Jede unglückliche Familie, schrieb Tolstoi, ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Dies trifft in besonderem Maße auch auf die Familie Trask in „East of Eden“ in der Serienadaption von John Steinbecks gleichnamigem Romanklassiker durch Zoe Kazan zu: auf den alten Cyrus (Tracy Letts), seine beiden Söhne Charles (Mike Faist) und Adam (Christopher Abbott) sowie späterhin die Enkel Caleb (Joseph Zada) und Aron (Joe Anders). Doch darüber hinaus sind die Trasks unglücklich in einer derart existenzialistischen, geradezu alttestamentarischen Form, dass man zweifeln könnte, ob das „Pursuit of Happiness“, das natürliche Verfolgen eines individuellen Glückszustands, überhaupt zu ihrer genetischen Disposition und sozialen Konditionierung als US-Amerikaner gehört. Das war schon in John Steinbecks Vorlage und in deren Verfilmung „Jenseits von Eden“ durch Elia Kazan so und ist es bei dessen Enkelin Zoe Kazan umso mehr.
Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, sowieso und in der hier vorgestellten jungen, noch ungeschliffenen Welt des Früh- bis Hochkapitalismus in akuter Verschärfung. Wenn der eine den anderen auch nicht immer gleich zerreißt und frisst, so macht er ihm doch das Leben schwer in einem Maße, dass dieser sich bald weder als einsamer Wolf noch im gesellschaftlichen Rudel in seiner Haut wohlfühlen kann.
Die Upper Class der US-Ostküste sowie die Pioniere des Westens bilden im Wesentlichen einen Boys’ Club, sind eine Männerwelt der Soldaten, Politiker, Geschäftsleute und Farmer. Frauen werden in dieser Welt marginalisiert, sind zwar nolens volens geduldet, jedoch nahezu ausschließlich als Mütter – und Huren. Der Twist der Serie besteht nun darin, die eine Ausnahme zu kreieren und in schillernden Farben vorzuführen, die eine starke, selbstbestimmte Frau: Cathy „Kate“ Ames (Florence Pugh), die sich durchsetzt (um einen sehr hohen Preis allerdings) und den Männern Stirn und Peitsche bietet. Prostituieren muss sie sich dafür dennoch.
Leben
Es ist ein ländliches, im Zyklus der Natur gelebtes Leben, das die Trasks anfangs führen, aber auch ein darüber hinaus unbarmherziges. Für die Kinder, denen ersichtlich das Hauptaugenmerk und die Sympathie der erzählenden Instanzen zufällt, gibt es in der ersten Generation wenig Abwechslung oder das, was man Kultur und höhere Bildung nennt. Dies ändert sich erst für die Enkel Cal und Aron dank der Figur des weise-besonnenen Hauslehrers Lee (Hoon Lee), einer charismatischen Gestalt zwischen den kulturellen Hemisphären von China und den USA.
Weibliche Einflüsse welcher Art auch immer sind kaum wahrnehmbar, stattdessen haben es Charles und Adam mit einem innerlich zutiefst enttäuschten und an einer großen Lebenslüge nagenden Vater zu tun, der mit ihnen fast ausschließlich in Form eines militärischen Drills kommuniziert, welcher oftmals in körperliche Züchtigung ausartet. Dazu macht er keinen Hehl daraus, dass ihm Adam, der Jüngere, der liebere von beiden ist.
Lieben
Kann man unter diesen Voraussetzungen die Liebe lernen, überhaupt liebesfähig werden? Wohl kaum. Allenfalls lernt man die widerwillige Verehrung des Ranghöheren und die Lektion, dass Wohlwollen einem nur nach Leistung oder gänzlich aus Willkür zufällt. Weder die väterliche noch die brüderliche Liebe sind in „East of Eden“ voraussetzungs- und bedingungslos. Die Frau ist etwas Fremdartiges, ein unbekanntes Wesen; die Liebe zu ihr erscheint kontraintuitiv und nimmt leicht die Formen des Extremen, des Exzesses an: gänzliche Liebesabwesenheit oder wilde, wenn auch stille Obsession.
Erotische Wünsche und Begierden müssen gemäß gesellschaftlicher Konvention zumeist verborgen bleiben und degenerieren daher oftmals zur Perversion, die dann Mann und Frau gleichermaßen beschädigt. So ist der Keim des Hasses gesät – zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen brüderlich Verbundenen.
Teilen und täuschen
Wer das Teilen nie gerecht erfahren hat, der verlegt sich leicht aufs Täuschen. Auch dieser Zusammenhang reicht weit zurück bis ins Alttestamentarische. Früh fühlen Charles und Adam, dass ihre geringen Gaben vor Gott-Vater (der ja selbst ein Täuscher und Trickser ist) nicht gleichen Wert haben und anders angesehen werden – eine folgenschwere Lektion fürs Leben. Die junge Cathy hingegen spürt einschneidend das eklatante Auseinanderklaffen von Denken und Sagen, von Sagen und Tun, welches sie in der Welt der Erwachsenen wahrnimmt – sie wird daraufhin früh eine Meisterin der Intrige und der Simulation. Und auch Lee, der seine ganz eigene (Familien-)Geschichte der Diskriminierung und Ungleichbehandlung mit sich trägt, sieht sich genötigt zu täuschen – er, um seine Kultur und Bildung zu verbergen und im wilden Westen nicht noch mehr wie ein Wunderwesen zu wirken.
