“ mit Robin Wright. Es sind immer dankbare Rollen, so jetzt auch für Nina Hoss, die in dem zweiten Film der jungen Filmemacherin Mariko Minoguchi uneitel und mit Sinn für kleinste Gesten und Gefühlsnuancen brilliert. Minoguchi hatte bereits mit ihrem Langfilmdebüt „Mein Ende. Dein Anfang.“ 2019 zu überzeugen gewusst.
In einer Extremsituation
Es dauert eine Weile, bis man sich in „Die andere Seite“ zurechtfindet, denn Dialoge sind anfänglich Mangelware. Man sieht schon dem zutiefst angespannten und von seltsamen Flecken verunstalteten Gesicht von Hoss an, dass sich ihre Figur Hanna in einer Extremsituation befindet. Als sie in den Bergen beim Häuten eines Kaninchens ertappt wird und ohne ihre Beute die Flucht ergreift, ahnt man, dass nach ihr gesucht wird. Ist sie eine psychisch angeschlagene Einzelgängerin, Terroristin oder gar Verbrecherin?
Den Grund erfährt man im Verlauf eines raffiniert gebauten Indizien-Puzzles. Erst versorgt die Ärztin ihre entzündete Fleischwunde in einer abgelegenen Berghütte und hört im Regional-Radio, dass die Grenzen in Osttirol geschlossen werden. Dann schleicht sie in ein leerstehendes Haus, um Lebensmittel und Kleidung mitzunehmen. Das erste Gespräch mit einer Bekannten, die ihr Medikamente aushändigt, ist kurz, aber vielsagend. Es ist die Rede von Lagern, in denen sich die Situation verbessert habe, und davon, dass Hanna nicht hätte kommen dürfen.
Alle schrecken zurück
Minoguchi, die auch das Drehbuch geschrieben hat, lässt lange offen, mit welcher Art der Heimsuchung die alpine Bevölkerung es zu tun hat. Das Leben geht scheinbar ohne Anzeichen von Panik weiter. Man geht einkaufen, Kinder kehren von der Schule heim. Trotzdem spürt man die Lebensgefahr, in der sich alle befinden, am meisten Hanna, vor der alle zurückschrecken, die ihr begegnen: der verunglückte Wanderer in den Bergen, das Rettungsteam, das sie im Tal benachrichtigt. Ein Hund, der sie im Schlaf am Waldrand beschnuppert, stirbt in ihren Armen nur wenige Stunden später.
Als sie denunziert wird und ihr die Polizei auf den Fersen ist, flüchtet sie in die Einsamkeit überwältigender Bergpanoramen und trifft auf einem menschenleeren Bauernhof eine alte Frau (Barbara Petritsch), die als einzige der Familie die global grassierende Seuche überlebt hat. Aus dem Gespräch der beiden Trauernden erfährt man, dass Hanna Mann und Sohn verloren hat und zu den hochansteckenden Trägern der Krankheit gehört, deren Erreger rasend schnell mutieren. Deshalb will sie auch nicht interniert werden, denn in den Lagern stecken sich alle Infizierten mit neuen Varianten an, die trotz zeitweiliger Resistenz den Tod bedeuten können.
Paranoide Stimmung und überreagierende Staatsgewalt
Man kommt nicht umhin, wegen der paranoiden Stimmung und der überreagierenden Staatsgewalt sogleich an die Corona-Pandemie zu denken. Hanna lernt in einem illegalen Wald-Camp an der Grenze die hochschwangere Migrantin Lila (Precious Mariam Sanusi) aus Nigeria kennen, die sich zurück in ihre Heimat durchschlagen will. Als das Zeltlager geräumt wird und einige der Infizierten erschossen werden, schlägt die Handlung endgültig ins Dystopische um, wobei sich sogleich Assoziationen an das mörderische Wirken der Einwanderungsbehörde ICE in den USA unter Trump aufdrängen. Hanna gelingt es, zusammen mit der Migrantin vorläufig Richtung Süden zu entkommen. Ein Happy End bedeutet das für beide noch lange nicht.
Strukturiert wird die per se dramatische, aber auf jegliche künstliche Zuspitzung verzichtende Handlung durch lange Aufnahmen, ruhige Kameraeinstellungen und eine reduzierte Tonspur. Die raren Schnitte sind klug gesetzt, immer auf der Spur der mit der aufgezwungenen Isolation emotional kämpfenden Hanna, die ihre gesellschaftliche Ächtung immer weniger ertragen kann, zumal sie in der Alpenwildnis auf Menschen trifft, die ihrer ärztlichen Hilfe bedürfen. Die erhabene Schönheit der Natur schafft in diesem hyperrealistisch inszenierten Parforceritt zwar kurze Verschnaufpausen. Sie werden aber sogleich von bedrohlichen Situationen abgelöst, die Nina Hoss in ihrem ganzen furiosen schauspielerischen Können fordern. Ein kleines Meisterwerk. Man darf auf den nächsten Film von Minoguchi gespannt sein.