Das Rumoren der Welt

Die argentinische Filmemacherin Lucrecia Martel und ihre außergewöhnlichen Filme

Diskussion

Die außergewöhnlichen Filme der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel bohren sich tief ins Gedächtnis. Man wird sie nicht mehr los; oft enthüllt sich ihr Kern erst Tage später. Am Donnerstag, 12. Juli, startet ihr jüngstes Werk „Zama“, eine Art Rückblick auf die Kolonialzeit als surreal-groteskes Fegefeuer. Im Berliner Kino Arsenal lässt sich ihr Werk derzeit im Rahmen einer Filmreihe entdecken.


Von Beginn an stimmt etwas nicht in den Filmen von Lucrecia Martel. Gute Filme starten meist dort, wo etwas nicht stimmt. Martels Kino fühlt sich wie ein ansteckendes Fieber im Augenblick der Ekstase an. Man kann sich nie ganz sicher sein, was man da gerade sieht. Das Fundament ihrer Filme ist die Unsicherheit der Wahrnehmung. Alles wankt. Seien es die Bilder, die man sich von Dingen zu machen glaubt, die moralischen Überzeugungen oder schlicht die Illusion einer Sicherheit. Das gilt gleichermaßen für Protagonisten wie Zuschauer.

"Der Morast"
"La Ciénaga - Morast"

Vier Spielfilme hat die argentinische Regisseurin bislang realisiert. Sie sagt von sich selbst, dass romantische Komödien ihr Feind seien. Drei ihrer Filme, „La Ciénaga - Morast“ (2001), „La niña santa - Das heilige Mädchen“ (2004) und „Die Frau ohne Kopf“ (2007), sind in ihrer Heimat in der Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens angesiedelt. Diese Trilogie spielt in der Gegenwart, auch wenn die Zeit immer wieder auszusetzen scheint. Alle Filme sind poetische Studien. Man spürt, wie genau Martel ihre Umgebung beobachtet. In den psychologischen, politischen und moralischen Zustandsbeschreibungen ihrer weiblichen Protagonistinnen zielen sie zwischen schwarzem Humor und psychologischem Horror auf eine punktgenaue Abrechnung mit der argentinischen Gesellschaft. Dabei geht es nicht um ein klare Story, eher um kreisende Beobachtungen, die auf Situationen und assoziative Zusammenhänge fokussieren.


Kino, das die Realität herausfordert

In ihrem jüngsten Film „Zama“ (deutscher Kinostart: 12. Juli) verhält sich das ähnlich, obwohl erstmals ein historisches Setting und ein männlicher Protagonist ins Zentrum rücken. Auch hier setzt die Zeit aus. Der Film kreist um einen Offizier und sein Warten auf Versetzung. In diesem Warten liegt eine „Unvereinbarkeit zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (Roger Koza). Eine Beobachtung, die für alle Arbeiten von Martel gilt.


"La niña santa - Das heilige Mädchen“

Das Kino von Lucrecia Martel fordert die Realität heraus, indem es sich über das wundert, was die meisten akzeptieren oder worüber sie geflissentlich hinwegsehen. Martel stammt aus einer reichen Familie, und es ist häufig der Wohlstand der Mittelklasse, dem sie ihre Aufmerksamkeit widmet. In mancher Hinsicht verkörpert Martel das schlechte Gewissen der bürgerlich-weißen Oberschicht. Ihre Filme sind von auffallend stummen schwarzen Bediensteten und den Überbleibseln der Kolonialkultur bevölkert. Immer wieder gibt es Szenen, in denen ganz beiläufig Rassismus gezeigt wird, weil dieser genauso beiläufig weiter existiert. Schon ihr Debütfilm „La Ciénaga - Morast" kreiste um die Spannungen zwischen wohlhabender Dekadenz und ihren Bediensteten.

Manchmal stellt Martel unterschiedliche Klassen durch Parallelmontagen gegenüber. Etwa zu Beginn von „Die Frau ohne Kopf“, wodurch ein enormer Druck entsteht, der in dem einen Bild von der Ursache und in einem anderen Bild von der Wirkung erzählt. Eine Frau überfährt in einem Moment der Unachtsamkeit einen Hund oder ein Kind. Da sie nicht stehenbleibt, sondern weiterfährt, findet fortan alles in einer merkwürdigen Unsicherheit statt. Als Zuschauer weiß man nicht mehr als die Protagonistin; man tappt gemeinsam mit ihr durch die Zweifel. Der Umgang mit einer möglichen Schuld wird zur klaffenden Wunde, die mit jeder schulterzuckenden Beruhigung durch die mehrheitlich männlichen Familienangehörigen und jeder Kompensation immer stärker blutet.