Zum Teilen gehört auch das Erben. Die Trask-Söhne sind hier bevorteilt (der Tod des Vaters macht beide wohlhabend), aber das Erbe zementiert ebenso endgültig ihre asymmetrischen Beziehungsverhältnisse; nur einer, Charles, wird im Vaterhaus verbleiben, Adam zieht mit seinem Anteil von dannen.
Trennen und fliehen
Wer nicht lieben gelernt hat, der wird sich auch nicht gut und heilsam trennen können, von Menschen wie von Orten; immer bleibt ein Rest, etwas Inkommensurables, das wie ein Stachel im Fleische steckt und, empfunden als Bürde, mitgeschleppt wird auf dem weiteren Lebensweg. Jeder Aufbruch wird zur Auflehnung, zum Ringen mit sich selbst und den Zurückgelassenen, jede Reise ist eine Flucht, und manchmal wüten Tod und Verderben an ihrem Platz.
Echte Heimat finden alle diese Rastlosen in „East of Eden“ nicht; im Gegenteil: Auch wenn sie hochgradig dysfunktionale soziale Bindungen und unwirtliche Orte hinter sich lassen müssen, tragen sie ein lebenslanges Leiden davon, als wären sie aus dem Paradies selbst vertrieben worden. Adam Trask vor allem ist seelisch verstümmelt und gezeichnet für Jahrzehnte durch die Trennungen, die er erdulden musste.
Reden und schweigen
Die solcherart an ihrer Seele Beschädigten können natürlich auch nicht adäquat und ganzheitlich kommunizieren. Es wird deutlich zu wenig geredet in „East of Eden“ und viel zu viel geschwiegen, zwischen nahezu allen. Nur die Kinder schaffen sich, selten genug, Momente des Einvernehmens und der Vertraulichkeit, doch da sie über Wesentlichstes getäuscht wurden, bis hin zu ihrer eigenen Identität und Herkunft, fehlen ihnen wichtige Informationen zur Kommunikation – ihr Reden bleibt Spekulation und Eskapismus; Traumata schwären unbesprochen weiter in der Tiefe der Seele.
Leben geben und Leben nehmen
Wenn Worte versagen oder gar nicht erst gesucht und gefunden werden, tendieren Konflikte ohne Krisenkommunikation oft zu handgreiflichen Lösungen. So wenig, wie wirklich geredet wird in „East of Eden“, so oft und viel wird geschlagen: Cyrus prügelt seine Söhne, diese lassen ihre Dissense sich in eruptiven Faustduellen entladen, und Cathy schließlich muss in dieser Hinsicht früh so Fürchterliches erleben, dass sie für ihr Leben gezeichnet bleibt – und die Monstrositäten, die wiederum sie sich späterhin zuschulden kommen lässt, beinahe erklärlich erscheinen.
Aber eben nur beinahe. So wird sie nacheinander zur Verleumderin, Brandstifterin und Giftmischerin, jedes Mal mit letalem Ausgang, und keine noch so sympathetische und übermoralische Inszenierung ihrer Figur vermag all dies in feministische Befreiungstaten und Selbstermächtigung umzudeuten. In ihr erzeugt der fundamentale Mangel an Liebe, den sie erfahren musste, eine so totale Liebesunfähigkeit, dass sie verheerend, sogar tödlich wird für fast alle in ihrem Nahbereich. Allenfalls ihr ausgeprägtes Nichtverhältnis zu ihren Söhnen wäre noch nachvollziehbar, da es die verschiedensten Ursachen haben könnte. Hier verbirgt sich denn auch eher eine griechische Tragödie als eine weitere alttestamentarische Erzählung von Verfluchen und Verbannen.
Zoe Kazans Konzept wird getragen und gerechtfertigt von teilweise außerordentlich starken Schauspielerleistungen: Die vielen Kinderdarsteller sind stimmig ausgewählt; aus dem erwachsenen Ensemble ragt charismatisch Mike Faist heraus, der sein Porträt des Charles Trask mit sehnig-virilem Spiel und genau dem richtigen Maß an Bewusstsein von Schuld und Verdammnis zeichnet. Florence Pugh darf die größte Amplitude möglicher Gefühlsregungen vorführen (was ihr gelingt), muss dann über weite Strecken allerdings wie in emotionaler Versteinerung agieren. Das erweist sich für ein Projekt insgesamt als gefährlich, das das Wagnis unternimmt, eine Familiensaga über drei Generationen von Männern mit einer weiblichen Hauptrolle auszustatten. Cathys/Kates Schicksal, so wie es hier imaginiert wird, ist unbedingt historisch relevant und auch dramatisch involvierend, doch zieht der Fokus darauf auch bei siebenstündiger Erzählzeit allzu viel Aufmerksamkeit ab vom Leben der anderen, dessen Veränderungen dann recht ruckartig mitgeteilt werden.
Auch die geschichtlich-gesellschaftliche Leinwand, vor der sich die Handlung in rückblickend spannenden Zeiten entfaltet, hätte vielleicht noch detaillierter, noch kontrastreicher ausgemalt sein können. Andererseits: Man sieht eine Serie und liest keinen soziologischen Essay. Letztlich gelingt es „East of Eden“ überzeugend, Steinbecks im Grunde zutiefst unamerikanisches Gedankengebäude abzubilden, das das Geschenk des Lebens, die Verfolgung der eigenen Glücksmöglichkeiten sowie die Eroberung des Westens gleichermaßen als eine Vertreibung aus dem Paradies darstellt. Welches Paradies? Womöglich das des Nichtseins …