Drama | Großbritannien 2017 | 106 Minuten

Regie: Richard Eyre

Eine erfahrene englische Familienrichterin, die in einer tiefen Ehekrise steckt, muss unter Zeitdruck eine ethisch anspruchsvolle Entscheidung treffen: Soll sie gegen den erklärten Willen eines 17-jährigen Patienten eine womöglich lebensrettende Bluttransfusion anordnen? Die Juristin entschließt sich, den an Leukämie erkrankten Jugendlichen im Krankenhaus aufzusuchen, was für beide unabsehbare Folgen nach sich zieht. Das Drama nach dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan skizziert nachdenklich und gut recherchiert ein Ehe- und Justizdrama mit einer distinguierten Frau im Mittelpunkt, die zu ihren Gefühlen keinen Zugang hat. Die Hauptdarstellerin trägt den Film mit ihrem hinreißend zurückgenommenen Spiel; die anderen Figuren fallen in ihrer Zeichnung dahinter etwas zurück. - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
THE CHILDREN ACT
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2017
Produktionsfirma
Toledo Prod./BBC Films/FilmNation Ent.
Regie
Richard Eyre
Buch
Ian McEwan
Kamera
Andrew Dunn
Musik
Stephen Warbeck
Schnitt
Dan Farrell
Darsteller
Emma Thompson (Fiona Maye) · Stanley Tucci (Jack Maye) · Fionn Whitehead (Adam Henry) · Anthony Calf (Mark Berner) · Jason Watkins (Nigel Pauling)
Länge
106 Minuten
Kinostart
30.08.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Gerichtsfilm | Literaturverfilmung
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. eine Reihe von Interviews mit Cast & Crew, darunter ein längeres mit dem Autor von Vorlage und Drehbuch, Ian McEwan (12 Min.).

Verleih DVD
Concorde (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl./dt., dts dt.)
Verleih Blu-ray
Concorde (16:9, 1.78:1, dts-HDMA engl./dt.)
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Drama um eine englische Familienrichterin, die in einer persönlichen Krise steckt, aber unter Zeitdruck über ein schwieriges ethisches Dilemma urteilen muss.

Diskussion
Wenn es vor deutschen Familiengerichten um das Wohl von Kindern geht, etwa nach Trennungen oder Scheidungen, werden die betroffenen Minderjährigen in der Regel angehört. Das britische Rechtssystem scheint anders zu funktionieren; zumindest legt die entscheidende Begegnung in Richard Eyres Drama „Kindeswohl“ dies nahe. Die Familienrichterin Fiona Maye, die selbst keine Kinder hat, geht in ihrer Arbeit auf. Sie entscheidet auch über Fälle, die ethische Fragen aufwerfen und große öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Im Film lernt man sie bei einem solchen Fall kennen, in dem sie über die operative Trennung von siamesischen Zwillingen entscheiden muss, wobei der Tod von einem der beiden Kinder billigend in Kauf genommen wird; ohne eine Trennung würden beide sterben. Vor dem Gerichtgebäude stehen wütende Demonstranten, die gegen das „Todesurteil“ skandieren, die Medien sind vor Ort. Unabhängig davon ist auch Mayes Privatleben in Aufruhr, selbst wenn sie sich diesen Spannungen mit einer rationalen Entscheidung verweigert. Ihr Mann Jack hat ihr eröffnet, dass er eine außereheliche Affäre beginnen möchte, obgleich er sie liebe und sie nicht verlassen wolle. Sie hätten seit langer Zeit keinen Sex mehr; die Arbeit bestimme alles, Intimität oder die Beziehung hätten keinen Platz. Die Juristin ist nicht in der Lage, emotional darauf zu reagieren – und reicht die Scheidung ein. Emma Thompson interpretiert bemerkenswert nuanciert das Psychogramm einer Frau, die von ihren Gefühlen abgeschnitten ist. Die Sicherheit, mit der sich ihre Figur zuvor durch ihre Arbeitswelt oder ihr Haus bewegte, ist dahin. Die Irritation ihrer Kollegen über Fahrigkeiten oder die neue Brüskheit, die ihren bisher eher sanften Sarkasmus überlagern, spiegelt sich vor allem in Mayes Blicken, die das Wegrutschen und Wiedereinfangen der Fassade dokumentieren. Regisseur Richard Eyre schildert ziemlich anschaulich, zurückhaltend-distinguiert und ebenfalls mit sanftem Sarkasmus ein gehobenes Milieu, das sich jenseits der gesellschaftlich bedeutsamen Tätigkeiten an gemeinsamen musikalischen Zusammenkünften erfreut. Musik scheint auch der Schlüssel zu Mayes Seele zu sein. Ihr Klavier hat sie einst von ihrem Mann geschenkt bekommen; in einer Rückblende erinnert sie sich an jenen Moment. Durch die Musik und ihre Klavierspiel sind sentimentale Gefühle für sie möglich. Dies setzt sich in „Kindeswohl“ fort, bis zum Schluss, in einer musikalisch-dramatischen Eruption. Denn mitten in der privaten Krise sieht sich Maye mit einem neuen Fall konfrontiert. Ein 17-jähriger Junge ist schwer an Leukämie erkrankt, verweigert aber die mutmaßlich lebensrettende Behandlung, da er und seine Eltern den Zeugen Jehovas angehören; nach deren Lehre würde durch eine Bluttransfusion die „Heiligkeit des Blutes“, der vermeintliche Sitz der Seele, verletzt. Eine dementsprechende Behandlung zöge den Ausschluss aus der Gemeinschaft nach sich. Die Eltern, die Maye vor Gericht anhört, sprechen von ihrem Sohn Adam als einem eigenwilligen, reifen jungen Mann, dem sie die Entscheidung überlassen. Maye fasst den nach englischem Recht offenbar unkonventionellen Entschluss, den Jugendlichen im Krankenhaus zu besuchen und begegnet einem leidenschaftlichen Jungen mit Hang zur Poesie und zur Musik. Gemeinsam musizieren sie. Dieses Zusammentreffen beeinflusst ihrer beider Leben nachhaltig. Der Film bleibt dabei auf die Figur der Richterin fokussiert; Emma Thompson trägt den Film. Den anderen Darstellern gelingt es nicht ganz, sich von den Thesen, die ihren Figuren zugrunde liegen, zu emanzipieren. So bleibt insbesondere der junge Adam ein Stück weit zu blass. Das Drehbuch stammt von dem Schriftsteller Ian McEwan nach seinem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2014, der wiederum von einem echten Fall inspiriert ist. Auch in Deutschland wird die Weigerung der Zeugen Jehovas, Bluttransfusionen zuzulassen, immer wieder diskutiert. Patientenverfügungen spielen hier eine Rolle. Bei Kindern ab dem 14. Lebensjahr kommt der behandelnde Arzt ins Spiel. Er soll herausfinden, ob ein Jugendlicher nicht nur einer „Verführung (Todesromantik)“ unterliege, sondern eigenständig, mit Einsicht und Klarheit in die Schwere der möglichen Folgen, entscheiden kann. In „Kindeswohl“ ist dies Mayes Aufgabe.

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