Bei Lucrecia Martel gibt es keine einfachen Lösungen

Auch die Selbstverständlichkeit des Sexismus ist ein Thema der Filme. Am deutlichsten kommt dies in „La niña santa – Das heilige Mädchen“ zum Vorschein. Dort drückt ein Arzt bei einer öffentlichen Versammlung seinen Schritt gegen ein Schulmädchen. In der Folge befindet sich das Mädchen auf einer verunsicherten Mission der Vergebung. All diese Augenblicke offenbarter Niedertracht sind flüchtig, beinahe anekdotenhaft erzählt. Kaum hat man sie gesehen, sind sie auch schon verflogen. Ein Junge nimmt einen Schluck aus einem Glas, aus dem ein an Hepatitis erkranktes Mädchen getrunken hat. Wer nicht hinsieht, hat diese Szene in „La Ciénaga - Morast“ nie gesehen. Und doch gibt es sie. Vergraben unter den Oberflächen, den Floskeln, den sozialen wie räumlichen Umgebungen und der erdrückenden Ambivalenz. Bei Martel gibt es keine einfachen Lösungen. Auch deshalb dreht sie keine Filme, die gegen die von ihr beobachteten Mängel ankämpfen. Vielmehr liefert sie Aggregatzustände, die das sichtbar machen, was sich im Unsichtbaren besonders wohlfühlt.

"Die Frau ohne Kopf"
"Die Frau ohne Kopf"

Wie präzise sie damit dennoch Wunden aufreißt, zeigt sich in den ersten Minuten von „Zama“. Der titelgebende Protagonist Don Diego de Zama lungert am Strand herum und beobachtet einige einheimische unbekleidete Frauen bei der Arbeit. Als diese ihn bemerken, rufen sie ihn wie im Spiel einen Voyeur. Peinlich ertappt, zieht der Mann davon. Doch er wird von einer besonders mutigen Frau verfolgt. Als sie ihn schnappt, schlägt er sie und weist sie zurecht. Damit ist weißer männlicher Kolonialismus auf den Punkt gebracht. Doch das Ganze verkommt bei Martel nie zur These. Zu komplex sind die Verhältnisse, zu tief steckt man bereits im Morast. Über was gesprochen und über was lieber geschwiegen wird, ist dabei von großer Bedeutung.


Geräusche und inneres Rumoren

Man muss bei den Filmen von Martel explizit betonen, dass dieses Sichtbarmachen nur die halbe Wahrheit darstellt. Denn die Regisseurin sagt, dass sie einen Film zuerst höre, bevor sie ihn sehe. Zusammen mit David Lynch gehört Lucrecia Martel zu den großen Tondesignern unter den zeitgenössischen Filmemachern. Seit Beginn ihrer Karriere arbeitet sie mit Guido Berenblum am Ton ihrer Filme. Martel betont in Interviews immer wieder die Leistungen ihrer Mitarbeiter. Über Berenblum sagte sie, dass er Rhythmen und Töne auch dort entdecke, wo die meisten nur Lärm empfinden. Bisweilen spürt man die Umgebungen so stark auf der Tonebene, dass es gar keine Bilder mehr bräuchte. 

Ein schönes Beispiel dafür sind die ersten Sekunden in „Der Morast“. Noch während die Titel erscheinen, hört man es aus der Ferne donnern. Unheil droht, die Erde zittert. Begleitet von unübersichtlich kadrierten Einstellungen hört man Eis in Gläsern klirren, Sonnenstühle rattern über den Boden, Vorhänge rascheln im Wind. Etwas braut sich zusammen. Dafür braucht Martel gar kein klares Bild. Man kann dabei von einem subjektiven Ton sprechen. Allerdings nicht im Sinne dessen, dass es hier um die Wahrnehmung einer einzelnen Figur ginge, sondern um ein kollektives Gefühl, das spezifische, an die Geografie gebundene Geräusche mit innerem Rumoren verbindet.

"Zama"
"Zama"

Wer diese zutiefst beunruhigenden Filme aus sicherer Distanz anzusehen will, hat es schwer, da man sich die ganze Zeit einen Überblick zu verschaffen versucht. Ein wenig verführt einen das Kino von Lucrecia Martel, indem es immer etwas zu wenig zeigt, weshalb man mehr sehen will und damit näher und näher kommt, bis man plötzlich gefangen ist in den entfremdeten Bildern. All das erinnert an Albträume. Nur dass man daraus kaum erwachen kann. Martel unterstützt das, in dem sie sehr selten Totalen einsetzt oder immer wieder abrupt aus der Handlung in scheinbar unzusammenhängende Nebenschauplätzen schneidet. In „Die Frau ohne Kopf“ und in „Zama“ gelingt dieser innere Horror besonders eindrucksvoll, weil die Perspektive der Filme mit denen der Protagonisten überlappt.


Narrationen aus kleinsten Augenblicken

Man fühlt sich nicht wohl in den Filmen von Martel. Was anderswo, etwa bei romantischen Komödien, unerträglich wäre, ist hier faszinierend. Es gibt keine Identifikation mit Helden, sondern mit der Unerträglichkeit und der Scham, den alle in sich tragen. Dabei verschmelzen Verbitterung und halluzinatorischer Rausch. In ihren dekadrierten Einstellungen (Körper werden vom Bildrand abgeschnitten, Köpfe stoßen fast gegen die Decke, man sieht nur ein Detail) interessiert sich Martel auffallend häufig für das menschliche Gesicht. Man studiert in diesen Gesichtern das, was man dahinter vermutet. Oft starren die Figuren in eine Leere. Man sieht ihnen beim Denken zu. Häufig liegt die Schärfe auf der schwitzenden Stirn. In „Zama“ deutet sie etwa einen drohenden Kontrollverlust in ein mögliches Delirium an.

Lucretia Martel bei den Dreharbeiten zu "Zama"
Lucretia Martel bei den Dreharbeiten zu "Zama"

Man möchte zurückkehren zu diesen hypnotischen Tönen und Bildern von Lucrecia Martel. Denn es bleibt das Gefühl, dass man etwas übersehen hat. Anderes wird einem erst Tage später klar. Diese Wirkung ist kein Zufall. Martel erarbeitet ihre Situationen und Narrationen aus kleinsten Augenblicken. Dabei setzt sie viel auf wiederkehrende Elemente und Orte wie zum Beispiel die Unfallstelle in „Die Frau ohne Kopf“. Vieles kriecht wie ein Bakterium durch die Dinge, die man sieht. Man merkt erst später, dass man infiziert wurde. Alles existiert in einer Gleichzeitigkeit: Absurdität und Sterblichkeit, Gleichgültigkeit und Gewissen, Zuneigung und Krankheit. 

Alle Protagonisten eint, dass sie den Kontakt zu sich selbst verloren haben oder im Laufe der Handlung verlieren. Tief in den Figuren lauert das Bedürfnis zu Spüren. Diese Sehnsucht ist mindestens so groß wie der Wunsch zu vergessen. Exemplarisch vorgeführt wird das Begehren eines Kontakts, eines Fühlens in „La niña santa – Das heilige Mädchen“, als die Protagonistin mit ausgestreckter Hand über die Köpfe vorbeirennender Kinder streicht wie über hohes Gras.

Wenn Martel nach den Motivationen für ihr Filmemachen gefragt wird, erzählt sie häufig, dass es sich mit ihren Filmen analog zu Telefongesprächen mit ihrer Mutter verhalte. Sie würde lange mit ihrer Mutter sprechen, am Ende des Gesprächs sich aber fragen, warum die Mutter eigentlich angerufen habe. Zwei Tage später stellt sich dann eine vage Idee ein, warum sie gesprochen haben. Mit anderen Filmen, die sich mehr für die Story interessieren, würde die Befriedigung und der Effekt unmittelbar eintreten. In ihren Filmen aber sei das anders.

Es sind diese zwei Tage (oder mehr) nach dem Film, in dem das Kino lebendig werden kann. Das ist die Zeit, die man sich für eine Erkenntnis, für ein Gefühl nehmen sollte, damit es wirklich bleibt. In diesen zwei Tagen trifft man Lucrecia Martel.

Lucrecia Martel


Zur Filmreihe im Kino Arsenal:

Gezeigt werden alle Spielfilme von Lucrecia Martel sowie der Film „Anos Luz“ von Manuel Abramovich, der die Dreharbeiten zu „Zama“ mit der Kamera begleitet hat. Lucrecia Martel wird zur Vorpremiere von „Zama“ am 10. Juli sowie bei der Aufführung von „Die Frau ohne Kopf“ am Samstag, 7. Juli, im Kino Arsenal zu Gast sein. Weitere Infos finden sich hier.


Fotos: Kino Arsenal

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